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Donnerstag, 17. April 2014

Krankenhäuser sind krank: "Wir machen uns zu Huren"

Deutschlands Krankenhäuser leiden an finanzieller Schwindsucht. Das sei politisch gewollt, sagt der Arzt und Buchautor Paul Brandenburg. Weil er sich den Mund nicht verbieten lassen wollte, ist der Notfallmediziner vor der Deutschen Ärztekammer in die Schweiz geflohen. Doch seine Kritik am deutschen Gesundheitssystem und an der deutschen Gesundheitspolitik ist auch weiterhin gnadenlos. Im Interview mit n-tv.de liest Brandenburg all jenen die Leviten, die für die Misere im Gesundheitssystem mit verantwortlich sind - Patienten und Ärzte inklusive.

n-tv.de: Herr Brandenburg, die deutschen Krankenhäuser sind krank, sie leiden an Geldmangel. Woher kommt das?

Im deutschen Gesundheitssystem liegt einiges im Argen, findet Paul Brandenburg.
Im deutschen Gesundheitssystem liegt einiges im Argen, findet Paul Brandenburg.

Paul Brandenburg: Ich sage: Es ist politisch gewollt. Wir haben zu viele Betten, rund eine halbe Million, die nur zu 70 Prozent ausgelastet sind, und das trotz all der unnötigen Operationen. Momentan zentralisieren sich diese Standorte, weil sie dann billiger arbeiten können. Das kommt dem Patienten nicht zugute. Denn dann ziehen sich die Kliniken aus den schwächeren Flächen zurück und gehen in die lukrativen Städte. Aber die Bettenzahl bleibt gleich, denn jedes vorhandene Bett ist für die Klinik ein Umsatzfaktor.

Bundesgesundheitsminister Gröhe fordert weniger Krankenhausbetten. Diese Forderung ist also richtig?

Ja, die ist absolut richtig. Aber das fordern sehr viele Krankenhausvertreter schon seit Jahren, auch sehr viele Ärztevertreter.

Was müsste passieren, damit alles wieder ins Lot kommt?

Der erste und einfachste Schritt wäre, endlich einen verbindlichen Personal-Schlüssel einzuführen und die Betten, da wo es zu viele sind, durch politische Vorgaben gesteuert abzubauen. Aber Klinikschließungen sind politisch extrem heikel. Kein Bundestagsabgeordneter ist bereit, das Risiko einzugehen, sich unbeliebt zu machen.

Lässt die Politik die Krankenhäuser alleine?

Alleine lassen, das wäre vielleicht noch ganz gut. Ich glaube, die Politik treibt die Krankenhäuser sogar in einen Verdrängungskampf. In einen wirtschaftlich gewollten Verdrängungskampf. Die Politik scheut sich, selbst einzugreifen, weil sie sich nicht unbeliebt machen will. Insofern begünstigt die Politik momentan die großen Klinikkonzerne: Helios, Asklepios, Sana - die wachsen und wachsen. Die Politik lässt die kleineren Versorger alleine, die kleineren Konzerne, die öffentlichen und auch kirchlichen Träger, die auf dem Land die nicht lukrativen Patienten betreuen. Die Politik müsste ein Minimum an verbindlichen Vorgaben machen, die sicherstellen, dass die Versorgung dort angeboten wird, wo sie auch gebraucht wird.

Kliniken sollen sparen und gleichzeitig Qualitätsstandards einhalten. Wie passt das zusammen?

Das ist ein glatter Widerspruch. Das, was wir momentan als Qualitätsdiskussion erleben, ist aus meiner Sicht eine Scheindiskussion. Wir erleben, dass die Gelder immer stärker gekürzt werden, aber gleichzeitig das Personal enthalten sein soll, das beispielsweise die Operationsräume putzt. Wir haben in Kliniken genau den gleichen Druck beispielsweise auf das Reinigungspersonal wie in der übrigen Wirtschaft. Im Minutentakt und für Hungerlöhne müssen dort Putzfrauen Säle reinigen und dabei fiktive Hygienestandards einhalten. Das können die gar nicht leisten. Auch medizinische Qualität ist direkt abhängig von der Anzahl der Mitarbeiter, die da sind, um Qualität zu liefern. Medizinische Qualität ist nur dort möglich, wo ausreichend Personal vorhanden ist.

