Politik

Besorgt wegen Berlusconis Eskapaden Vatikan fordert Moral

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Ganz staatsmännisch im Regierungspalast Chigi: Berlusconi bleibt cool.

(Foto: REUTERS)

Der italienische Regierungschef Berlusconi gerät wegen der Sexaffäre um Amtsmissbrauch und Beihilfe zur Prostitution immer stärker unter Druck. Nun äußert sich der Vatikan in zuvor nicht gezeigter Deutlichkeit zu dem Skandal.

Im Sexskandal um den italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi hat sich der Vatikan mit deutlich mahnenden und kritischen Worten eingeschaltet. Der Heilige Stuhl verfolge diese Vorgänge besorgt und rufe alle, die in öffentlicher Verantwortung stünden, zu einer strikteren Moral auf, erklärte Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone in Rom. Es gehe dabei um die "große Verantwortung vor allem vor den Familien, vor den jungen Generationen und mit Blick auf die Frage eines vorbildlichen Verhaltens", sagte Bertone, die rechte Hand von Papst Benedikt XVI.

Im Mittelpunkt des Skandals stehen orgienhafte Feste auf Berlusconis Luxus-Anwesen in Arcore bei Mailand und ein marokkanisches Callgirl mit dem Spitznamen Ruby, inzwischen volljährig. Berlusconi soll im vergangen Mai seine Macht genutzt haben, Rubys Freilassung zu erwirken, als sie wegen Diebstahlverdachts in Polizeigewahrsam war.

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Erfreuen Touristen und Einheimische in Neapel: Berlusconi als Superman mit Barbie-Puppen in einem Handwerksladen..

(Foto: dpa)

Sex mit Prostituierten ist in Italien erlaubt, Geschlechtsverkehr mit minderjährigen Prostituierten steht hingegen unter Strafe. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft in Mailand. Ruby schrieb in einem Brief an das Abgeordnetenhaus in Rom, sie habe Beweise für Rotlicht-Kontakte des Regierungschefs. Der 74-jährige Ministerpräsident hat die Vorwürfe wiederholt als politisch motiviert zurückgewiesen. Staatsanwälte ihrerseits wiesen das als "inakzeptabel" zurück.

Die Vorwürfe Berlusconis bedrohten "ernsthaft die Autonomie und Unabhängigkeit der  Staatsanwaltschaft", sagte der Präsident der Vereinigung der italienischen Staatsanwälte, Luca Palamara. Sie wollten nicht in die Politik hineingezogen  werden, sagte Palamara und betonte, er verteidige "den Frieden meiner Kollegen, die Ermittlungen führen".

Sollten sich die Vorwürfe gegen Berlusconi erhärten und er vor Gericht gestellt werden, droht ihm eine Haftstrafe. Das italienische Verfassungsgericht hatte vergangene Woche die Immunität Berlusconis aufgehoben und damit  eine Strafverfolgung des Regierungschefs ermöglicht.

"Kassierer": Berlusconi hilft gern

Inzwischen hat sich auch der "Kassierer" des Medienmoguls dazu geäußert: "Das Ganze ist eine absichtlich aufgeblasene Geschichte", sagte Giuseppe Spinelli in einem Interview des konservativen Mailänder "Corriere della Sera". Berlusconi gebe tagtäglich Geld, um Menschen zu helfen: "An einem Tag sind es leukämiekranke Kinder, an einem anderen etwa eine Studentin, die ihre Uni-Gebühren oder ihre Miete nicht bezahlen kann." Auf Geheiß von Berlusconi habe er immer wieder Geld auch an Wildfremde gezahlt, so Spinelli.

Auch die inzwischen 18-jährige Marokkanerin "Ruby Rubacuori" ("Ruby Herzensdiebin"), die bürgerlich Karima El Marough heißt, sei bei ihm aufgetaucht, um Geld zu fordern, räumte Spinelli ein. Sie habe "besonders insistiert". Die Frage, ob das Mädchen tatsächlich bezahlt wurde und für was, ließ der "Kassierer" des italienischen Ministerpräsidenten jedoch offen.

Im Zuge dieser neuen Ermittlungen, in denen Berlusconi unter anderem Begünstigung der Prostitution vorgeworfen wird, beantragten die Fahnder auch eine Durchsuchung der Büros Spinellis, die jedoch noch nicht stattgefunden hat.

Spinelli gehört zu den engsten Vertrauten Berlusconis. Er betreut für den Ministerpräsidenten und Geschäftsmann unter anderem zwei private Immobiliengesellschaften sowie auch die Finanz-Holdings, die Berlusconis Fininvest-Konzern kontrollieren.

Kritik trifft nun die Eltern

Unterdessen hat sich die öffentliche Kritik in Italien ein wenig verlagert. Zeitungen machen nun die Eltern minderjähriger Mädchen als Mitschuldige aus, die ihre Töchter teilweise zu Treffen mit dem 74-jährigen Politiker ermutigt haben sollen. Die Zeitung "La Stampa" zitierte einen Vater, der seine Tochter warnte, dass andere Mädchen ihr in Berlusconis Gunst den Rang abgelaufen hätten. Es gebe eine "traurige Armee ehrgeiziger" Eltern, die ein "Symbol für die moralische Epidemie" seien, von der Italien heimgesucht werde.

Die "Corriere della Sera", Italiens meist gelesene Zeitung, sprach von Eltern, die "nicht im mindesten handeln, um die Tugend und den guten Namen des Mädchens im Hause zu schützen". Das Blatt zitierte einen Bruder der Mädchen, die an einer Party in Berlusconis Villa in Arcore teilgenommen haben sollen: Berlusconi könne "viele unserer Probleme lösen, für Mama, Dich und mich."

Laut "Corriere della Sera" lesen sich die Unterlagen der Justiz zu dem Sexskandal wie "eine soziologische Abhandlung, die die italienische Familie gefangen zwischen Ehrgeiz und Verzweiflung beschreibt". Die Zeitung "La Repubblica" schrieb, die frühere Miss-Italien-Kandidatin Iris Berardi sei aufgenommen worden, als sie ihrer Mutter erzählte, sie habe nach einem Abend in Berlusconis Villa 7000 Euro erhalten.

Quelle: n-tv.de, hdr/dpa/AFP

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