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Syrische Aktivistin zur Revolution "Wir haben das Tor zur Hölle geöffnet"

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Kämpfer der Nusra-Front in der Region Idlib. Dort haben die Islamisten zuletzt Stellungen und Checkpoints von den Regime-Truppen zurückerobert.

(Foto: AP)

Seit acht Monaten lebt Sofie Haddad in Beirut. Die 26-Jährige gehörte 2011 in Damaskus zu den ersten jungen Leuten, die auf den Straßen demonstrierten. Sie war später für die Freie Syrische Armee und die Nusra-Front aktiv. Sie ist untergetaucht, nachdem nicht mehr nur das Assad-Regime, sondern auch der Islamische Staat sie verfolgte – wegen eines Youtube-Videos. Sie fühlt sich auch im Libanon nicht sicher und zieht immer wieder um. Deshalb können wir kein Foto von ihr zeigen und ihren echten Namen nicht nennen. Mit n-tv.de hat sie über den Stand der Revolution gesprochen und rechnet schonungslos und desillusioniert ab: "Wir haben es angefangen. Deshalb müssen wir dafür geradestehen."

n-tv.de: Glauben Sie noch an die Revolution in Syrien?

Sofie: Natürlich würde ich mir wünschen, dass die Freie Syrische Armee den Krieg gewinne und mit ihr die Revolution, aber es ist vorbei. Es wird nicht passieren. Wir haben das Schlimmste gesehen, wir werden jede Art von Ausgang akzeptieren, wenn dafür nur kein Blut mehr fließt. Dass die Revolutionäre dies einmal sagen würden, war immer die Strategie derer, die Syrien in solch ein Chaos gestürzt haben.

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Seit Beginn der Revolution 2011 sind in Syrien mehr als 200.000 Menschen getötet worden. Städte wie Aleppo liegen in Schutt und Asche.

(Foto: dpa)

Haben Sie damals, als die ersten Demonstrationen stattfanden, mit einem solchen jahrelangen Krieg gerechnet?

Wir als Aktivisten wussten, wie das diktatorische Regime auf Demonstrationen reagieren würde. Wir haben einkalkuliert, dass man uns einsperren und einige töten würde. Wir haben aber nicht erwartet, dass der Konflikt so schnell ein bewaffneter sein würde. Anfangs war es eine rein zivile Revolution. Wir dachten, es werden einige von uns draufgehen, aber es wird seinen Gang gehen, am Ende wird das Regime kollabieren.

Wann haben Sie entschieden, für bewaffnete Gruppen zu arbeiten?

Es war ein Domino-Effekt. Ich ging demonstrieren. Dann wurden Freunde von mir verhaftet und nach ihrer Freilassung gingen viele von ihnen zur FSA oder zu anderen Brigaden. Meine Freunde wussten, dass ich mich mit Medien auskenne, also fragte mich irgendwann einer, ob ich für die FSA arbeiten wolle. Ich habe mir Vertrauen erarbeitet, übersetzt und gefilmt.

Wie kam es, dass Sie zur Nusra-Front gewechselt sind?

Die Übergänge waren fließend. Die FSA war bei den meisten der Einstieg. Doch die wurde ab Ende 2012 immer schwächer, viele Anführer wurden getötet oder verschwanden. Die Nusra-Front dagegen wurde immer stärker. Eines Tages hat mich ein Bekannter den Kämpfern der Nusra-Front vorgestellt. Sie sagten: Du kannst Dinge erledigen, die wir nicht tun können. Ich wurde zu der Zeit noch nicht vom Regime gejagt und konnte bis ins Herz von Damaskus fahren. Ich hatte außerdem Zugang zu umkämpften Gebieten bei Daraa und Idlib. Ich erledigte Botendienste und brachte Hilfsgüter zu den Zivilisten. Ich arbeitete zur selben Zeit für das Regime, die FSA und die Nusra-Front.

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Soldaten des syrischne Regimes. Die Aktivistin, die gegen das Regime kämpfte, sagt: "Wir sind alle Syrer. Wir müssen aufhören."

(Foto: Reuters)

Das syrische Regime behauptet, alle Oppositionellen seien Terroristen - wäre es nicht klüger gewesen, trotz allem auf der Seite des friedlichen Widerstandes zu bleiben?

