Politik

Wieso, weshalb, warum? Viele Fragen im Fall Wulff

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Christian Wulff wird sich demütig geben müssen, um die Gemüter zu beruhigen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Bundespräsident Wulff will sich verteidigen. 15 Minuten Fernseh-Interview, nur ausgewählte Fragen. Die Mission wird misslingen. Denn viele Fragen, die sich in den letzten drei Wochen gestellt haben, werden unbeantwortet bleiben. Und dann geht natürlich alles wieder von vorne los.

Ist es die angemessene Form, dem entfremdeten Bürger Rede und Antwort über persönliche Verfehlungen zu stehen? Ein Fernseh-Interview? 15 Minuten Fragen von zwei TV-Journalisten öffentlich-rechtlicher Anstalten. Fragen, so könnte man mutmaßen, die im Vorfeld detailliert abgestimmt wurden. Dies freilich rückt das ZDF sofort ins rechte Licht: Abgesprochen worden sei nichts, die Journalisten hätten freie Hand.

Hätte der Bundespräsident nicht einfach vor die Presse, deren Freiheit er als hohes Gut zu preisen nicht müde wird, treten, sich erklären und allen Journalisten Auskunft geben können? Es steht zu befürchten, dass Christian Wulff am Abend sein Verhalten bedauert, sich für entstandene Irritationen entschuldigen wird, den zerknirschten Staatsmann gibt und betont, dass die Menschen nun von ihm erwarten, dass er seine Arbeit erledigt. Und irgendwann müsse es auch mal gut sein. Ob er in seinem Kurz-Interview die Gelegenheit nutzt, eine Reihe offener Fragen zu beantworten, darf bezweifelt werden. Aber nur so könnte die Affäre tatsächlich beendet werden.

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Der ehemalige Sprecher des Bundespräsidenten Wulff, Olaf Glaeseker, am 13.12.2011.

(Foto: dpa)

Offene Fragen gibt es viele in dieser Angelegenheit. Sie betreffen nicht nur das Verhalten des Staatsoberhauptes.

Warum musste Sprecher Olaf Glaeseker gehen?

Am 22. Dezember trennte sich Wulff überraschend von seinem langjährigen Sprecher und engen Berater Olaf Glaeseker. Wulff nannte dafür keine Gründe. Der Bundespräsident bedauerte lediglich, dass er Glaeseker entlassen musste. Nach Informationen des "Stern" musste Glaeseker gehen, weil sich die Affäre um Wulffs Kontakte mit Unternehmern auf ihn selbst auszuweiten drohte: Glaeseker soll kostenlose Urlaubseinladungen des bekannten Partymanagers Manfred Schmidt angenommen haben. Für seinen Chef wäre er damit eine zu große Belastung geworden.

Es gibt allerdings noch andere Lesarten. So bat Glaeseker dem Vernehmen nach selbst um seine Entlassung. Im Zuge der Berichterstattung über den Privatkredit und die privaten Urlaubsreisen Wulffs habe sich abgezeichnet, dass sich die Erörterung nun auch auf Glaesekers Privatleben ausweite. Auch zum Schutz seiner Familie sei Glaeseker nicht bereit gewesen, eine solche öffentliche Erörterung seines Privatlebens hinzunehmen.

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Der Anruf bei "Bild"-Chef Diekmann stellt sich inzwischen als die größte Torheit des Bundespräsidenten dar. Nur noch übertroffen von der Tatsache, diesem auch noch Unangemessenes auf die Mailbox zu sprechen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Inzwischen prüft die Staatsanwaltschaft Hannover, ob gegen Glaeseker ein Anfangsverdacht wegen Vorteilsnahme vorliegt. Glaeseker soll ab 2008 mit seiner Frau dreimal im Ausland bei Schmidt gratis Urlaub gemacht haben. Glaeseker war damals niedersächsischer Regierungssprecher im Rang eines Staatssekretärs und hätte als Landesbediensteter teure Geschenke wie Gratisurlaube möglicherweise nicht annehmen dürfen. Ministerpräsident war zu dieser Zeit Wulff.

Glaeseker war es auch, der zunächst auf die Anfrage der "Bild"-Zeitung geantwortet hatte, als diese zu Beginn ihrer Recherchen zur Kreditaffäre von Wulff Aufklärung über seine geschäftlichen Verbindungen zu Egon Geerkens erbaten. Die bereits autorisierten Antworten wurden dann aber kurz vor Redaktionsschluss zurückgezogen, kurz darauf folgte Wulffs Wutausbruch auf der Handy-Mailbox von "Bild"-Chef Kai Diekmann.

Was ist zwischen Wulff und der "Bild"-Zeitung vorgefallen?

