Politik

"Hör auf" reicht Justiz nicht Weil sie Gina-Lisa Lohfink ist

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"Niemals wieder" würde sie ohne Anwalt zur Polizei gehen, sagte Lohfink zum Auftakt des Berufungsverfahrens.

(Foto: imago/Olaf Wagner)

Sie nennt es Vergewaltigung, weil sie sich nicht erinnern kann und es nicht wollte. Das Gericht nennt es einvernehmlichen Sex, weil es angeblich auf einem Video so aussieht. Wie der Fall Gina-Lisa Lohfink zum Exempel für die "Nein heißt nein"-Debatte wurde.

Der Namen Gina-Lisa Lohfink stand bis vor Kurzem für Prollkram: "Germany's Next Topmodel", Porno-Messen, Brust-OPs. Jetzt steht er für eine Wende in der Debatte um sexualisierte Gewalt - und am Ende vielleicht sogar mit der geforderten Reform des Sexualstrafrechts. Nach der soll "Nein heißt nein" gelten. Schriebe man nun, "ausgerechnet Gina-Lisa Lohfink, die blonde, operierte Ex-GNTM-Tussi", dann wäre man schnurstracks im Reich dessen, was Feministinnen als "Victim Blaming", "Slut Shaming" und allgemein "Rape Culture" bekämpfen. Der aktuelle Prozess gegen die 29-Jährige zeigt auf tragische Weise, wie verbreitet das alles ist.

Gina-Lisa Lohfink hat bereits vor vier Jahren eine Vergewaltigung angezeigt. Diese Anzeige brachte aber keine Verurteilung der mutmaßlichen Täter, sondern Lohfink im Dezember 2015 eine Verurteilung wegen falscher Verdächtigung mitsamt Strafbefehl über 24.000 Euro. Zum Auftakt des Berufungsverfahrens am 1. Juni verlas ihr Anwalt in Lohfinks Namen: "Bedauerlicherweise verstehe ich heute auch, dass viele Frauen, obwohl sie Opfer einer Sexualstraftat geworden sind, aus Angst vor Konsequenzen in Bezug auf die eigene Person den Weg zur Polizei nicht mehr gehen. Ich finde es traurig, dass ich dies sagen muss, aber ich wusste nicht, dass man von der Geschädigten zur Täterin gemacht werden kann." Kurz darauf erlitt Lohfink einen Zusammenbruch, nachdem drei Männer sie im Gerichtsgebäude als "Hure" beschimpft hatten.

Eine nicht gerade kleine und nicht nur feministisch gesinnte Netz- und Twittergemeinde solidarisiert sich nun offensiv mit Lohfink. Dabei spielte sie vor dem aktuellen Fall in den teils akademisch gefärbten Debatten dort keine Rolle oder wurde allenfalls bemitleidet als lebendes Beispiel für die Objektivierung der Frau. Weil sie die Frau ist, die sie ist, hat es etwas länger gebraucht, bis die Geschichte ihrer mutmaßlichen Vergewaltigung bekannt wurde. Viele Wortmeldungen finden sich nun bei Twitter unter dem Hashtag #TeamGinaLisa und #neinheißtnein.

An diesem Wochenende verließ die Debatte endgültig das Twitter-Terrain. Frauenministerin Manuela Schwesig schaltete sich ein. Ein 'Hör auf' sei deutlich, sagte sie "Spiegel Online" - genau das sagt Lohfink auf einem Video, das die mutmaßliche Vergewaltigung zeigt und nach Auffassung des Gerichts doch nichts beweist. Die stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende Katja Dörner teilte am Sonntag mit, es könne nicht sein, dass ein Opfer zur Täterin gemacht werde. "Nein heißt nein, das muss die Bundesregierung schnellstmöglich gesetzlich umsetzen. Diskussionen, ob ein Opfer aufgrund von Klamotten oder Lebensstil selbst verantwortlich für eine Vergewaltigung ist, müssen endlich der Vergangenheit angehören."

Lohfinks Filmriss in einer Juni-Nacht

Was verbirgt sich hinter "Nein heißt nein"?

Schon seit dem vergangenen Jahr plant Justizminister Heiko Maas eine Reform des Sexualstrafrechts. Konkret geht es um die Vergewaltigungsparagrafen 177 und 179 im Strafgesetzbuch.

Bisher gilt: Eine Vergewaltigung im juristischen Sinne erfordert Gewalt. Die Frau muss sich körperlich wehren, geschlagen werden, an Leib und Leben bedroht werden oder sich in einer schutzlosen Lage befinden.

Maas will das erweitern: Auch verbale Drohungen oder Überrumpelung sollen eine Rolle spielen. Oder wenn nicht in der konkreten Situation, aber in vergleichbarer Situation in der Vergangenheit Gewalt stattfand.

Mit den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln bekam der Plan neue Brisanz und neue Dimensionen: Nun wurde gefordert, auch Grabschen müsse strafbar sein und die Regel, dass verbale Gegenwehr ("Nein") ausreichen sollte.

Der Gesetzentwurf wird derzeit heftig diskutiert in der Großen Koalition. Manchen geht er nicht weit genug, sie wollen einen "Nein heißt nein"-Passus im Gesetz. Gleichzeitig läuft eine Petition. Bedenken kommen aus der Union, dem Innenministerium und dem Kanzleramt, die vor Falschanzeigen warnen.