Gibt es aus Ihrer Sicht auch einen gewissen Handlungsbedarf auf Seiten der Patienten?

Das ist ein Thema, womit man sich als Arzt in der Öffentlichkeit immer leicht die Finger verbrennt. Das Kernproblem ist oft mangelnde Eigenverantwortung der Patienten. Wir behandeln zum Großteil die Folgen unseres saturierten Lebensstils. Das ist das Übergewicht, das ist Rauchen, das sind all die anderen bekannten Probleme. Der Genuss, der Konsum dieser Dinge findet individuell statt, dafür zahlt jeder selbst. Aber die negativen Folgen, der hohe Blutdruck, die Gefäßverkalkung, letztlich der Herzinfarkt, auch die transplantierte Niere, die Zuckererkrankung, all das sind die Folgen. Und die Kosten dafür werden dann einfach der Gemeinschaft aufgeschlagen. Und dass die Kosten angesichts unseres Lebensstils steigen, sollte niemanden verwundern.

Soweit Ihre Diagnose. Was ist Ihr Heilmittel?

Die Frage ist, ob es nicht möglich ist, ein gutes Maß an Eigenverantwortung auch zu erzwingen. Den Menschen einfach zu zeigen: Schaut, bei diesem Verhalten, ist das die logische, die zwingende Gesundheitsfolge. Da muss man sich entschließen und entweder sagen: Jawohl, das wollen wir immer zahlen. Dann wird der Krankenkassenbeitrag nicht bei 15 Prozent bleiben können, dann wird er vielleicht auf 30 Prozent steigen müssen. Oder wir sagen: Wir müssen uns darauf einigen, dass gewisse Folgen auch in den Kosten getragen werden müssen. Wir müssen den Menschen erklären: Schaut, ihr wollt doch nicht, dass vom Lohn so viel für eine Pflichtversicherung abgezogen wird. Also müssen wir darüber reden, was behandeln wir als schicksalshafte Krankheit und was ist vielleicht auch Folge Eures Lebensstils?

Gibt es denn da schon ein Modell, an dem man sich orientieren könnte?

Das ist schwierig. Man müsste sich einigen, was etwas ist, das wir bezahlen müssen, und was etwas ist, wo man den Einzelnen anhalten muss. Ich vergleiche das gern mit der Schweiz, wo der Patient in jedem Einzelfall, ganz gleich, ob gesetzlich oder privat versichert, sieht, welche Kosten seine Behandlung verursacht. Das ist ein erster Schritt, um dem Patienten bewusst zu machen, dass da viel Geld über den Tisch geht und dass das Ganze auch Folgen für die Volkswirtschaft hat.

In welcher Rolle sehen Sie den Arzt?

Der Arzt hat sich sehenden Auges zum Helfershelfer gemacht. Das ärgert mich am meisten. Wir sind ja diejenigen, die täglich in den Krankenhäusern die unnötigen Operationen durchführen oder auch die Darmspiegelung durchführen und aufnehmen, die den Konzernen den Umsatz bringt. Mittlerweile läuft das wirklich so direkt, dass in den Frühbesprechungen bei Ärzten klare Ansagen gemacht werden, beispielsweise vom Controller: "Meine Damen und Herren, wir haben heute noch fünf Programmplätze auf der Darmspiegelung frei. Also verschaffen Sie uns Patienten dafür." Und dafür geben wir Ärzte uns wirklich als willige Vollstrecker her. Aus meiner Sicht verstößt das ganz klar gegen unsere Berufsordnung, gegen unseren Auftrag. Und ich empfinde es als üble Heuchelei, sich gleichzeitig in Form von Bundesverbänden und Bundesärztekammern immer wieder in die Presse zu stellen und immer wieder zu betonen, wie sehr man das Interesse des Patienten verteidigt. Denn das Gegenteil ist der Fall. Wir machen uns letztlich zu den Huren der Krankenhausgesellschaften.

Mit Paul Brandenburg sprach Ulrich Kleemann

Quelle: n-tv.de