US-Wahl

Journalisten als Helfer für das Obama-Lager MSNBC und der US-Wahlkampf

Der Bürgerrechtler Al Sharpton in einem

Der Bürgerrechtler Al Sharpton in einem "Lean forward"-Clip von MSNBC.

MSNBC ist das Fox News der Demokraten. Mit einer aufwendigen Imagekampagne kombiniert der Nachrichtensender seit 2010 Eigenwerbung mit gezielt links-progressiven Botschaften. Jetzt, im Wahlkampf, wird MSNBC dadurch zum aktiven Teilnehmer am Rennen um das Weiße Haus - und treibt die Spaltung der USA in zwei politische Lager voran.

"Es widert mich an, dass sie eine Präsidentschaftsdebatte mit diesem Müll beginnen", poltert Newt Gingrich. Dabei wollte CNN-Moderator John King nur wissen, ob Gingrich auf die Vorwürfe seiner Ex-Frau antworten wolle. Die hatte nämlich jüngst erklärt, dass ihr Gingrich eine "offene Ehe" vorgeschlagen hatte, nachdem eine seiner Affären bekannt geworden war. Eigentlich wolle er nicht antworten, giftet der weißhaarige Mann mit dem runden Gesicht zurück, "aber ich werde es". Das Publikum reagiert umgehend mit stehendem Applaus, und John King, dem in vielen Wahlkämpfen abgehärteten Moderator, friert die Mimik ein – er ahnt schon, was jetzt kommt.

Die neuesten Umfragen

Republikanische Kandidaten

Direktvergleich

Mitt Romney: 34 Prozent
Rick Santorum: 24 Prozent
Newt Gingrich: 17 Prozent
Ron Paul: 8 Prozent
 

Stand: 11. Februar 2012

Quelle: Gallup

Und richtig, Gingrich holt zum Schlag aus: "Ich habe es satt wie die elitären Medien Barack Obama beschützen indem sie Republikaner angreifen."

Es war der erinnerungswürdigste Moment einer merklich aggressiven, inhaltlich aber erwartbaren Debatte der republikanischen Herausforderer von US-Präsident Obama. Gingrichs Tirade war so wuchtig, dass sich Moderator King später sogar zur Selbstverteidigung im eigenen Sender genötigt sah. Dabei war der Ausraster auch ein politisches Manöver: Gingrich zielte damit auf den Nerv vieler konservativer Wähler, die den meisten journalistischen Medien eine anti-republikanische Grundhaltung vorwerfen. An CNN, das inzwischen längst nicht mehr die Nummer eins im 24-Stunden-Nachrichtengeschäft ist, denken dabei die Wenigsten: Ihr Beweisstück ist der Nachrichtensender MSNBC.

Werbung mit politischen Inhalten

Der nämlich hüllt sich ganz offiziell in ein liberales Gewand: Im Oktober 2010 startete MSNBC, ursprünglich von NBC und Microsoft gegründet, eine aufwendige Imagekampagne. "Lean forward", so der neue Slogan, eine Aufforderung an die Zuschauer, sich zusammen mit MSNBC "nach vorne zu lehnen". Nicht in Richtung Bildschirm, sondern in Richtung der Demokraten. Denn statt Werbung für sich selbst zu machen, preist MSNBC lieber links-liberale Überzeugungen an, und macht damit unverhohlen Wahlkampf für die Demokraten und Obama.

Das Kernstück der "Lean forward"-Kampagne ist eine Serie von Werbespots. Darin machen sich bekannte Persönlichkeiten des Senders Gedanken über die Probleme des Amerikas von heute – und liefern oft Lösungen mit, die die Demokraten kaum besser formulieren könnten.

Gewerkschafter, Reformer, Polit-Nerd

Moderator Ed Schultz spielt die Rolle des traditionellen Gewerkschafters. Mehr Jobs für Amerikas Arbeiter und höhere Steuern für Reiche, das sind seine Kernthemen. Dafür schlendert Schultz mal durch eine Vorzeige-Vorstadt und spricht über zu hohe Lebenserhaltungskosten, mal sinniert er zwischen Schiffscontainern über Amerikas verblasste Stellung als ökonomische Supermacht. Oder er sitzt in einem klassischen Diner und schüttelt den Kopf über die Macht der Wall Street. "Ich hätte nie gedacht, dass ich Amerika mal so erleben würde." Es ist das Occupy-Mantra von "denen da oben gegen uns hier unten", gemischt mit jeder Menge Nostalgie der Wirtschaftswunderjahre nach dem Zweiten Weltkrieg.

Lawrence O'Donnell widmet sich eher den sozialen Themen wie Immigration und Bildung. Der preisgekrönte TV-Autor (unter anderem "The West Wing") und ehemalige Assistent des mächtigen US-Senators Daniel Patrick Moynihan, tritt als Advokat einer starken Bundesregierung auf. "Die Gesundheitsreform ging nicht weit genug", sagt O'Donnell und erinnert an Obamas gescheiterten Versuch, eine staatliche Versicherung einzuführen – was ihm viele Demokraten bis heute vorhalten. Wo Republikaner nach weniger Staat rufen, fordert O'Donnell das Gegenteil: Mehr Einmischung aus Washington, um die Probleme des Landes zu lösen.

