Politik

OB Madsen im Interview Warum Rostocks Covid-Strategie erfolgreich ist

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Claus Ruhe Madsen.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Die Corona-Karte Deutschlands ist tiefrot, mit nur einer Handvoll orangefarbener Flecken. Als einzige größere Stadt darunter: Rostock, wo der Sieben-Tage-Inzidenzwert unter 50 liegt. Seit Beginn der Pandemie dämmt die Hansestadt das Virus erfolgreich ein. Wie das gelungen ist, gegen welche Hindernisse er kämpfen musste und wieso der Lockdown keineswegs nur hilft, sagt Rostocks Bürgermeister Claus Ruhe Madsen im Podcast "Die Stunde Null".

Wie viel von diesem Erfolg ist selbst erarbeitet und was sind glückliche Umstände, wie beispielsweise die geografische Lage Mecklenburg-Vorpommerns im dünn besiedelten Nordosten?

Claus Ruhe Madsen: Wer auf Mecklenburg-Vorpommern schaut, wird feststellen, dass wir auch hier Hochrisiko-Gebiete haben, die Sieben-Tage-Inzidenzen von über 260 hatten. Ist es von Gott gegeben oder ist es von Menschen geschaffen? Rostock hat, glaube ich, eine gute Mischung. Wir haben Maßnahmen ergriffen, bevor es Landes- oder Bundes-Vorgaben dazu gab. Wir waren sehr schnell und deswegen relativ zügig in der ersten Welle Corona-frei. Es ist ein großer Unterschied, ob man Karneval oder Starkbier-Feste noch feiert und denkt, das kann immer noch eingestellt werden. Wir haben es tatsächlich von Tag eins bis jetzt immer geschafft, die Kontakt-Ketten zu schließen. Und wir haben getestet, auch über die Empfehlungen vom RKI hinaus. Gerade am Anfang durften sie ja nur jemanden testen, wenn er im Skiurlaub war oder Kontakt hatte oder bereits schwere Symptome. Wir haben bei Rettungspersonal, Feuerwehr, Polizisten und auch Mitarbeitern der Verwaltung getestet. Im Herbst haben wir direkt beispielsweise Glühwein-Verkauf verboten. In vielen Ecken Deutschlands war das anders, trotz sehr hoher Inzidenz.

Was haben Sie noch unternommen?

Wir haben auch zügig eine Masken-Pflicht im öffentlichen Raum eingeführt. Andererseits haben wir an unsere Bürgerinnen und Bürger appelliert, sich an die Sachen zu halten und gegenseitig vernünftig aufeinander aufzupassen. Und wir haben kontrolliert. Wir haben sehr, sehr viel Arbeit geleistet, dort zu stehen, wo wir heute stehen. Aber man braucht auch Glück. Wir kennen Städte, die standen lange ganz gut da. Plötzlich schießen sie hoch. Das ist schlimm, dahinter stecken ja wirklich Schicksale. Das ist auch die Motivation meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, nie aufzugeben bei der Kontaktverfolgung. Am Ende ist es nicht wichtig, wie Rostock in Woche 44 oder im Januar mit der Inzidenz dastand. Sondern: Wie viele Menschen sind verstorben? Das ist das, woran wir uns am Ende werden messen müssen.

Gegen wie viel Widerstand mussten Sie ankämpfen - in der Landespolitik, in der Bundespolitik und auch in Rostock?

Das war schon echt extrem. Wir haben vom Ministerium Briefe bekommen, wir mögen das zusätzliche Testen abstellen. Dabei hatte Herr Wieler vom RKI in einem Vortrag gesagt, es komme auf die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister an. Wir mögen die Bürokratie über Bord werfen. Es gehe um Leben und Tod. Daraufhin hatte ich eine regionale Firma direkt angesprochen und wir haben einen Weg gefunden, eine sehr hohe Zahl an Testungen zu ermöglichen. Uns dann aufzufordern, das einzustellen, fand ich wirklich nicht gut. Wir müssen einen Schritt voran sein, das erfordert sehr viel Arbeit. Wir sitzen mit den meisten meiner Mitarbeiter fast jeden Abend bis 22 Uhr und überlegen, was wir heute noch tun können.

Ein Vorwurf an die Politik lautet, dass in den Zeiten trügerisch niedriger Infektionszahlen nicht genug unternommen wurde. Sie haben gleich zu Beginn Mitarbeiter der Gewerbeaufsicht aufs Gesundheitsamt umschulen lassen. Behörden stehen nicht in dem Ruf, besonders veränderungsbereit zu sein. Wie haben Sie das geschafft?

