Politik

"Diskutieren, ohne den Verstand zu verlieren" US-Komiker rufen zur Vernunft auf

Zum Endspurt des US-Wahlkampfes versammeln sich etwa 200.000 Menschen in Washington. Offiziell keine politische Veranstaltung, appellieren Komiker und Popstars auf der Bühne vor dem Capitol an die Politik: Gegen Populismus, für die Vernunft. Kurz vor der Kongresswahl hofft US-Präsident Obama auf einen Meinungsumschwung.

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Mit Superheldenanzug vor 200.000 Menschen: Stephen Colbert.

(Foto: REUTERS)

Am Ende eines Wahlkampfes voller Absurditäten waren es in den USA ausgerechnet Komiker, die zur Vernunft aufriefen. Zehntausende Amerikaner versammelten sich in Washington, um ihren Unmut über den Populismus, Angstmacherei und die Verdrehung der Wahrheit in Politik und Medien auszudrücken. Insbesondere junge Leute folgten der Einladung der TV-Satiriker Jon Stewart und Stephen Colbert, die mit einer Show im Herzen der Hauptstadt für Toleranz und Verständigung in einer gespaltenen Gesellschaft warben.

Mit ihrer Großkundgebung "zur Wiederherstellung der Vernunft" setzten die Stars des Nischensenders "Comedy Central" kurz vor den Kongresswahlen einen starken Kontrapunkt zu einer der erbittertsten Auseinandersetzungen zwischen Republikanern und Demokraten, die das Land je erlebt hat. So bezichtigten Kandidaten ihre Herausforderer als Taliban-Terroristen, oder US-Präsident Barack Obama wurde auf Plakaten mit einem aufgemalten Hitler-Bart abgebildet.

Ernste Worte vom Berufsclown

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Das Gegenplakat zu den Hitler-Vergleichen.

(Foto: REUTERS)

Nur wenige Schritte vom Capitol entfernt stand Stewart vor geschätzten 200.000 Menschen auf der Bühne und sprach ungewöhnlich ernste Worte. Zumindest für einen Mann, der sein Geld seit Jahren mit Humor verdient. "Wir leben in schweren Zeiten, aber nicht in einer Endzeit. Wir können Auseinandersetzungen haben, ohne Feinde zu sein." Es war ein leidenschaftliches Plädoyer für einen zivilen Umgangston in der Gesellschaft.

Der intellektuelle Clown aus New York traf mit diesen Worten genau den Nerv vieler Kundgebungsteilnehmer. "Ich will, dass wir wieder über unsere unterschiedlichen Ansichten diskutieren können, ohne dabei den Verstand zu verlieren. Was heute in der Politik passiert, ist einfach sehr bizarr", sagt Christopher Rhodes, Chorleiter in einer High-School in Dallas.

Viele Demonstranten zeigten auf selbst gebastelten Schildern, wie genervt sie sind von Panikmache, Diffamierungen und hohlen Thesen, die die Sendezeit quotenhungriger Nachrichtensender füllen. "Warum können wir alle nicht einfach miteinander auskommen?", fragte etwa Dan Calver, der mit seiner Familie aus New York angereist war. Andere griffen zur Ironie: "Seit wann ist Intelligenz ein Schimpfwort?"

Ozzy ganz brav

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Ozzy Osbourne, links, und Yusuf Islam sangen beide auf der Bühne vor dem Capitol.

(Foto: REUTERS)

Nicht jeder wollte eine Botschaft loswerden - manche nutzen das Happening als vorgezogene Halloween-Party und liefen in schrillen Kostümen durch die Mall, die berühmte Museumszeile der Hauptstadt. Auch der liberale Gastgeber Stewart und sein gleichgesinnter Kollege Colbert, als Antipode in der Rolle des Ultrakonservativen, beharrten bis zuletzt darauf, dass die dreistündige Veranstaltung strikt unpolitisch sein sollte. So verloren sie und Gaststars wie Cat Stevens, Ozzy Osbourne und Sheryl Crow kaum ein Wort über die Wahl am 2. November.

Viele der Besucher nutzten die Rallye dennoch als langersehnte Retourkutsche für die Massendemos der rechts-populistischen "Tea-Party-Bewegung". An fast gleicher Stelle hatte vor zwei Monaten der erzkonservative Fox-News-Moderator Glen Beck versucht, die "Ehre wiederherstellen", in dem er die Amerikaner aufforderte, fester an Gott zu glauben. "Bei Beck und der Tea Party ist immer alles so ernst. Wir wollen zeigen, dass es auch anders geht", sagte Martin Mangold aus Rockville in Maryland.

"Genug von unsinnigen Debatten"

Natürlich hoffen die Demokraten - ohne es laut zu sagen - unentschlossene Wähler durch die Veranstaltung noch auf ihre Seite gezogen zu haben. Obama selbst hatte die Veranstaltung begrüßt, am vergangenen Mittwoch war er in Stewarts "Daily Show" zu Gast gewesen.

Dass viele Besucher sich in überfüllte U-Bahnen und Busse quälen mussten, um dann auf dem Veranstaltungsgelände nicht einmal in die Nähe der Bühne oder wenigstens eines Lautsprechers zu kommen, tat der seltenen Volksfeststimmung in der Zentrale der Weltmacht keinen Abbruch. Flagge zu zeigen gegen Marktschreier war für viele das Wichtigste. "Die große Mehrheit der Amerikaner hat genug von den extremen Ansichten auf beiden Seiten, von der Manipulation der Fakten und den unsinnigen Debatten. Deshalb sind wir hier", sagte Charles Fromm, der für das US-Verkehrsministerium arbeitet.

Quelle: n-tv.de, Marco Mierke, dpa