Politik

"Passt bloß auf!" Wie die arabische Welt reagiert

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Constantin Schreiber hat die Reaktionen der arabischen Welt zusammengetragen.

(Foto: Charles Yunck)

Entsetzen und Jubel. In Mails, Kommentaren, Postings zeigen Muslime, wie erschüttert sie von den Anschlägen in Paris sind. Flüchtlinge drücken ihre Angst aus, dass sie der Krieg begleitet. Aber es gibt auch Freude über den Terror.

Die Schüsse von Paris haben nicht nur die Franzosen getroffen, nicht nur die Europäer mitten ins Herz. Sie haben nicht nur (wieder einmal) unsere Illusion von Sicherheit zerstört, sondern auch die der Tausenden Flüchtlinge, die aus dem Krieg in Aleppo, Homs und Misrata zu uns geflohen sind. Seit September versuchen wir mit unserem wöchentlichen Videoformat "Marhaba" (deutsch: Willkommen) Flüchtlingen aus arabischen Ländern zu erklären, wie unser Land tickt. Jede Woche bekommen wir Hunderte E-Mails, Briefe, Nachrichten auf Twitter und Facebook. Die arabischen Reaktionen waren bislang überwiegend positiv, die Menschen schrieben, wie glücklich sie seien, dem Krieg entkommen zu sein.

Doch seit Freitagnacht ist das anders. Der Terror von Paris hat vielen geflohenen Syrern offenbar gezeigt: Ihr seid auch hier nicht sicher. Mehr als 500 Zuschriften haben uns alleine am Samstag und Sonntag erreicht. Hier ein Querschnitt:

  • "Wir haben Angst", schreibt ein User, und weiter: "Wieder einmal werden es die Muslime weltweit sein, die nun Ausgrenzung und Ablehnung spüren."
  • Eine weitere Leserin schreibt: "Sie wollen doch, dass man uns alle mit dem IS gleichsetzt! Unsere Kinder sind die Ziele dieser Terroristen, in Syrien wie hier."

Viele fürchten sich nun auch davor, wie die Gesellschaft in Deutschland, in Europa reagieren wird. Die Angst wächst, dass die Flüchtlinge eine Welle von Fremdenfeindlichkeit, Hass oder zumindest Ablehnung entgegensehen.

  • "Wir bitten die Deutschen, uns zu schützen!" schreibt ein Nutzer, der sich Suqur nennt.
  • "Die Menschen in Deutschland haben allen Anlass, die Muslime und den Islam zu hassen, wenn sie sehen, was unsere Brüder tun. Wir brauchen Werte und einen Neubeginn."

Einige der Flüchtlinge schreiben mir aber auch Nachrichten, die mich nachdenklich und besorgt machen. Sie warnen davor, dass sich die Stimmung bei manchen Menschen, die zu uns kommen, nun radikalisiert.

  • Nabil schreibt: "Wir saßen mit vielen Leuten zusammen, da sagte ein Mann aus Tartus (Westsyrien), wir müssten die Sache des islamischen Staates nun in den Westen tragen. Constantin, ich bin auch Muslim, aber diese Männer sind nicht wie ich."

Außerdem kommen kurze, warnende Zuschriften wie:

  • "Passt bloß auf!"
  • "Nehmt euch in Acht!"
  • "Traut denen nicht!"

Einige der Mails sind in einem sehr lyrischen Stil geschrieben:

  • "Manche der syrischen Frauen tragen in sich die Leibesfrucht der Männer Gottes, zu kommen in euer Land."

Und auch ein paar Mails erreichten uns, die die Anschläge von Paris offen feiern:

  • "Jetzt erntet der Westen, was er vor Jahren gesät hat."
  • "Ich weiß, dass Frankreich und der ganze Westen uns töten und zerstören wollen."
  • "Wenn ich sehe, was in Frankreich geschehen ist, dann sehe ich vor mir die toten Kinder und Frauen, vergewaltigt und getötet von französischen Soldaten für den Wohlstand, den Europa heute hat."
  • "Warum erscheint überall jetzt die französische Flagge? Sie haben keinen Gott!"
  • "Ich werde nicht vergessen, was man in Syrien meinen Brüdern angetan hat. Ich werde für meine Rache leben, bis meine Seele meinen Körper verlassen hat."

Wenn man sich die Kommentare von Lesern und Zuschauern großer arabischer Medien ansieht, zeigt sich dort – erschreckenderweise – viel Zuspruch für Islamisten. Und eine Relativierung nach dem Motto: Warum ist die Welt nicht so entsetzt, wenn in Syrien Zigtausend Menschen sterben?

  • "Jeden Tag sterben Frauen und Kinder in Syrien und Palästina. Wo sind die syrischen und palästinensischen Flaggen in Deutschland?"

Die insgesamt kippende Stimmung kann man auch an den Medien, ihren Headlines und ihrer Gewichtung selbst ablesen:

  • Al-Jazeera fragt: "Wo wird Frankreich den IS angreifen"
  • al-Arabiya verbreitet die Schlagzeile: "Nach den Anschlägen richten sich die Augen auf die Moscheen"
  • Und die einflussreiche Zeitung alAhram startet ihren Online-Auftritt heute mit einer ganz anderen Meldung, nämlich einem Zitat von Präsident al-Sissi: "Wir wollen alle Länder, die am Nil liegen, wirtschaftlich voranbringen"

Der Tenor vieler Berichte ist ein anderer als noch bei früheren Terroranschlägen in Europa.

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Die ganze Welt zeigt Trauer und Solidarität mit Frankreich.

(Foto: dpa)

Wichtig festzustellen ist aber auch: Die meisten der Menschen wollen eines: den Horror des Erlebten hinter sich lassen. Ein neues Leben beginnen. Sicherheit, Frieden. Sie sind entsetzt, dass sie der Horror ihrer Heimat einzuholen scheint in dem Land, in dem sie Schutz suchten.

  • "Unsere Herzen sind erfüllt mit Trauer um jeden Menschen, getötet durch die Hand des Terrors, ob in Syrien, Jemen, Libyen oder Frankreich."
  • "Mögen die Täter in der Hölle brennen."

Sicherheit ist zur Illusion geworden. Aber die Botschaft von Paris ist klar: Der Terror macht uns nicht klein. Europa steht fest zusammen. Es wird hier keinen Krieg geben. Deutschland ist nicht Syrien, Frankreich nicht Libyen. Die Angst wird uns nicht zerstören, die Freiheit bleibt – nicht nur für uns Europäer, sondern auch für die, die Schutz suchen.

Quelle: n-tv.de

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