Vor allem zwischen der ersten und zweiten Welle sagte man mir: Claus, wir brauchen keine weiteren Leute im Gesundheitsamt. Die sitzen hier nur rum. Aber für mich war entscheidend, dass sie lernen. Sie warten doch auch nicht, bis das Haus abfackelt und sagen: Jetzt sollten wir mal langsam Feuerwehrleute ausbilden. Man muss sehr, sehr konsequent sein, auch wenn man niedrige Werte hat. Bayern München gewinnt die Champions League und hört dann auch nicht auf zu trainieren. Die wollen nochmal gewinnen. Das muss man seinen Leuten immer wieder sagen: Es tut mir furchtbar leid und ich kann verstehen, dass alle gerne Weihnachten feiern wollten. Aber das geht dieses Jahr nicht. Ihr müsst arbeiten.

Opposition und andere kritisieren das Fehlen einer Langzeitstrategie. Vizekanzler Olaf Scholz wiederum nennt diese Drückeberger, die so tun, als käme man um den Lockdown herum. Wie ist Ihr Blick darauf?

Letztendlich würde ich unterschreiben, was Herr Scholz gesagt hat. Wenn man nicht selber in der Verantwortung steckt, ist es leicht zu sagen: Mach doch dies oder jenes. Beispiel Schule. Mir ist wichtig, dass Kinder Bildung bekommen. Und: Kinder brauchen Kinder. Ich mache mir tatsächlich Sorgen, was passiert, wenn sie nicht in die Schule dürfen. Ich habe selber eine 12-jährige Tochter. Man fordert also, die Schulen aufzumachen. Vier Wochen später verstirbt eine Lehrerin, ein Lehrer, eine Schülerin oder ein Schüler. Dann sind Sie natürlich der Doofe. Es stellt die Politik vor dieses blöde Dilemma: maximale Forderungen, maximale Schließungen, maximale Sicherheit, dann kann niemand den Vorwurf erheben, man hätte nicht alles getan. Es ist meine felsenfeste Überzeugung: Wir müssen einen Weg finden mit Corona. Die Verantwortung liegt bei jedem Einzelnen. Ich habe schon im Oktober angeboten, dass Rostock Pilot sein kann, dass wir hier vieles öffnen - Kultur, Sport, Firmen, aber auch Geschäfte. Wenn wir Kontaktbeschränkungen trotzdem ernst nehmen. Das Interessante ist doch: Während des Lockdowns hat sich die Sieben-Tage-Inzidenz von Rostock verdreifacht. Unsere Zahlen waren deutlich niedriger, als noch alles offen war.

Worauf führen Sie das zurück?

Menschen haben auch während des Lockdowns Geburtstag, essen, trinken, sind gesellig. Das findet so oder so statt. Wer sich im Privaten infiziert, sagt beim Gesundheitsamt ja nicht: Ich war mit 40 anderen zusammen, und zählt seine Kumpels auf. Dann hat er keine Freunde mehr. Also sagt er: Ich habe keine Ahnung, wo das her ist. Und wir kommen nicht mehr in die Kontaktverfolgung.

Und was schlagen Sie vor?

Mit Hygiene-Konzepten - zum Beispiel bei Restaurants - wissen wir, wer da war. Und wenn jemand sich infiziert, dann haben wir die Liste, können sofort die Kontakte ermitteln und haben eine Chance, das Ganze einzudämmen. So aber nicht. Ich habe noch nie davon gehört, dass sich jemand beim Schuhkauf infiziert hat. Dann verstehe ich nicht, warum man Schuhläden schließt. Hier gegenüber vom Rathaus ist ein Brautmoden-Laden. Wieso darf der nicht für ein künftiges Ehepaar den Laden öffnen? Sie kommen um 13 Uhr, können sich Brautkleider angucken, sind fertig, dann kann der nächste Online-Termin gemacht werden. Und die Unternehmerfamilie hat die Chance, ihr Geschäft zu betreiben. Wieso sorgen wir nicht für Rahmenbedingungen? Dass alle Mitarbeiter, die nicht nur mobil arbeiten, einen wöchentlichen Test haben. Auch im Handel und sonst wo. Wenn das durchgezogen ist, dann darf jemand seinem Schuhladen mit allen anderen Hygiene-Maßnahmen öffnen. Das ist für mich ein Langzeitplan, bei dem wir sagen: Wir haben ein bewusstes Risiko. Eines Tages ist das Leben zu Ende. Wir müssen natürlich dafür sorgen, dass es möglichst lange dauert und dass wir aufeinander aufpassen. Der Staat kann aber nicht alle Risiken nehmen.

