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Zahl der Hinrichtungen steigt Tausende sterben durch die Hand des Staates

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Erschießungskommando in Somalia. Das Land in Ostafrika steht mit mindestens 34 Hinrichtungen an sechster Stelle weltweit.

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Am Galgen das Genick gebrochen, von Gewehrkugeln durchsiebt, durch Giftspritzen wie Tiere eingeschläfert - in fast zwei Dutzend Staaten sind 2013 Bürger hingerichtet worden. Weil China "außer Konkurrenz" läuft, führen andere die Statistik an.

1925 Todesurteile in 22 Staaten. 778 Hinrichtungen und 23.392 Verurteilte in den Todestrakten dieser Welt. Wenn die Menschenrechtsorganisation Amnesty International ihre Daten zur Todesstrafe weltweit veröffentlicht, erwecken diese Zahlen auf den ersten Blick den Eindruck von absoluter Exaktheit. Die Organisation spricht von einem Rückschritt, weil im Vorjahr rund 100 Hinrichtungen weniger gezählt wurden. Tatsächlich weiß aber niemand, wie viele Menschen genau im Namen des Staates umgebracht worden sind. Fest steht nur, dass es sich bei den Zahlen um die Fälle handelt, bei denen kein Zweifel besteht. Neben den Werten vieler Staaten steht in dem Amnesty-Bericht deshalb das mathematische "Größer-als-Zeichen". >369 Hinrichtungen etwa soll es im Jahr 2013 im Iran gegeben haben, also mindestens 369, vielleicht aber auch 500, 700 oder mehr. Wer weiß das schon?

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In den USA wurden im Jahr 2013 39 Menschen hingerichtet. Wenn wieder einmal eine Vollstreckung bevorsteht, gibt es regelmäßig Proteste - so wie hier im Januar 2014 gegen die Hinrichtung des mexikanischen Staatsbürgers Edgar Tamayo.

(Foto: REUTERS)

Doch es ist besser, überhaupt zu zählen, als es gleich sein zu lassen. Und so gibt der neueste Bericht von Amnesty zumindest eine Idee davon, wo auf der Welt Menschen von Staats wegen getötet werden und welche Relationen es gibt. Die Organisation erhebt dabei nicht den Anspruch auf Exaktheit, sondern zählt zus ammen, was Berichte und Statistiken hergeben. Diese veröffentlichen die wenigsten Staaten offiziell. "Wir nehmen nur geprüfte Einzelfälle in die Statistik auf. Dazu werten wir öffentliche Quellen und Berichte aus", erklärt der Sprecher von Amnesty in Deutschland, Ferdinand Muggenthaler, gegenüber n-tv.de. Das können Zeitungsartikel ebenso wie Augenzeugenberichte sein. Denn in vielen Ländern, auch im Iran, finden Hinrichtungen öffentlich statt. Beim Iran etwa wurden aber viele Fälle nicht in die Amnesty-Statistik aufgenommen, weil sie die Prüfkriterien nicht erfüllten. "Es gibt glaubwürdige Quellen für weitere Hinrichtungen, nach denen man insgesamt mit mehr als 700 Fällen rechnen muss", sagt Muggenthaler.

USA haben Lieferprobleme beim Gift

Und auch wenn bezweifelt werden kann, dass es im vergangenen Jahr im Iran wirklich genau 369, im Irak 169 und in Saudi-Arabien 79 vollstreckte Todesurteile waren, so lässt die Mathematik anhand dieser Mindestanzahl von dokumentierten Fällen zumindest den Schluss zu, dass vier von fünf Hingerichteten in der Welt in diesen drei Ländern starben. "Dass die Masse der Hinrichtungen auf das Konto einiger weniger Staaten geht, ist bestürzend und beschämend", sagt dazu Amnesty-Vorstandssprecher Oliver Hendrich. An vierter Stelle folgen die USA mit 39 Hinrichtungen, Somalia mit >34, Sudan mit >21 und der Jemen mit >13. Manchen der Getöteten wurde am Galgen eine Schlinge um den Hals gebunden, ihnen brach das Genick in dem Moment, als sie den Boden unter den Füßen verloren. Andere wurden an einen Pfahl gebunden, bevor aus einem oder mehreren Gewehren der Henker die Kugeln zischten, die Millisekunden später ihre Leiber und lebensnotwendigen Organe zerfetzten. Einigen Verurteilten in Saudi-Arabien wurde mit einem Schwert der Kopf abgeschlagen.