Die "Bild"-Zeitung hat Wulff lange wohlwollend begleitet. Wulff pflegte als niedersächsischer Ministerpräsident - und davor als Oppositionsführer - engen Kontakt zu dem Blatt. Dort war Wulff "Deutschlands beliebtester Politiker". Auch seine Scheidung und die neue Heirat wurden breit aufgegriffen. "Ja, in meinem Leben gibt es eine neue Frau", hieß es 2006 in der "Bild". Christian und Bettina Wulff versorgten seitdem "Bild" und "Bunte" regelmäßig mit ein bisschen Klatsch und Infos aus dem Familienleben. Das gegenseitige Geben und Nehmen dauerte bis zu Wulffs Drohung vom "endgültigen Bruch" am 12. Dezember 2011.

Insofern überrascht die Abkühlung des Verhältnisses. Möglicherweise lag das daran, dass Wulff im neuen Amt als Bundespräsident versuchte, etwas Abstand zum Haus Springer zu gewinnen. Zum ersten Jahrestag der Amtsübernahme äußerte er sich in der "Zeit", nicht aber in der "Bild"-Zeitung und der "Welt", lediglich "Bild.de" bekam etwas ab. Man werde sich nicht vor den Karren der "Bild"-Zeitung spannen lassen, soll die interne Linie im Bundespräsidialamt gewesen sein. Dies lasse sich mit der Würde des höchsten Staatsamts nicht vereinbaren.

Die "Bild"-Zeitung selbst betont ihre Unabhängigkeit und behält sich weitere "Recherchen in allen offenen Fragen, die sich u.a. im Zusammenhang mit dem Hauskredit stellten oder noch stellen könnten" vor. Möglicherweise ist da enttäuschte Liebe auf beiden Seiten im Spiel. Die "Bild"-Zeitung ist beleidigt, weil Wulff meint, sie nicht mehr zu brauchen. Wulff hingegen erinnert sich verletzt an die schönen Zeiten, als in dem Blatt nur Gutes über ihn stand und empfindet die neue Ehrlichkeit als persönlichen Affront.

Die "taz" unterstellte Diekmann bereits, ihm scheine es nicht gleichgültig zu sein, wer unter ihm Bundespräsident wird.

Warum veröffentlicht die "Bild"-Zeitung nicht einfach den kompletten Wortlaut von Wulffs Nachricht?

Presserechtlich steht dem wahrscheinlich nichts im Wege. Schließlich wusste Wulff, dass am anderen Ende ein Band läuft, er sprach ja auf eine Mailbox. Prinzipiell sind auch Mailbox-Nachrichten gegen Weiterverbreitung geschützt, in diesem Fall steht dagegen allerdings das hohe Gut der Pressefreiheit.

Wenn ein Bundespräsident versucht, Medien unter Druck zu setzen, kann man sicher von einem übergeordneten Interesse der Öffentlichkeit ausgehen, dies zu erfahren.

Nachtrag 5. Januar: Die "Bild"-Zeitung hat Wulff gebeten, einer Veröffentlichung des Anrufs zuzustimmen.

Heikler ist schon die Frage, warum und wie die Nachricht aus einer persönlichen Mailbox an andere Zeitungen gelangte?

Die naheliegende Antwort könnte sein, dass sich die "Bild"-Zeitung nicht selbst die Finger schmutzig machen will und die Informationen deshalb gezielt an andere Medien weitergibt. Nach dem Prinzip "Eine Hand wäscht die andere" kann man bei späterer Gelegenheit vielleicht erwarten, dass sich die Kollegen der "FAZ" und der "Süddeutschen Zeitung" revanchieren.

Allerdings kann man auch getrost davon ausgehen, dass die Anrufe von Wulff bei Diekmann und Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner auf den Redaktionskonferenzen der "Bild"-Zeitung eine Rolle gespielt haben. Damit gibt es genügend Mitwisser und unter ihnen vielleicht einen Verräter. Inzwischen soll es zudem eine Abschrift des Gesprächs geben, was die Verbreitung zusätzlich erleichtern würde.

Auffällig ist es allemal, dass andere Zeitungen aus dem Wortlaut zitieren, die Formulierungen den "Rubikon überschritten", "Krieg führen" und "endgültiger Bruch" stammen jedenfalls nicht aus der offiziellen Erklärung der "Bild"-Zeitung zu dem Vorfall. Auch die Tatsache, dass Wulff seine Tirade mit dem Satz: "Ich bin auf dem Weg zum Emir" eröffnete, lancierte die "Süddeutsche Zeitung", kulturvoll untergebracht in einem Telefonat mit Literaturkritiker Hellmuth Karasek.

Warum das Ganze?

Dann wären da noch die Fragen, warum Wulff überhaupt diese eigenartigen Geschäfte macht? Warum bezahlt er nicht für seinen Urlaub, wie andere Menschen auch? Warum geht er nicht zur Bank, wenn er einen Kredit braucht oder wohnt zur Miete, bis er das Geld für ein Häuschen zusammengespart hat? Und wenn er das schon alles macht, warum sagt er dann nicht einfach die Wahrheit und steht zu dem, was er ja offenbar für völlig legitim hält?

Quelle: ntv.de, mit dpa/AFP/rts