Kommen wir zum Impfen, dem Lichtblick in der aktuellen Situation. Gibt es etwas, das Deutschland auch hier von Rostock lernen kann? Sieht es bei Ihnen besser aus als in den Ländern, wo aus Datenschutzgründen die Behörden Adressdaten von der Post erfragen muss?

Datenschutz - da muss ich Ihnen wieder sagen: In Dänemark und anderen Ländern haben wir den auch. Dennoch gibt es in Dänemark einen zwölfstufigen Impfplan. Jeder Däne weiß jetzt schon bis zum 29. Juni, wann er dran ist, weil er in einer der zwölf Gruppen ist. Dänemark vermeldet dann auch den Erfolg, der Bürgern Hoffnung gibt: Jetzt sind wir bei Stufe 2 angelangt und man weiß - oh, ich bin in 3, ich bin bald dran oder ich bin in 4 oder 6, wie auch immer. Jeder hat einen digitalen Zugang und sitzt nicht stundenlang in irgendwelchen Telefonschleifen. Als wir hörten, wir müssen ein Zentrum aufbauen, haben wir es in Rostock direkt fertiggestellt. Dann hab ich gesagt: Ich glaube, wir werden sehr viel mobil machen. Also haben wir auch gleich Fahrzeuge besorgt, Mitarbeiter organisiert und die technische Ausrüstung. Das ist das Prinzip Kuchen backen: Sie kaufen ein, was Sie benötigen und stellen sich das bereit. Wenn Eier fehlen, dann warten Sie, dass endlich mal der Eiermann kommt. Aber alles andere haben Sie doch schon fertig. Deswegen hatten wir schon mit den Heimen Kontakt aufgenommen - wer möchte jetzt geimpft werden? Wer vielleicht später? Sodass wir tatsächlich verlässliche Zahlen haben und den Leuten sagen können: Wenn der Impfstoff kommt, dann sind wir genau an dem Tag bei Ihnen in der Einrichtung und ziehen es dann auch durch. Wir hatten, glaube ich, schon vor wenigen Tagen alle Altersheime durch und auch an die zwei Prozent unserer Bürgerinnen und Bürger geimpft. Das ist eine sehr, sehr gute Quote. Aber ich überlege nicht, was jemand anders verkehrt macht. Dafür habe ich überhaupt keine Zeit.

Sie waren Möbelunternehmer und Handelskammerpräsident. In Deutschland gibt es wenige Quereinsteiger aus der Privatwirtschaft in die Politik. Haben Ihre Erfahrungen Ihnen in der Krise geholfen?

Ja, uns allen. Ich bin ja erst im September 2019 ins Amt gekommen, hatte gerade den Haushalt aufgestellt und meine ersten 100 Tage Kennenlernen hinter mir. Dann sitze ich auf einmal im Krisenstab, am Tisch mit Klinikleitung, Feuerwehr, Polizei, Ordnungsamt, Gesundheitsamt. Alles Menschen, die wirklich wissen, wie man mit Krisen umgehen muss. Dann werden Fragen gestellt, alle gucken, da sitzt der Oberbürgermeister - und Sie würden gerne mal eine Nacht darüber schlafen und überlegen. Aber die Menschen erwarten eine sofortige Entscheidung. Natürlich bringt Unternehmertum mit sich, dass man gelernt hat zu entscheiden. Und vor allem zu fragen: Was muss ich heute tun, damit morgen so wird, wie ich mir das vorstelle? Das ist Unternehmer-DNA.

Und diese DNA traf dann auf die der Verwaltung.

Ja, ich habe gelernt, wie dort gearbeitet und gehandelt wird. Es war ein Lernprozess für beide Seiten. Allerdings auch ein wenig erschreckend, wenn sie bisher dafür zuständig waren, dass Menschen schöne Sofas bekommen. Auf einmal haben Sie die Verantwortung für die Gesundheit von 210.000 Menschen. Ich habe früh gefragt: Haben wir genug von allem, was benötigen wir, wo kriegen wir es her? Wo kann ich Alkohol besorgen, um Desinfektion herzustellen? Dann hieß es: Herr Madsen, da müssen Sie dem Umweltamt sagen, wo Sie das lagern wollen. Ich meinte: Wir kümmern uns erst mal um das Zeug und dann darum, wie wir es lagern. Als ich sagte, ich will mehr testen, meinte die Landesebene: Dann müssen Sie ein Testzentrum aufbauen. Ich habe also Bundeswehr, Deutsches Rotes Kreuz, THW und meine eigenen Leute zusammengerufen. Die Stadthalle hat Räume und digitale Infrastruktur bereitgestellt und nach sechs Stunden hab ich dem Land gesagt: Wir sind fertig, wir können 5000 Leute am Tag testen. Dann haben wir eine Kiste mit 50 Tests bekommen. Da haben wir dann gemerkt: okay, so ganz bereit war man nicht überall.