In anderen Staaten ist die Giftspritze das Mittel der Wahl. Die USA, in der Amnesty-Hinrichtungsstatistik an Platz 4, haben dabei seit einigen Jahren das Problem, dass europäische Hersteller nicht mehr bereit sind, den Wirkstoff Pentobarbital nach Übersee zu exportieren. Dadurch wurden mutmaßlich einige Hinrichtungen verhindert oder zumindest aufgeschoben. Für das starke Schlafmittel, mit dem auch Tiere eingeschläfert werden, ist bisher kein Ersatz gefunden. In Fällen, wo andere Giftmischungen verwendet wurden, mussten die Todeskandidaten Höllenqualen erleiden. Die USA sind die einzige westliche Industrienation, die die Todesstrafe noch praktiziert. 32 Bundesstaaten halten an der Praxis fest, insgesamt wurden 39 Hinrichtungen in neun Bundesstaaten gemeldet. Die meisten gab es in Texas und anderen Südstaaten. Hier ist davon auszugehen, dass die Zahl auch korrekt ist. In diesem Jahr sind bereits 13 Menschen in den USA hingerichtet worden, zuletzt am 26. März in Missouri der wegen Mordes verurteilte Jeffrey Ferguson.

Die Menschenrechtsorganisation kritisiert neben der bloßen Anzahl der Getöteten den Umstand, dass die Mehrzahl wegen Verbrechen verurteilt worden ist, die nicht zu den schwersten Verbrechen zählen. So verhängt der Iran die Todesstrafe für Drogendelikte und Saudi-Arabien für Ehebruch. In Pakistan steht auf "Gotteslästerung" die Todesstrafe und in China und Nordkorea auf Wirtschaftsverbrechen. Dabei stehe zu befürchten, heißt es bei Amnesty, dass die Todesurteile häufig nicht nach fairen Prozessen oder nach erzwungenen Geständnissen erfolgt sind.

China tötet Tausende

In dem Land, das die mit Abstand meisten Todesurteile weltweit verhängt, versagt jedoch jedes Zählsystem. China behandelt die Todesstrafe als Staatsgeheimnis. Über die genauen Zahlen kann man von außen nur spekulieren. Laut Amnesty sind es "Tausende". Womöglich sind es zehn Mal so viele wie im Iran, der die Statistik jenseits von China anführt. Vielleicht auch zwanzig Mal so viele. Niemand weiß es. Belege und Indizien gibt es genug. "In China gibt es zwar keine offiziellen Statistiken. Aber in der Vergangenheit hat auch die Regierung von vielen tausend Hinrichtungen gesprochen. Jetzt behauptet der Oberste Gerichtshof, die Zahl hätte sich seit 2007 halbiert. Wir können das nicht überprüfen, aber es wären immer noch Tausende", sagt Amnesty-Pressesprecher Muggenthaler. Keine verlässlichen Daten gibt es auch aus Chinas Nachbarland Nordkorea und dem Bürgerkriegsland Syrien. "In Syrien gehen wir von extralegalen Hinrichtungen im Krieg aus", sagt Muggenthaler. Diese kommen aber nicht in der offiziellen Statistik der Todesstrafe vor.

Kleine Erfolge gibt es laut Amnesty im 38. Jahr seit Beginn der weltweiten Kampagne gegen die Todesstrafe dennoch. Die Richtlinien des chinesischen Obersten Gerichtshofes für größeren Schutz von Todgeweihten werden im Verhältnis zu den tausenden Hinrichtungen als Fortschritt angesehen. In den USA hat mit Maryland der 18. Bundesstaat die Todesstrafe komplett abgeschafft. Zum ersten Mal seit 2009 erreichten Amnesty keine Berichte über Hinrichtungen in Europa und Zentralasien. Und in Afrika südlich der Sahara haben Benin, die Komoren, Ghana und Sierra Leone Gesetze geändert, die die vollständige Abschaffung des Todesstrafe ermöglichen können. Pakistan verhängte zwar mindestens 226 Todesurteile, setzte die Vollstreckung aber aus.

In 58 Staaten der Erde ist die Todesstrafe noch Gesetz. 98 haben sie komplett abgeschafft, doch eigentlich müsste man sagen: >98. Denn 140 Staaten haben sich mittlerweile entschieden, keine Hinrichtungen mehr zu vollstrecken.

Quelle: n-tv.de

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