Vor fünf Jahren hatte Deutschland die sogenannte "Istanbul-Konvention" unterzeichnet, aber nicht ratifiziert. Aus ihr lässt sich der Grundsatz "Nein heißt nein" bereits ableiten.  (nsc)

Genau vier Jahre zuvor feiert Gina-Lisa Lohfink mit Bekannten im VIP-Bereich des Berliner Clubs "Maxxim", bandelt mit dem zwei Jahre jüngeren Pardis F. an, verbringt die Nacht mit ihm. Der damals 29 Jahre alte Sebastian C. ist Mitarbeiter in dem Club und bringt Lohfink und ihren Bekannten Getränke. Einen Abend später treffen sich dieselben Partygäste wieder, es wird noch ausgelassener gefeiert. Was dann passiert, kann die damals 25 Jahre alte Lohfink erst später rekonstruieren – sie hat einen Filmriss. Am nächsten Tag wacht sie bei Sebastian C. auf.

Der "Stern" zitiert Lohfinks damalige Managerin, die am Nachmittag nach der Partynacht einen großen Schreck bekommt, als die junge Frau ins Hotel zurückkehrt: "Gina wirkte still, wie weggetreten, neben sich stehend", erinnert sie sich. "Das ist total untypisch für sie, sie sitzt ja sonst kaum ruhig. Ich habe sie gefragt, wo sie war. Sie komme aus der Wohnung von diesem Sebastian, sagte sie und noch ein paar Satzfetzen, deren Sinn ich nicht verstanden habe. Es war richtig unheimlich."

Tage später ergibt sich buchstäblich ein Bild von dem, was in der Nacht passiert ist: Redakteure verschiedener Medien bekommen Sexvideos angeboten, auf denen Gina-Lisa Lohfink mit zwei Männern zu sehen ist, informieren deren Managerin. Die zwei Männer sind Pardis F. und Sebastian C. Es folgt zunächst eine Klage wegen der Verbreitung des Materials, ein medienrechtliches Verfahren. Lohfink hält da noch Kontakt zu dem jüngeren der beiden Männer. Als sie die Videos zu sehen bekommt, bricht sie zusammen. "Das bin doch nicht ich, das ist eine ganz andere Gina-Lisa", sagt sie laut "Stern" zu ihrem Anwalt. "Da sage ich auch noch 'Hör auf!' Oh Gott, was haben die gemacht?" Sie äußert den Verdacht, dass man ihr K.-o.-Tropfen verabreicht haben könnte.

Mitte Juni 2012 erstattet Lohfink Anzeige bei der Polizei wegen Vergewaltigung – was sie heute bereut. "Eines weiß ich genau. Ich würde niemals wieder in meinem Leben, auch als Geschädigte, ohne einen Strafverteidiger zur Polizei gehen."

Gericht glaubt Lohfink nicht

Was sind K.-O.-Tropfen?

Hinter sogenannten K.-o.-Tropfen können sich unterschiedliche Substanzen verbergen. Sehr häufig handelt es sich dabei um die Gamma-Hydroxy-Buttersäure (GHB). Die Wirkung ist dosisabhängig und individuell sehr verschieden. In geringen Dosen kann GHB enthemmend wirken. Doch auch geringe Mengen können bereits Benommenheit, Übelkeit und Bewusstlosigkeit verursachen. Außerdem setzt die Droge das Erinnerungsvermögen außer Kraft. K.-o.-Tropfen kann man nicht sehen, nicht riechen und nicht schmecken.

Denn was folgt, ist im traurigen Sinne ein Klassiker: Dem mutmaßlichen Opfer wird nicht geglaubt. Staatsanwältin und Richterin sehen den Straftatbestand der Vergewaltigung nicht erfüllt. Nach geltendem Recht wäre eine solche nur bewiesen, wenn irgendeine Form von Gewalt angewendet worden wäre. K.-o.-Tropfen gehören hier auch zu den Mitteln der Gewalt, doch die konnten schon zum Zeitpunkt der Anzeige nicht mehr nachgewiesen werden. Die mehrmals wiederholte Aufforderung "hör auf", dokumentiert auf dem illegal verbreiteten Video, könnte zu einer Verurteilung der mutmaßlichen Täter führen, wenn der Grundsatz "Nein heißt nein" gälte.

Das macht den Fall Lohfink zu einem Exempel. Die Feministin Anne Wizorek schreibt in einem wütenden Beitrag zu dem Fall: "Das Vorgehen der Richterin und Staatsanwältin im Fall Gina-Lisa Lohfink zeigt, wie tief verwurzelt Vergewaltigungsmythen eben auch im Justizsystem selber sind." Denn die Nein-Regel hätte Lohfink im ersten Prozess womöglich nicht geholfen. Das "Hör auf" wollte die Staatsanwältin nicht gelten lassen, weil es ihrer Einschätzung nach nicht eindeutig war, worauf die Worte sich in dem Moment bezogen: Auf den einen Mann, der sie gerade penetrierte, auf den anderen, der gerade versuchte, ihr seinen Penis in den Mund zu schieben, oder auf die filmenden Handys. Lohfink zufolge wollte sie nichts davon. Gutachter befinden, Lohfink wirke doch insgesamt munter und aktiv.

Diejenigen, die das Video gesehen haben, meinen eher: Das könne man weder als Sex noch als einvernehmliche Handlungen bezeichnen. Im "Stern" heißt es: "'Jetzt geht's los!', sagt einer der Männer in einem Clip. Man hört, wie Gina-Lisa ihm mechanisch nachspricht: 'Jetzt geht's los.' (...) Man sieht Lohfink abwechselnd betrunken, schlafend, wach, tanzend, trinkend, sprechend, bewegungslos auf dem Rücken liegend, lallend, wimmernd." Am 27. Juni soll der Berufungsprozess fortgesetzt werden.

Quelle: n-tv.de

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