Ich habe die Revolution mit angefangen und damit etwas angezettelt, von dem ich mich nicht einfach abwenden und sagen kann: damit habe ich nichts mehr zu tun. Der Kampf hat eine Wendung genommen, die wir als friedliche Demonstranten niemals wollten. Weil die FSA zu schwach wurde, bin ich zur Nusra-Front gegangen, obwohl ich keine Islamistin bin.

Hatten Sie nicht Bedenken, dass der Wechsel zu einer Al-Kaida-Tochter auch dem Regime helfen würde, die Opposition zu verteufeln?

Ich erkannte, dass ich nur so noch im Sinne der Revolution Einfluss nehmen konnte. Ich habe zum Beispiel mit den von der Nusra-Front gefangenen Regime-Soldaten gesprochen. Ich habe ihnen gesagt: „Wir werden euch nicht töten. Wir sind alle Syrer. Wir wollen, dass das gegenseitige Abschlachten aufhört. Es gibt Regeln im Kampf. Hört auf, Zivilisten zu töten, Frauen und Kindern Gewalt zuzufügen. Das sind Kriegsverbrechen.“ Sie waren baff, dass eine Frau für die Nusra-Front arbeitet. Ich weiß von mehreren, dass sie nach ihrer Freilassung desertiert sind. Damit habe ich etwas Gutes erreicht.

Was sind die Ziele der Nusra-Front im Syrienkrieg?

Wenn ich Kämpfer der Nusra-Front das gefragt habe, sagten sie: "Wir wollen nichts. Wir wollen, dass Assad stürzt, dann gehen wir woanders hin und machen dort weiter Dschihad." Manche wollten auch in Syrien bleiben und zu ihren Familien zurückkehren. Etwa die Hälfte der Männer in der Nusra-Front sind Syrer, die für Al-Kaida im Irak gearbeitet haben. Sie haben aber keine politische Vision wie der Islamische Staat. Ihre Grundidee war, der Revolution zu helfen gegen das Regime. Die Nusra-Front ist aus meiner Sicht die sauberste Partei in diesem Krieg. Sie haben nicht in dem Ausmaß Massaker verübt wie andere.

Was hat der Anblick von Tod und Elend mit Ihnen gemacht?

Ich habe das erste Video für meine Bewegung gedreht, das ein Massaker dokumentiert. Ich bin nicht stolz darauf. Als ich die entstellen Leichen sah, bin ich von einem süßen Mädchen, das jede Nacht um seine Freunde geweint hat, zu einer harten Person geworden. Ich fragte mich: Warum lebe ich noch? Dann habe ich weitergemacht, bin härter geworden und habe mich noch mehr mit dem Kampf identifiziert.

Wie oft sind Sie dem Tod entronnen?

Dutzende Male! Ich habe keine Ahnung, wie oft Kugeln direkt an meinem Kopf vorbeigeschossen sind. Es war wohl noch nicht meine Zeit. Einmal war ich einem Dorf bei Wadi al-Barada. Ich und der Anführer und vier Kämpfer von meiner Brigade saßen nachts um eins auf einem Dach und haben Tee getrunken und Popcorn gegessen. Dann begann das Regime von den Berghängen aus, uns mit Raketen und Mörsern zu beschießen. Es war so normal für uns. Ein Freund rief an und ich sagte: Ruf mich in zwei Stunden an, wir sind gerade unter Beschuss. Wir haben einfach weiter unser Popcorn gegessen, denn es macht keinen Unterschied. Oberste Regel ist: Bleib wo du bist, das ist das sicherste. Einmal war ich in Homs elf Tage eingeschlossen, saß in einem Raum in der Ecke und sprach alle letzten Grüße in meine Kamera – alles, was mir einfiel. Jede Minute beschoss uns das Regime mit 48 Mörsern, 2 Raketen und 90 Granaten. Das ging elf Tage so. Ich bin da halb verrückt rausgegangen.

Sie sind erst 26. Haben Sie noch Ziele über die syrische Revolution hinaus?

