US-Wahl

Eigengewächs statt Rammbock US-Grüne sagen Komikerin Roseanne ab

Kampagnenschilder von Jill Stein und Roseanne Barr auf dem Parteitag.

Kampagnenschilder von Jill Stein und Roseanne Barr auf dem Parteitag.

Schoebel

Die US-amerikanischen Grünen haben es schwer: Als kleine Partei mit nationalen Ambitionen werden sie bei US-Wahlen kaum wahrgenommen. Trotzdem schicken sie lieber eine unbekannte Umweltaktivistin ins Rennen als Komikerin Roseanne Barr. Es ist ein Schritt in Richtung Eigenständigkeit.

Das mit den Rassismusvorwürfen haben die Grünen nun wirklich nicht kommen sehen. Ihr Parteitag in Baltimore verläuft bis dahin schließlich recht harmonisch ab. Nicht einmal bei der Abstimmung über strittige Punkte im Parteiprogramm bekommen sie sich in die Haare. Im schlichten Konferenzsaal drängen sich rund 300 Teilnehmer, über die Musikanlage dudeln die besten Hits der 60er und 70er Jahre, alle tragen Namensschilder. Die Stimmung ist prima - doch dann betritt Farheen Hakeem das Podium.

Die Muslima mit dem leuchtend blauen Kopftuch ist nach Baltimore gekommen, um Roseanne Barr zu vertreten. Die Komikerin wurde in den 90er Jahren mit ihrer TV-Sitcom "Roseanne" berühmt, in der sich eine Arbeiterfamilie am Rande der Armut durchs Leben hangelt. Heute baut die 59-Jährige auf Hawaii Macadamianüsse an, schreibt angeblich an einer neuen Fernsehserie und will erste grüne Präsidentin der USA werden. Doch die Ökopartei hat sich bei ihren Vorwahlen für die Umweltaktivistin Jill Stein entschieden, ein langjähriges Mitglied der Grünen. Und Roseanne, die noch nie ein Blatt vor den Mund genommen hat, tritt nach.

Stimme der schwarzen Grünen

Roseanne Barr will Präsidentin werden - und Premierministerin von Israel.

Roseanne Barr will Präsidentin werden - und Premierministerin von Israel.

(Foto: REUTERS)

"Ich bin nicht wütend, ich bin enttäuscht", lässt sie über ihre Vertreterin in Baltimore ausrichten. Sie sei die Stimme der Afroamerikaner, schließlich hat deren Interessenvertretung in der Partei sie im Wahlkampf unterstützt. Die Zuschauer begreifen, was damit gemeint ist, es wird unruhig. Und Barr lässt nachlegen: "Ich wurde als bloße Prominente diffamiert", klagt sie an, niemand habe ihre Kandidatur ernst genommen. Dabei habe sie mit ihrer "bahnbrechenden Sendung" einst die Probleme der US-Unterschicht beleuchtet. Eine zusammenhängende Rede ist das nicht, was sie ihrer Sprecherin da kurz zuvor per Telefon diktiert hat, eher die hastig hingeworfenen Anschuldigungen einer schlechten Verliererin. Doch als Farheen Hakeem schließlich fertig ist, platzt einigen Parteikollegen der Kragen.

George Martin, ein ehemaliges Mitglied der radikalen "Black Panther" mit blonden Dreadlocks, bebt vor Wut. "Nur weil ein Mitglied sich nicht mit den Vertretern der Schwarzen trifft, ist das doch nicht gleich Rassismus." Und Parteivorstand Tim McKee versucht verzweifelt, das Image der Partei vor den versammelten Reportern zu kitten. "Wir wollen professionelle Kandidaten", schimpft McKee. "Roseanne hat keine Spenden gesammelt, sie hatte nicht einmal eine richtige Webseite."

Stein schafft Meilenstein

Momentaufnahmen von einer Partei, die in einem entfernten Orbit um diese US-Wahl kreist. Zusammen mit den Libertären, der konservativen Constitution Partei und der unabhängigen Partei "Americans Elect" (die keinen geeigneten Kandidaten gefunden hat) bilden die Grünen den Block der sogenannten Drittparteien. Sie alle besetzen unterschiedliche Nischen des politischen Spektrums, und doch haben sie eines gemeinsam: Sie werden kaum wahrgenommen.

