Politik

Der verzweifelte Kampf gegen Ebola "Wir müssen todkranke Kinder abweisen"

3l1x3903.jpg925966394722002182.jpg

Abtransport eines mutmaßlichen Ebola-Toten: Die Kapazitäten der Helfer reichen bei Weitem nicht aus, um die Epidemie einzudämmen.

(Foto: dpa)

Zu spät und zu halbherzig - der Chef von Ärzte ohne Grenzen, Tankred Stöbe, ist enttäuscht von der Staatengemeinschaft im Kampf gegen Ebola. Noch kann vielen Menschen in Westafrika geholfen werden. Doch die Lage vor Ort lässt wenig Raum für Hoffnung.

Stoebe-Tankred-Portrait-c-barbara-sigge.jpg

Tankred Stöbe ist Vorstandsvorsitzender von "Ärzte ohne Grenzen". Die Hilfsorganisation ist in Liberia, Guinea und Sierra Leone im Einsatz, um die Ebola-Epidemie einzudämmen.

(Foto: Barbara Sigge)

n-tv.de: Mehr als 3000 Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen sind in Westafrika im Einsatz, um den Menschen im Kampf gegen Ebola zu helfen. Was hören Sie von Ihren Kollegen vor Ort?

Tankred Stöbe: Die Zustände sind grausam. Wir können in den Krankenstationen nicht mehr alle aufnehmen und müssen täglich viele Patienten an den Türen abweisen. Morgens haben wir nur noch eine halbe Stunde geöffnet, um die wenigen Betten, die über Nacht durch Todesfälle frei geworden sind, neu zu besetzen. Todkranke Menschen, todkranke Kinder abzuweisen - das ist schrecklich für uns. Wir sind eigentlich in diese Region gefahren, um Leben zu retten.

Was können Ihre Mitarbeiter konkret tun, um die Situation zu verbessern?

Wir haben in den betroffenen Ländern jetzt über 600 Betten, die speziell für die Ebola-Bekämpfung ausgebaut wurden. Wenn wir die Menschen behandeln, können wir die Sterberaten senken. Diese liegen bei alarmierenden 70 Prozent. Wenn die Patienten bei uns in Behandlung sind, können zumindest Nebenerkrankungen wie Malaria, Atemwegs- oder Durchfallerkrankungen gemildert werden und dadurch steigen die Überlebenschancen.

Ebola-Virus

Das in Afrika vorkommende Ebola-Virus gehört zu den gefährlichsten Krankheitserregern der Welt. Es führt in 50 bis 90 Prozent der Fälle zum Tod. Trotz intensiver Forschung gibt es weder eine vorbeugende Impfung noch ein Heilmittel.
Das Virus wird nach Angaben des Berliner Robert-Koch-Instituts hauptsächlich durch direkten, engen Kontakt von Mensch zu Mensch übertragen, wahrscheinlich über bluthaltige Körpersekrete. Nach einer Inkubationszeit von zwei Tagen bis drei Wochen führt die Krankheit meist zu Fieber und inneren Blutungen (hämorrhagisches Fieber), die Mehrheit der Patienten stirbt an Lungenversagen und Kreislaufschock.
Das Virus, das zuerst am Ebola-Fluss im Kongo auftauchte, lässt sich im Blut, Urin und Rachensekret nachweisen. Schon der Verdacht auf eine Erkrankung ist in Deutschland meldepflichtig.

Woran fehlt es?

Seit Wochen ermahnen wir die Weltgemeinschaft zu mehr Hilfe. Konkret fragen wir nach ausgebildetem Personal, das sich mit Infektionserkrankungen auskennt. Aber auch Kranken- und Isolierstationen müssen in diese Länder kommen. Die Gesundheitssysteme in den drei betroffenen Ländern Liberia, Sierra Leone und Guinea sind überhaupt nicht mehr fähig, das alleine zu schaffen. Es gibt zu wenige Ärzte, zu wenige Pflegende.

In Deutschland haben viele Menschen Angst vor Ebola. Ist das berechtigt?

Die Sorge, dass Ebola nach Deutschland kommt, wird nur dann größer, wenn wir nicht in den betroffenen Ländern in Westafrika helfen. Denn sonst breitet sich diese Epidemie weiter aus. Doch die Resonanz auf den Aufruf der deutschen Regierung zeigt: Es gibt auch viele, viele Deutsche, die bereit sind, dort mitzuarbeiten.  

Aber bei anderen humanitären Katastrophen ist das Mitgefühl größer.

Das stimmt. Im letzten November habe ich nach dem Wirbelsturm auf den Philippinen als Arzt mitgeholfen. Dort hat es nur wenige Tage gedauert, bis dort Dutzende Hilfsorganisationen mitgearbeitet haben, Militärverbände wirkten mit. Wir wundern uns auch, warum es dieses Mal so schwierig ist, Hilfe zu organisieren. Ärzte ohne Grenzen sind seit vielen Monaten nahezu die einzige Organisation, die in diesen Ländern Ebola-Patienten behandelt. Das ist nicht akzeptabel.

Lange hat sich Deutschland sehr zurückgehalten, Sie haben der Regierung Tatenlosigkeit vorgeworfen. Woher kommt dieses Desinteresse?

Das haben wir auch nicht verstanden. Spätestens seit Juni war klar, dass die Situation außer Kontrolle gerät. Wichtig ist aber, dass jetzt unsere Weckrufe angekommen sind. Die Politik, bis hin zur Bundeskanzlerin, hat begriffen, wie ernst die Lage ist. Es wird nun tatsächlich versucht zu helfen. Das sind ermutigende erste Schritte, aber die angekündigten Maßnahmen werden nicht reichen.

Was erwarten Sie sich zusätzlich?

Es werden nicht nur einige Dutzende Helfer benötigt, sondern Hunderte, Tausende, um auf Schritthöhe mit der Ausbreitung von Ebola zu kommen. Die Helfer können nicht dauerhaft vor Ort bleiben, sie müssen regelmäßig ausgewechselt werden. Neben dem Personal fehlen aber auch Krankenstationen. Das sind keine übertrieben hohen Kosten. Hilfe ist nicht in erster Linie eine Frage des Geldes, sondern des Willens. Das ist kein politischer Konflikt, sondern eine humanitäre Katastrophe. Da kann sich Deutschland ohne diplomatische Vorbehalte gut engagieren.

US-Präsident Obama fordert eine "starke und koordinierte internationale Antwort". Die Welt könne und müsse Ebola stoppen." Kann sie? Und: Wird sie?

Das kann sie. Ob sie das auch wird, hängt davon ab, ob die ganzen Ankündigungen, die jetzt kommen - auch von der US-Regierung - auch wirklich in die Tat umgesetzt werden. Die Wahrheit wird dann in den betroffenen Ländern zu sehen sein. So lange das nicht der Fall ist, wird das Sterben weitergehen. Wir sind aber sehr deprimiert, dass das alles so lange gedauert hat und fast 3000 Menschen ihr Leben gelassen haben.

Mit Tankred Stöbe sprach Johannes Graf

 

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema