Politik

Reaktion mit scharfer Munition Türkei bedroht syrische Flüchtlinge

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Aleppo gleicht nach mehr als fünf Jahren Bürgerkrieg einer Geisterstadt.

(Foto: REUTERS)

Auf der Flucht vor den schweren Kämpfen in der nordsyrischen Provinz Aleppo marschieren Zehntausende Menschen in Richtung türkischer Grenze. Auf Hilfe der Türkei können sie aber offenbar nicht bauen: Angeblich fallen Schüssen mit scharfer Munition.

Die erbitterten Kämpfe in der nordsyrischen Provinz Aleppo haben Zehntausende Menschen in die Flucht getrieben und lasten schwer auf den Friedensgesprächen in Genf. Allein an einem Frontabschnitt nahe der türkischen Grenze seien 30.000 Zivilisten auf der Flucht, berichtete Human Rights Watch (HRW).

Gefahr droht ihnen möglicherweise auch von Seiten der Türkei: HRW-Mitarbeiter Gerry Simpson warf den türkischen Grenztruppen vor, mit "scharfer Munition anstatt mit Mitgefühl auf Zivilisten zu antworten, die vor IS-Kämpfern flüchten". Die ganze Welt rede über den Kampf gegen den Islamischen Staat. Aber diejenigen, die in größter Gefahr seien, dem IS in die Hände zu fallen, "sitzen auf der falschen Seite der Grenze in der Falle".

Auch die Bundesregierung ist besorgt. Es sei wohl auch in der Nähe von Flüchtlingsunterkünften auf syrischem Boden zu Gefechten gekommen, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes. Er mahnte die Türkei, das Flüchtlingsabkommen mit der EU umzusetzen, demgemäß sich Ankara verpflichtet hat, seine Grenze für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge nicht zu schließen.

Großoffensive der Assad-Truppen

Bundeskanzlerin Angela Merkel reist am übernächsten Samstag mit EU-Ratspräsident Donald Tusk in die Türkei, wie ein Regierungssprecher ankündigte. Geplant sei ein Besuch in Gaziantep an der syrischen Grenze, wo mit EU-Geld ein Flüchtlingslager gebaut wurde.

Bei den Gefechten an mindestens vier Orten in der Provinz Aleppo - den schärfsten seit Ausrufung der Waffenruhe am 27. Februar - wurden nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte seit Sonntag mindestens 210 Kämpfer getötet. Alleine nahe der Stadt Al-Eis südlich der Stadt Aleppo habe es 50 Tote auf Seiten der Regierungstruppen sowie 61 getötete Al-Nusra-Kämpfer gegeben.

Die zwischen Regierung und Rebellen geteilte frühere Handelsmetropole ist seit langem hart umkämpft. Der Aktivist Mahmud al-Schami erklärte, die Truppen von Machthaber Baschar al-Assad hätten am Donnerstag mit Hilfe russischer Luftangriffe nördlich von Aleppo einen Großangriff begonnen. Laut der Syrischen Beobachtungstelle für Menschenrechte konnten die Rebellen die Angreifer jedoch wieder zurückdrängen.

"Aleppo ist der Schlüssel zu Krieg und Frieden"

Sollte die Armee dieses Gebiet einnehmen, könnte sie die letzte Hauptversorgungsroute der Rebellen in Aleppo Richtung Türkei kappen und eine Blockade über sie verhängen, erklärten die Menschenrechtler. Für die Regimegegner wäre das ein herber Rückschlag.

Auf der Seite der Rebellen kämpft neben moderateren Gruppen auch die Al-Nusra-Front, der syrische Ableger der Terrormiliz Al-Kaida. Diese ist wie der IS von der seit Ende Februar geltenden Waffenruhe ausgenommen. "Aleppo ist der Schlüssel zu Krieg und Frieden in Syrien", sagte der Leiter der Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahman. "Jede Kriegspartei ist dort involviert."

In Genf traf am heutigen Freitag gleichzeitig eine Delegation Assads zur geplanten zweiten Runde der Friedensgespräche ein. Vertreter der Opposition waren schon zuvor in die Schweizer Stadt geflogen. Der UN-Sondergesandte Staffan de Mistura hatte zwar seine Hoffnung kundgetan, es könne zu "entscheidenden Gesprächen" kommen - doch sind beide Seiten noch völlig zerstritten über die künftige Rolle Assads.

Quelle: n-tv.de, chr/AFP/dpa

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