Was hat Sie noch erschreckt?

Lagerkapazitäten. Ich meinte, wir haben doch so viele Sporthallen, da brauchen wir nicht noch die Eishalle. Doch, sagte man mir, die brauchen wir, wenn wir im Krematorium nicht hinterherkommen. Das ist ein Moment … Wenn ich davon erzähle, läuft es mir noch immer kalt den Rücken runter. Dieses Gefühl, dass Sie als Bürgermeister vielleicht zuschauen müssen, wie Bürgerinnen und Bürger aufgebahrt werden in einer Eishalle. Das will man nicht haben. Und deswegen ist das schon etwas, was einen mental mitnimmt. Dieser Stress. Ich habe damals nur im Zehn-Minuten-Takt geschlafen, bin immer wach geworden und hab aufgeschrieben, was wir unbedingt noch machen müssen. Dann werden Sie eines Morgens wach und denken: Das ist ein Gefühl, was ich als erwachsener Mensch eigentlich nie mehr hatte, Angst. Das ist schon ernst. Das ist keine kommunale Diskussion, ob wir eine Brücke hier oder da haben wollen. Es geht um die Gesundheit deiner Bürger.

Ist es deutsche Selbstkasteiung, wenn man sagt: Was dieses Land extrem gut beherrscht, sind Verbote und Bußgelder. Anstatt pragmatisch Dinge zu ermöglichen. Was sagen Sie als Däne dazu?

Naja, zumindest macht es ja auch Deutschlands Stärke aus, sich vernünftig mit Sachen auseinandersetzen und sie ordentlich zu machen. Als die Spielplätze gesperrt waren, hatte ich mir gewünscht, sie wieder zu öffnen. Irgendwann sagte Angela Merkel, es wird jetzt ermöglicht und dazu gab es eine Telefonrunde mit unserer Ministerpräsidentin. Das war einen Tag vor dem 1. Mai und ich meinte: Also, bei mir sind die dann ab sofort geöffnet. Sagt den Kindern, sie sollen einfach die Spielplätze stürmen, die Bänder runterschneiden und bitte in den Müll stecken. Andere Verwaltungen meinten: Wie soll denn das gehen? Wir benötigen 14 Tage. Das sind zwei Kulturen, die aufeinandertreffen. Ich würde das aber nicht als Vorwurf äußern. Ich liebe dieses Land, es sind tolle Menschen. Wir sind sehr gut in der Selbstkritik, was wir alles verkehrt machen. Aber Deutschland macht richtig viel richtig gut. Nicht ohne Grund wurde Impfstoff in Deutschland entwickelt. Aber hin und wieder würde es wirklich guttun, wenn wir pragmatischer vorangehen. Das ist nicht immer das Rufen nach dem Staat, sondern wir müssen für uns einen Weg finden. Also die Verwaltung, aber selbstverständlich auch unsere Bürgerinnen und Bürger, die Unternehmer, und man muss es denen ermöglichen. Und das ist eigentlich ein großes Problem, was wir haben. Wir rufen immer danach, dass jemand uns das abnehmen soll. Wir wollen nicht in die Eigenverantwortung. Ich will nicht dafür die Verantwortung tragen, dass was schiefgeht. Und ich bin aber wirklich als Oberbürgermeister bereit, sehr viel Verantwortung zu übernehmen. Ich möchte sehr viel ermöglichen. Aber ich möchte nun auch streng sein, wenn jemand sich nicht daran hält.

Wir nähern uns so langsam dem einjährigen Lockdown-Jubiläum. Wenn wir im Märchen lebten und Sie hätten einen Wunsch bei der guten Fee frei - wie lautet der?

Dass sie die Zeit zurückdreht und sagt: Jetzt wisst ihr, was ihr am Leben habt, am zwischenmenschlichen Miteinander. Wissen Sie, ich bin Handballtrainer von Mädels. Wenn ich auf mein Kind und auf die Mädchen schaue und denke, dass ich 10, 12, 13 Jahre alt wäre. Dann ist es ein Zehntel meines Lebens, in dem ich gelernt habe, dass wir Menschen nicht die Hände geben, dass wir uns nicht umarmen, dass wir mit Abstand besser dran sind und wie auch immer diese ganzen grässlichen Ausdrücke heißen. Ich kann damit umgehen, weil ich es 47 Jahre anders gehabt habe. Der guten Fee würde ich gern sagen: Bitte lasst die Kinder nicht mit diesem Eindruck leben.

Mit Claus Ruhe Madsen sprach Tanit Koch. Das vollständige Interview finden Sie hier.

Quelle: ntv.de