Politik

Lage im Grenzgebiet bleibt gespannt Weitere Granaten treffen Türkei

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Die türkische Armee schießt zurück.

(Foto: REUTERS)

Erneut schlagen in Syrien abgeschossene Granaten auf türkischem Gebiet ein. Verletzt wird niemand. Aber die türkische Armee reagiert umgehend - und schießt zurück. Der frühere Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, Teltschik, warnt allerdings vor einem Eingreifen der Nato. Schließlich wisse man gar nicht, wer da schieße.

Heftige Bürgerkriegsgefechte im syrischen Grenzgebiet zur Türkei stellen die angespannten Beziehungen zwischen Damaskus und Ankara auf eine harte Probe. Als Reaktion auf weitere Granateneinschläge auf türkischem Boden feuerte die Armee zurück. Damit beschoss die Türkei als Vergeltung bereits den vierten Tag in Folge Ziele im Nachbarland. Offiziell werteten die türkischen Behörden den Vorfall aber nicht als Angriff auf ihr Land. Das syrische Regime schwieg weiter zu den Zwischenfällen.

Die insgesamt drei aus Syrien abgefeuerten Mörsergranaten waren im Laufe des Tages in den Feldern um das türkische Dorf Güveççi detoniert, nur 50 Meter von der Grenze entfernt. Wie die türkische Nachrichtenagentur Anadolu berichtete, wurde niemand verletzt. Das türkische Militär habe sofort das Feuer erwidert. Anwohner wurden von den Behörden angewiesen, Balkone zu meiden und sich möglichst wenig im Freien aufzuhalten.

Den Berichten zufolge deutete das Amt des Gouverneurs von Hatay die Vorfälle als fehlgeleitete Angriffe der syrischen Armee auf die Aufständischen im eigenen Land. Die Kämpfe im Grenzgebiet seien heftiger geworden, hieß es weiter.

Opposition meldet 60 Tote

Die Lage zwischen Syrien und der Türkei ist explosiv, seit am Mittwoch im türkischen Akcakale nahe der syrischen Grenze eine Mutter und ihre vier Kinder durch Granaten starben. Wenig später beschoss die Türkei erstmals Ziele in Syrien. Der arabische Sender Al-Dschasira meldete daraufhin 34 syrische Todesopfer - Oppositionelle sagten hingegen, die Zahl der Toten liege im einstelligen Bereich. Der türkische Sender NTV berichtete, die syrische Artillerie sei seitdem angewiesen worden, im Kampf mit Rebellen nicht mehr nahe der Grenze zu feuern. Kampflugzeuge und Hubschrauber dürfen nicht mehr näher als zehn Kilometer an die Grenze heranfliegen. Von syrischer Seite wurde dies nicht bestätigt.

Am Donnerstag erlaubte das Parlament in Ankara der Regierung für ein Jahr Militäreinsätze über die Grenze hinweg. Der UN-Sicherheitsrat verurteilte am selben Tag den Beschuss türkischen Gebiets auf das Schärfste. Am Freitag landete erneut eine Granate auf türkischem Boden - ohne dass jemand verletzt wurde. Die türkische Armee feuerte auch hier zurück.

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Ein syrischer Rebell in der Stadt Tel Abyad.

(Foto: AP)

Premier Tayyip Erdogan hatte die Türkei als "nicht weit von einem Krieg entfernt" beschrieben. Außenminister Ahmet Davutoglu äußerte sich aber zurückhaltender. Die Autorisierung militärischen Handelns durch das Parlament diene lediglich der Abschreckung, sagte der Minister dem Sender TRT. Erdogan ist inzwischen einer der schärfsten Kritiker von Syriens Präsident Baschar al-Assad. Die Türkei bietet ranghohen Rebellen Unterschlupf und hat fast 100.000 Flüchtlinge aufgenommen.

Massive Gefechte in der Region meldete auch die syrische Opposition. Nahe der Kleinstadt Dschisr al-Schogur seien an der Grenze zur Türkei Rebellen und Regierungstruppen aufeinandergeprallt, berichtete die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London. Mindestens 25 Soldaten und drei oppositionelle Kämpfer seien getötet worden. In der Provinz Homs bombardierte die Armee Rebellenhochburgen. Südwestlich von Damaskus hätten Rebellen einen Kontrollposten der Armee angegriffen, hieß es weiter. Bombardierungen habe es außerdem in Aleppo gegeben. Landesweit starben den Angaben zufolge mindestens 60 Menschen.

Konflikt ist "außerordentlich gefährlich"

Der frühere Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, Horst Teltschik, warnte derweil die Nato vor einem schnellen Eingreifen. Der Konflikt sei "außerordentlich gefährlich", weil die Lage so unübersichtlich sei, sagte der ehemalige Kanzlerberater im Deutschlandradio Kultur. Man wisse gar nicht, wer da schieße. "Es könnte ja auch sein, dass Gruppen der Opposition auf die Türkei zu schießen beginnen, um den Konfliktfall mit der Türkei und das Eingreifen der Türkei und damit der Nato zu erzwingen."

Syrien hat sich bisher nicht für die Zwischenfälle entschuldigt. Die staatliche Agentur Sana verbreitete stattdessen die Nachricht, dass Präsident Baschar al-Assad zum Jahrestag des "Befreiungskriegs" im Oktober 1973 eine Gedenkstätte für die "Märtyrer" besuchte. Vor 39 Jahren hatte mit dem Überfall ägyptischer und syrischer Streitkräfte auf Israel der Jom-Kippur-Krieg begonnen.

Auf die Drohung syrischer Rebellen, 45 iranische Geiseln zu ermorden, reagierte inzwischen das Außenministerium in Teheran. Es handele sich um wehrlose Pilger, die zu menschlichen Schutzschilden gemacht worden seien, zitierte die staatliche Nachrichtenagentur Irna den Sprecher. Das sei ein Verstoß gegen die Menschenrechte. Das Ministerium machte auch die Türkei, Saudi-Arabien und Katar für das Leben der Geiseln verantwortlich. Die Iraner waren den Regimegegnern Anfang August in die Hände gefallen. Der Iran gehört neben Russland zu den wichtigsten Unterstützern des Assad-Regimes.

Zehn europäische und afrikanische Mittelmeerstaaten forderten derweil zum Abschluss ihrer Gipfelkonferenz in Malta einen Regimewechsel in Syrien. An der "5+5-Konferenz" nahm auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso teil. In der Abschlusserklärung des Treffens wurde das Blutvergießen in Syrien scharf verurteilt. Die derzeitige Situation sei nicht länger hinnehmbar. Der Tunesische Präsident Moncef Marzouki schlug die Bildung einer Gruppe vor, die sich um Hilfen für die Flüchtlinge kümmern soll.

Quelle: ntv.de, dpa/AFP/rts

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