Politik

Ausnahmezustand in Donezk "Wenn nötig, verstecken wir uns im Keller"

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Der neue Alltag: Eine Frau überquert vor einem gepanzerten Fahrzeug die Straße.

(Foto: REUTERS)

Die Straßen leergefegt, viele Geschäfte geplündert, das Trinkwasser knapp: Donezk ist der Mittelpunkt der Kämpfe zwischen ukrainischer Armee und Separatisten. Eine Metropole wird zur Geisterstadt, deren Bewohner fliehen oder leiden.

Ende Februar stürzte Viktor Janukowitsch. Seitdem taumelt die Ukraine, vor allem die östlichen Regionen sind politisch instabil. Eine Stadt leidet bisher wohl am meisten unter den Unruhen in der Ukraine: Donezk, die Metropole in der nach dem umstrittenen Referendum als unabhängig proklamierten Donbass-Region. Die Stadt, in der die ukrainische Armee und die Aufständischen sich seit Wochen erbitterte Gefechte liefern, hat mit enormen Auflösungserscheinungen zu kämpfen.

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Als Flüchtlinge verlassen viele Familien mit ihren Kindern in diesen Tagen die Stadt Donezk in Bussen und Zügen.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Das spürt in diesen Tagen auch Jürgen Weichert, der für n-tv aus Donezk berichtet. "Bis vor Kurzem war Donezk eine lebendige Stadt", sagt er. Restaurants und Geschäfte seien normal geöffnet gewesen. Es habe zwar Demonstrationen und Unruhen gegeben, aber das Leben habe seien normalen Gang genommen. Doch plötzlich ist alles anders. Donezk ist zu einer Geisterstadt geworden.

Die Straßen sind leer, abends gibt es in einigen Bezirken sogar eine Ausgangssperre. Viele Läden sind längst geschlossen, andere werden geplündert. Einen geregelten Arbeitstag haben nur noch wenige Menschen. Viele wurden in den Zwangsurlaub geschickt. Die, die noch arbeiten, müssen täglich Checkpoints der Separatisten passieren und Kontrollen über sich ergehen lassen. Die ungewisse Zukunft und die nächtlichen Schießereien rauben vielen Bürgern den Schlaf. Eine Stadt im Ausnahmezustand. Weichert erzählt: "Diese Millionenstadt ist vom Rest des Landes abgetrennt. Der Flughafen ist total zerstört. Die Autos vieler Menschen sind von den Separatisten 'zum Wohle' der von ihnen ausgerufenen Volksrepublik konfisziert worden. Jeder hat Angst um seinen Besitz."

18 Euro pro Tag

Viele Einwohner der Stadt sind es leid, sie fliehen. Die Züge in nicht besetzte Städte sind ausgebucht. Aber den meisten Menschen fehlt das Geld für die Flucht. An Geldautomaten werden pro Tag nur noch 250 Griwna (umgerechnet 18 Euro) ausgezahlt, Renten und Gehälter vielfach nicht vollständig oder gar nicht mehr. Arbeitgeber beklagen wiederum, dass viele ihrer Angestellten verschwunden und zu Verwandten in den Westen gegangen sind. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Axel Schäfer, der in Kontakt zum Generalkonsulat in Donezk steht, sagt, dass schon bis zu 100.000 der eine Million Bürger die Stadt verlassen haben. Zu diesen zählt auch Olexandr Lukjantschenko. Der Bürgermeister wurde vertrieben, weil er die Separatisten nicht unterstützen wollte.

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Donezk im Sommer 2014: leere Straßen, viele Bewaffnete.

(Foto: REUTERS)

Nicht nur viele Menschen kehren der Stadt den Rücken, sondern auch der Sport. Die ukrainische Fußball-Liga soll eigentlich an diesem Wochenende starten. Es dürfte eine schwere Saison werden, vor allem für die drei Donezker Vereine. Meister Schachtjor und die Klubs Metalurg und Olimpik müssen in andere Städte ausweichen. "Wir werden in Kiew trainieren und leben, und die Arena in Lwiw wird unser Heimstadion", sagt Schachtjor-Trainer Mircea Lupescu. Aber ob das hilft? Fünf brasilianische Profis setzten sich am Wochenende nach einem Testspiel in Frankreich von ihrer Mannschaft ab.

"Wer weiß was uns noch bevorsteht"

Besonders lebenswert erscheint die Industriestadt, die weniger als 100 Kilometer von der russischen Grenze entfernt liegt, zurzeit tatsächlich nicht. "Jeden Tag und jede Nacht hören wir Explosionen", sagt Ina Tkhoschenko n-tv.de. Die Übersetzerin arbeitet inzwischen von zuhause aus. Viele ihre Kollegen sind nach Kiew gezogen und gehen ihrem Job inzwischen von dort aus nach. "Wer weiß, was uns noch bevorsteht. Es wird ja immer gefährlicher", sagt sie.

Dennoch will sie Donezk mit ihrer Familie vorerst nicht verlassen. Stattdessen rüstet sich Ina Tkhoschenko für den Ernstfall. Sie habe bereits Vorbereitungen getroffen: den Keller sauber gemacht und als Rückzugsraum mit Lebensmitteln sowie Sitz- und Schlafmöglichkeiten ausgestattet. "Wenn's nötig ist, verstecken wir uns dort." Viel lieber wäre es ihr jedoch, wenn ihr das erspart bleibt. "Wir haben alle Angst vor diesem Krieg und hoffen, dass er bald endet. Leider hängt das nicht mehr von dem einfachen Volk ab."

Eine Besserung der Lage ist nicht absehbar. Ganz im Gegenteil. Schon bald mangelt es den Menschen in Donezk an etwas ganz wesentlichen: Trinkwasser. Bei Gefechten wurde in dieser Woche die wichtigste Wasserleitung beschädigt. Weil die Kämpfe anhalten, konnte sie bisher nicht repariert werden. In der Nachbarstadt Horliwka fiel zuletzt eine Pumpstation an einer gesprengten Brücke aus. Die Donezker Gebietsverwaltung warnte die Bürger bereits: "Die Wasservorräte reichen nur für wenige Tage."

Wann enden die "Ferien"?

Eine andere Bewohnerin Donezks, die anonym bleiben will, bekommt das bereits zu spüren. Auf drei Stunden am Tag sei die Trinkwasserversorgung in ihrem Bezirk begrenzt worden. Niemand wisse, wie lange es überhaupt noch Wasser gibt.

Die Hochschullehrerin hat zurzeit Sommerferien und verbringt viel Zeit in ihrer Wohnung. Die 60-Jährige hat Angst rauszugehen. "Überall wird geschossen, überall sind Bewaffnete und Panzer", sagt sie n-tv.de. Die ukrainische Armee blockiere die Stadt, die Separatisten hätten nur noch die Kontrolle über das Zentrum. Die Straßen seien wie leergefegt: kaum Menschen, nur wenige Autos. "Spielende Kinder habe ich schon seit langem nicht mehr gesehen", sagt sie.

Wer es sich leisten könne, habe seine Kinder zu Verwandten in andere Regionen geschickt Dorthin, wo es sicherer ist. "Donezk ist im Moment der Horror", sagt sie. Eigentlich enden ihre Ferien am 1. September, aber der Schulanfang wurde auf Oktober verschoben. Ob sich die Lage bis dahin entspannt hat? Zurzeit mag das niemand prophezeien in Donezk.

Quelle: n-tv.de

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