Politik

Tüchtig und süchtig Wenn der Job krank macht

Immer mehr Arbeitnehmer leiden unter psychischen Erkrankungen. Vor allem der steigende Stress haut nach Gewerkschaftsangaben viele Beschäftigte um.

Die Leistungsfähigkeit mit Medikamenten zu steigern, um im Job in Topform zu sein, ist alles andere als harmlos.

(Foto: dpa)

Der Fehlzeiten-Report der AOK liefert beklemmende Ergebnisse. Um dem wachsenden Leistungsdruck am Arbeitsplatz gewachsen zu sein, greifen immer mehr Menschen zu aufputschenden Substanzen. Dieses sogenannte Hirndoping verspricht vermeintlich Abhilfe - Nebenwirkungen inklusive.

Stress, Leistungsdruck und ständige Bereitschaft hinterlassen Spuren in deutschen Arbeitnehmer-Seelen und machen viele körperlich krank. Erkrankungen der Seele belegen längst vordere Plätze, wie der Fehlzeiten-Report 2013 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK zeigt. Dieser stellt in seiner 15. Ausgabe die Frage: "Verdammt zum Erfolg – die süchtige Arbeitsgesellschaft?"

Was provokant klingt, hat durchaus seine Berechtigung, wie die vorgelegte Statistik der Krankenkasse beweist. Die Zahl der dokumentierten Arbeitsunfähigkeitstage infolge von Suchterkrankungen ist dramatisch gestiegen: Waren es 2002 noch 2,07 Millionen Fehltage, zählte die Krankenkasse im vergangenen Jahr bereits 2,42 Millionen Fehltage. Allein die psychischen Störungen und Verhaltensstörungen durch Alkohol haben dabei über eine Million Fehltage verursacht.

Und das ist nur die Spitze des Eisberges, sagt Uwe Deh, Vorstandschef des AOK-Bundesverbandes. Die Zahlen dürften deutlich höher sein, wenn man bedenke, dass alkoholbedingte Fehlzeiten oft mit Kopfschmerzen, Migräne, Rückenschmerzen oder Depressionen begründet werden. Experten schätzen, dass bundesweit 5 bis 10 Prozent der Bevölkerung unter Alkoholproblemen leiden. Erschreckende Zahlen nannte bereits der Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung. Demnach trinkt fast ein Drittel der Frauen und Männer riskant viel.

Die Sucht hat viele Gesichter

Die Abhängigkeit von Alkohol und Nikotin verursacht zwar noch immer die meisten Fehltage, in ihrem Schatten entwickelt sich jedoch die Einnahme leistungssteigernder Substanzen rasant. Stress, immer komplexere Aufgabenbereiche, Druck von Kollegen, Konflikte und Mobbing, Ansprüche, die von Familie und Freunden gestellt werden, lassen immer mehr Menschen zu Amphetaminen und Co. greifen, Aufputschmittel oder Alkohol während der Arbeit, Schlafmittel und Cannabis am Abend. Fehlzeiten, die wegen des Konsums von Stimulanzien herbeigeführt wurden, haben sich in den letzten zehn Jahren fast vervierfacht. Sie sind von rund 8100 Fehltagen im Jahr 2002 auf knapp 30.000 im vergangenen Jahr gestiegen. Das Suchtpotenzial sowie die körperlichen und psychischen Folgeschäden dieser Drogen werden gerade in jüngeren Altersgruppen noch viel zu oft unterschätzt und verharmlost, betont Deh. Erhebungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen zufolge hat sich die Zahl der Erstkonsumenten in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt.

Die Sucht ruiniert nicht nur die Gesundheit der Betroffenen, sie hat auch enorme Folgen für die Wirtschaft. Denn wer an der Seele erkrankt, ist laut Fehlzeiten-Report auch deutlich länger krankgeschrieben als Beschäftigte, die aus anderen Gründen krankgeschrieben werden. So fehlten Suchtkranke im vergangenen Jahr durchschnittlich 92 Tage, bei allen anderen Diagnosen lag die durchschnittliche Fehlzeit bei 31 Tagen. Der deutschen Wirtschaft dürften so schätzungsweise 1,3 Milliarden Euro Schaden entstanden sein.

Trend zum Gehirndoping hält an

Und noch ein weiteres Problem zeigt der Fehlzeiten-Report: Laut Studie nehmen regelmäßig etwa 1,5 Prozent der Beschäftigen zur Steigerung ihrer Leistungsfähigkeit sogenannte Neuroenhancer, also Medikamente, die die Aufmerksamkeit erhöhen, das Gedächtnis stärken oder die Stimmung verbessern sollen. Auch hier dürfte es eine erhebliche Dunkelziffer geben. Schon lange sehen Experten einen Trend zum "Gehirndoping am Arbeitsplatz".

Eine Kausalität zwischen den Belastungen der Beschäftigten und Suchterkrankungen kann zwar nicht belegt werden, dennoch gehen die Experten des Fehlzeiten-Reports 2013 davon aus, dass Arbeit die Sucht in vielen Fällen mit verursachen kann. "Die Art, wie Menschen arbeiten und wie sie ihre Arbeit organisieren, könne einer der Faktoren für die Entstehung von Suchterkrankungen sein", so Deh. Zunehmender Leistungsdruck, die Verdichtung der Arbeit oder die Erwartung, dass Beschäftigte ständig erreichbar sind und schnell reagieren - all das könne dazu beitragen, dass Menschen Verhaltensweisen entwickeln, die zu Abhängigkeit und Sucht führen.

Quelle: n-tv.de

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