Dabei feiern die Grünen in Baltimore trotz Roseannes Wut-Rede einen "historischen Parteitag", wie sie selber sagen. Denn Jill Stein hat geschafft, was vor ihr noch keiner grünen Politikerin gelungen ist: Sie hat genug Spenden gesammelt, um sich für Wahlkampfhilfe des Staates zu qualifizieren. 5000 US-Dollar aus 20 Bundesstaaten musste die Ärztin aus Massachusetts aufbringen, um die sogenannten "Matching funds" zu ergattern. Nun verdoppelt die Bundesregierung alle Spenden bis zu einem Betrag von 250 Dollar. Dass sie nun bis zum Wahltag im November maximal 20 Millionen Dollar ausgeben darf, kann Stein gelassen hinnehmen. Die Grünen werden froh sein, auf einen Etat von 1 Million Dollar zu kommen.

Tradition des Spielverderbers

Mit Steins Nominierung brechen die Grünen auch mit einer Parteitradition: Statt Politprominenz von außerhalb anzuwerben, versuchen sie es nun mit einem Eigengewächs: Stein ist die erste "echte Grüne", die das Weiße Haus erobern will.

2000 zog der unabhängige Verbraucheranwalt Ralph Nader für die Grünen in die Wahl und holte das bisher beste Ergebnis der Parteigeschichte, fast 3 Millionen Wählerstimmen. Die Demokraten schäumten danach vor Wut: Ihr Kandidat Al Gore hatte gegen George W. Bush mit weniger als einer halben Million Stimmen verloren. Und politisch stehen die Grünen eher den Demokraten nahe – da war leicht auszurechnen, wo viele Grünen-Wähler hergekommen waren. 2004 und 2008 versuchte es die Partei erneut mit Nicht-Grünen, bekamen aber beide Male weniger als 1 Prozent der Stimmen.

Kämpfen, um mitzumachen

Allerdings macht es ihnen das Wahlsystem der USA auch nicht gerade leicht. Die Hürden für kleine Parteien, landesweit anzutreten, sind enorm. Unterschriften müssen gesammelt werden, um einen Kandidaten auf die Wahlzettel zu bringen. In Iowa benötigt man dafür gerade einmal 1500, in Georgia sind es über 51.000.

In Illinois haben es die Grünen gerade geschafft, die nötige Marke von 25.000 Signaturen zu überwinden, mit großer Mühe. Nach 10 Jahren ohne einen einzigen Erfolg bei lokalen Wahlen litten die Aktivisten an "einer Mischung aus Ermüdung und Burnout", so ein Bericht auf der Parteiwebseite. Ihnen fehlt, was Demokraten und Republikaner problemlos aufbringen: eine straff organisierte Parteimaschine.

No money, no problem

Und natürlich Geld für Werbung. Doch das zu bekommen ist für liberale Parteien wie die Grünen seit 2010 noch einmal schwieriger geworden. Seit der Oberste Gerichtshof damals die Schleusen für Wahlkampfspenden geöffnet hat, profitieren vor allem die Republikaner und ihre Suborganisationen von einer regelrechten Dollar-Flut aus den Konzernetagen und der Finanzwelt. Die Geldgeber der Unterstützer der Demokraten müssen nun noch strategischer mit ihren Finanzen umgehen, um nicht völlig unterzugehen. Präsident Barack Obama hat seine Anhänger bereits vorgewarnt: Er könne der erste Amtsinhaber sein, der weniger Spenden als sein Herausforderer bekommt. Für die Grünen bleibt da kaum noch etwas übrig.

Doch die sind sogar stolz auf ihre Außenseiterrolle. "Wir brauchen endlich Leute in Washington, die sich den Lobbyisten verweigern", sagt Stein. Zwischen Romney und Obama gäbe es keinen Unterschied, denn beide würden von der Wall Street bezahlt werden. "Die Menschen sehnen sich nach Wandel."

Quelle: n-tv.de

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