Politik

Kremlchef fernab der Realität Umfeld schirmt Putin vor schlechten Nachrichten ab

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Putin hat ein Umfeld erschaffen, das ihm schmeichelt, indem es schlechte Nachrichten zurückhält oder beschönigt, schreibt das "Wall Street Journal".

(Foto: picture alliance/dpa/POOL)

Im Februar glaubt Putin an einen schnellen Sieg in der Ukraine. Doch der Widerstand ist stärker als erwartet. Die falsche Lageeinschätzung ist einem Bericht zufolge auf das Umfeld des Kremlchefs zurückzuführen. Demnach entfernt sich der russische Präsident seit Jahren immer weiter von der Realität.

Ein Bericht des "Wall Street Journal" (WSJ) legt nahe, dass Russlands Präsident Wladimir Putin die reale Situation seiner Truppen in der Ukraine nur begrenzt nachvollziehen kann. Demnach umgibt sich der Kremlchef mit einem kleinen Kreis aus Beratern, die seine kriegerische Weltsicht stärken und schlechte Nachrichten zurückhalten oder beschönigen.

Die US-Zeitung beruft sich bei ihrer Recherche auf Interviews mit ehemaligen und derzeitigen russischen Beamten und kremlnahen Personen. Demnach beschreiben die Gesprächspartner Putin als einen misstrauischen und isolierten Führer, der nicht in der Lage oder nicht willens war zu glauben, dass die Ukraine erfolgreich Widerstand leisten könnte.

Kriegsnachrichten erreichen Putin mit Verzögerung

Laut Geheimdienstkreisen wacht Putin jeden Morgen um 7 Uhr morgens auf und erhält dann ein schriftliches Briefing über den Krieg, dessen Inhalt vorab sorgfältig gefiltert wurde, um Erfolge hervorzuheben und Rückschläge herunterzuspielen. "Die Menschen um Putin herum schützen sich selbst", sagte die Journalistin Ekaterina Winokurowa dem WSJ. "Sie sind fest davon überzeugt, dass sie den Präsidenten nicht verärgern dürfen."

Aus Angst vor digitaler Überwachung stehe Putin dem Internet kritisch gegenüber. Deshalb sei er stark von den Briefings abhängig, die seine Berater anfertigen. Zudem berichten die Frontkommandeure nicht direkt an den Präsidenten, sondern an den Inlandsgeheimdienst FSB, der die Informationen dann an den Sicherheitsrat weitergibt, schreibt das WSJ. Über den Sekretär des Sicherheitsrates, Nikolai Patruschew, würden die Daten dann an Putin weitergeleitet. Aufgrund der Meldekette könne es aber Tage dauern, bis Informationen vom Schlachtfeld auf Putins Schreibtisch landen.

Putin sei weiterhin überzeugt, die Ukraine in die Knie zu zwingen und sei bereit, Russlands Wirtschaft und Bevölkerung auf Jahre hinaus zu mobilisieren, sagen russische Beamte. Vertreter von Rüstungsfirmen und prorussische Kriegsblogger, mit denen sich der Kremlchef in den vergangenen Monaten zu Gesprächsrunden traf, verließen laut der Zeitung die Treffen aber mit dem Gefühl, dass Putin kein klares Bild von der Lage in der Ukraine habe.

Zwiegespräche am Schwarzen Meer

Ausgangspunkt für Putins Selbstüberschätzung hinsichtlich der Ukraine sei die völkerrechtswidrige Annektierung der Krim im Jahr 2014 gewesen, schreibt das WSJ. Demnach rieten Verteidigungsminister Sergei Schoigu und einige andere Berater von einer Eroberung der Halbinsel ab, doch Putin setzte sich darüber hinweg. Der schnelle Sieg der russischen Truppen habe dann dazu geführt, dass Putins Umfeld auf wenige kriegsbegeisterte Berater zusammenschrumpft sei.

Die Corona-Pandemie habe die Isolation des auf seine Gesundheit bedachten Putin weiter verstärkt. In seiner Sommerresidenz am Schwarzen Meer soll sich Putin in jener Zeit häufig mit seinem alten Weggefährten Juri Kowaltschuk getroffen haben. Beide sollen bei ihren Treffen immer wieder über ihre gemeinsame Idee eines Großrusslands fantasiert haben. Bereits im vergangenen April sagte CIA-Direktor Bill Burns, dass sich Putins Beraterkreis verkleinert habe. "In diesem kleinen Kreis war es nie karrierefördernd, sein [Putins] Urteilsvermögen oder seinen fast mystischen Glauben infrage zu stellen, dass es sein Schicksal ist, Russlands Einfluss wiederherzustellen", so Burns.

Verteidigungsminister Schoigu ohne Einfluss

Während sein Beraterkreis immer kleiner wurde, sei Putin zunehmend paranoid geworden, schreibt das WSJ. So sei er überzeugt gewesen, dass die USA Atomwaffen in der Ukraine stationieren. Generalstabschef Waleri Gerassimow und Verteidigungsminister Schoigu habe es bereits an Einfluss gefehlt, mäßigend auf Putin einzuwirken.

Über die Ukraine soll sich Putin auch mit dem Oligarchen Wiktor Medwedtschuk ausgetauscht haben, der später von ukrainischen Sicherheitskräften gefasst und im Anschluss durch einen Gefangenenaustausch freikam. Jahrelang soll der Milliardär eine Standleitung in den Kreml gehabt haben, um Putin jederzeit persönlich zu erreichen. Medwedtschuk sei es auch gewesen, der Putin erzählt habe, die russischen Soldaten würden in der Ukraine freundlich empfangen werden. Vom FSB gefälschte Umfragen sollen diesen Eindruck bei Putin verstärkt haben.

Die Planungen der russischen Invasion in der Ukraine fielen dann auch eher dem FSB zu, als dem Militär, schreibt das WSJ. Putins Sprecher Dimitri Peskow, Außenminister Sergej Lawrow, Stabschef Anton Waino und der Leiter der Innenpolitik, Sergei Kirijenko, seien nicht in die Pläne eingeweiht gewesen.

Quelle: ntv.de, jpe

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