Ich kann bis zur nächsten Stunde denken, weiter nicht. Ich war zwei Jahre lang mit einem Mann zusammen, er war erst in der FSA und dann in der Nusra-Front. Er ist am 23. März 2014 gestorben. Seitdem habe ich keine Gefühle mehr. Er war für mich ein idealer Held. Er war süß, jeder liebte ihn. Er war ehrlich, mutig, gerecht. Er gab zum Beispiel oft sein Abendessen den Gefangenen ab. Mit ihm sind alle meine Pläne für die Zukunft gestorben. Was mich persönlich angeht, so habe ich nur noch einen Job: Meine Familie muss heile rauskommen. Wenn mir das nicht gelingt, ist mein Leben nichts mehr wert. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann wünschte ich, dass ich mich bei allen Toten in Syrien entschuldigen könnte.

Sie fühlen sich für diesen Krieg persönlich verantwortlich. Wie wollen Sie das schultern?

Jeder, der 2011 auf die Straße ging und Freiheit forderte, ist verantwortlich für den Krieg. Wir haben das Tor zur Hölle geöffnet, um uns mit dem größten Teufel überhaupt anzulegen: Baschar al-Assad. Wir können jetzt nicht sagen: „Wir haben ja nur friedlich demonstriert.“ Unsere Ziele waren andere, aber wir waren der Auslöser für diesen Krieg. Nun müssen wir dafür gerade stehen. Wie auch das Regime und alle, die Kriegsverbrechen begangen haben. Alle Beteiligten, die Aktivisten, das Regime, die Kämpfer, müssen eine Lösung suchen. Wir sind ein Volk. Wenn das nicht gelingt, haben wir es alle nicht verdient, zu leben.

Sehen Sie, die Sie hier jetzt in Beirut sitzen, noch etwas, das Sie tun können für Ihre Landsleute drüben in Syrien?

Ich bin deprimiert, dass ich hier bin und im Moment nichts für meine Leute tun kann. Aber ich habe eine Vision: Eines Tages sollen alle Kriegsverbrecher von Syrien vor Gericht stehen. Es soll ein syrisches Gericht sein, unabhängig und ohne Siegerjustiz. Ohne minutiöse Aufarbeitung wird es keine Versöhnung geben. Mein Traum ist, meinen Laptop und meine Kamera aus Damaskus zu holen und alles Material auszuwerten, um vorbereitet zu sein für diesen Tag. Dann will ich Zeugin sein – für alle Verbrechen, egal ob sie von der FSA, der Nusra-Front, dem Regime oder anderen begangen wurden.

Wie könnte eine Lösung aussehen?

Es kann nur eine politische Lösung geben. Den Krieg weiterzuführen, hat keinen Zweck. Es müsste eine gemeinsame Regierung für den Übergang geben. Alle müssen an einen Tisch. Der IS wird irgendwann seine maximale Ausdehnung erreicht haben. Erbil und Bagdad, der Libanon, Damaskus und Aleppo sind rote Linien, das weiß der IS. In zehn Jahren oder so werden sie miteinander reden müssen. Und das wissen sie alle. Die Grenzen Syriens werden gerade neu ausgefochten. Die Regionalmächte, Saudi-Arabien, Katar, der Iran, die Türkei, und der Westen haben Interessen in Syrien. Die Frage ist nur: Wieviel Blut wird noch fließen bis das alles zu einem Ende kommt?

Was glauben Sie, denkt sich Baschar al-Assad abends im stillen Kämmerlein?

Er hat nie entschieden, Baschar al-Assad zu sein. Er hat nie entschieden, der Sohn von Hafiz al-Assad zu sein. Er ist vermutlich sehr hilflos und fragt sich: Was soll ich machen? Er ist eine Marionette der alten Eliten, die um jeden Preis ihre über 40 Jahre aufgebaute Macht erhalten wollen. Sie sind krank im Kopf. Wer nicht für sie ist, ist in ihren Augen eine Ratte. Ich bewundere das Regime auch irgendwo. Bisher hat es diesen Kampf für sich entschieden. Es hat sehr viel schlauer agiert als wir. Wären wir nur halb so schlau gewesen, hätten wir jetzt ein friedliches Syrien. Das Regime hat die ganze Welt Glauben gemacht, dass es keine friedliche Revolution gab und dass es nichts geben kann in Syrien außer das Regime oder Steinzeitislamisten.

Mit Sofie Haddad sprach Nora Schareika

 

Quelle: n-tv.de

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