Außerdem solle sich Amerika auf seine Geschichte als Einwanderungsland berufen und illegalen Neuankömmlingen schneller zur Staatsbürgerschaft verhelfen. Für Konservative ein rotes Tuch, wie auch der gescheiterte Kandidat Rick Perry lernen musste.

Der Staat soll es richten

In dieselbe Kerbe schlägt auch Rachel Maddow, MSNBCs vielleicht intelligenteste Kommentatorin. Als scharfzüngiger Polit-Nerd und Amerikas erste offen lesbische Nachrichtenmoderatorin besetzt sie werktags den wohl wichtigsten Sendeplatz: Die "Primetime" zwischen 9 und 10 Uhr. Ihr Thema: Amerikas Infrastruktur als Beweis für die guten Seiten einer starken Zentralregierung. Statt in der Krise zu sparen, sagt Maddow, müsse gerade jetzt der Staat Geld in die Hand nehmen.

Zum Beweis stellt sie sich unter anderem vor den Hoover-Staudamm, ein Vorzeigeprojekt der Arbeitsbeschaffung aus den Jahren der Großen Depression. "Du kannst nicht die Stadt oder der Bundesstaat sein, der so was baut", so Maddow. „Du musst ein Land sein, das so was baut." Das ist Wasser auf die Mühlen des Obama-Teams, das immer wieder Mehrausgaben für amerikanische Straßen und Brücken vom Kongress forderte, und immer wieder am republikanischen Sparwillen scheiterte.

Am Obama-freundlichsten ist Chris Matthews, ein ehemaliger Redenschreiber für Präsident Jimmy Carter und inzwischen Gastgeber der Sendung „Hardball“. Mit dem Weißen Haus im Rücken verteidigt er den ersten afro-amerikanischen US-Präsidenten als Paradebeispiel für den "American Dream" – und erinnert an einen Satz, den sich Obama 2004 selbst auf die Fahne schrieb. "Nur in unserem Land ist seine Geschichte überhaupt möglich." Die Republikaner sollten ihn deshalb mindestens als Amerikaner anerkennen, so Matthews in einem weiteren Spot, "aber das tun sie nicht."

Linke Marktlücke war noch frei

Kaum einer der Spots beschäftigt sich mit MSNBC – überhaupt ist der Sender selbst, die Qualität seiner Programme oder die des Personals eigentlich nur am Rande Thema. Was verkauft wird, ist eine politische Ideologie, verpackt in journalistischen Sendungen.

Genau so hatte es sich Phil Griffin 2010 auch gedacht. Man wolle sich von der Konkurrenz unterscheiden, sich als Marke definieren, so der Präsident von MSNBC damals. Primär ist damit der ewige Quoten-Kampf gegen CNN gemeint, für Griffin der Hauptgegner. An Fox News, mit dem sich seine Moderatoren regelmäßig indirekte Wortgefechte und persönliche Fehden liefern, erwähnt er nicht. Aus gutem Grund: Das rechts-populistische Marktsegment im US-Fernsehen ist fest vergeben, nur links war noch Platz. "Es ist eine Welt der Nischen", sagte Griffin. "Aber diese Welt werden wir in Besitz nehmen."

Dass MSNBC damit auch die ohnehin starke Spaltung des Landes in zwei Lager vorantreibt, erwähnt Griffin nicht. Es würde sich auch mit der patriotischen Botschaft von Einigkeit der Kampagne beißen.

Anders als Fox - und doch so ähnlich

Paradoxerweise ähnelt MSNBC damit mehr dem großen Feind Fox News, als der Sender selber zugeben würde: Der Kommentar dominiert die Information, Analysen werden mit tief blauer Färbung geliefert (blau, die Farbe der Demokraten), und die Persönlichkeiten in den Sendungen rekrutieren sich fast ausschließlich aus den Reihen einer einzigen Partei: Da wird die Übertragung am Wahlabend schnell zur Lagebesprechung demokratischer Strategen. Konservative Stimmen spielen kaum eine Rolle, und wenn doch, dann sind sie meist nur da, um den Anschein von Ausgewogenheit zu wahren. Bei Fox News ist es das gleiche Prinzip, nur die politische Farbenlehre ist anders.

Offiziell unterstützt MSNBC mit "Lean forward" nicht den Wahlkampf Obamas. Der Name des Präsidenten wird in den Werbeclips kaum erwähnt – und doch spielt er indirekt die Hauptrolle.

Es gehe "um Amerika und wie es sich immer zum Guten verändert", so Griffin. "Don’t be afraid of change." Habt keine Angst vor dem Wandel.

Diesen Slogan, den jeder Amerikaner seit der Wahl 2008 nur zu gut kennt.

Quelle: n-tv.de

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