Politik

Libanesischer Blogger im Interview "Wir sind zu völliger Ignoranz übergegangen"

Der libanesische Blogger Ralph Aoun schafft etwas, was den Politikern des Landes schon lange nicht mehr gelingt: Er weckt bei seinen Landsleuten Interesse für Politik. Humor sei der Schlüssel für einen dringend notwendigen gesellschaftlichen Wandel, so der 30-Jährige, dessen "Blog of the Boss" einer der meistgelesenen im Land ist. Sein Traum: ein "glücklicherer" Libanon.

n-tv.de: Sie gehen Ihre Mitmenschen manchmal ganz schön hart an: Sie machen sich lustig über alles, was den Libanesen lieb und teuer ist, seien es ihre Handys, Shopping, Fitness oder der Weihnachtsmann ...

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Ralph Aoun hat vor einem Jahr begonnen zu bloggen. Der "Blog of the Boss" hat offenbar einen Nerv bei den Libanesen getroffen.

Ralph Aoun: Es gibt in allen Ländern Probleme und Komiker, die ihre Finger in die Wunden legen. Aber in unserem Land ist alles viel schlimmer. Es ist so schlimm, dass niemand mehr Nachrichten hören will. Sitzen Leute beisammen und einer kommt auf die Idee, den Fernseher einzuschalten, kriegt er was zu hören. Seine Freunde werden sagen: "Mach das aus! Wir wollen es gar nicht wissen!" Die Menschen sind zu völliger Ignoranz, ja Verleugnung übergegangen. Wenn man sie noch für Themen interessieren will, muss man sie lustig verpacken. Denn lustige Dinge sind das einzige, was die Leute lesen wollen.

Sie haben kurz vor Weihnachten einen Brief verfasst, vorgeblich vom Weihnachtsmann an das libanesische Volk. Der Weihnachtsmann verkündet darin, dass er es leid ist, Wunschzettel nur noch via Whatsapp zu erhalten und dass die Libanesen sich nur noch völlig bescheuerte Dinge wünschen wie einen Like für ihr Babyfoto bei Facebook. Am Ende schreibt er: "Ihr seid gut ohne Präsident klargekommen, also könnt ihr auch ohne Weihnachtsmann klarkommen." Wie kam das an?

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Um den ganzen Brief zu lesen, bitte auf das Bild klicken.

Der Blogeintrag war einer der meistgeteilten in der letzten Zeit. Sogar der britische Botschafter im Libanon meldete sich über Twitter zu Wort und teilte mit, dass auch die Briten gegen ein Weihnachtsmann-Vakuum seien. Ich denke, das lag daran, dass der Brief sehr viel offengelegt hat. Auf den ersten Blick war er nur lustig, aber zwischen den Zeilen ist es traurig. Den Menschen wird klar: ja, wir müssen hier etwas ändern.

Wie schafft man es, in einem Land mit so vielen Empfindlichkeiten den richtigen Ton zu treffen?

Nun, ich bin ja nicht der einzige, der auf Sarkasmus setzt. Und ich mache ja niemanden lächerlich, denn ich habe größtes Verständnis dafür, dass die Libanesen so sind, wie sie sind. Wir hatten 15 Jahre Bürgerkrieg und leiden seit Jahren unter Korruption und politischem Stillstand. Da kann ein Volk nur neurotisch werden. Da wird jedes Ampelduell zur wichtigsten Sache der Welt und ein touchierter Seitenspiegel kann zu Schlägereien mitten auf der Straße führen. Und wann immer etwas Schlechtes in unserem Land vor sich geht, ist es der natürliche Reflex der Libanesen, Witze darüber zu reißen. Es ist so ein bisschen eine Krankheit geworden, wir können nicht mehr anders. Sarkasmus hat Wut und Aktion abgelöst – kaum jemand würde heute noch demonstrieren gehen, wenn ihm etwas nicht gefällt.

Wie würden Sie einem Ausländer erklären, was die Libanesen ausmacht?

Wir sind einzigartig und anders als alle anderen. Kein Vergleich mit anderen arabischen Ländern, kein Vergleich mit Europäern oder anderen. Es klingt nach Klischee, aber so ist es: Die Leute hier wollen einfach leben und Spaß haben. Alle unsere negativen Seiten kreide ich den Umständen an, diesem ganzen politischen Druck, den Kriegen und der Korruption. Würde man den Libanon verpflanzen, wäre es ein wunderbares und inspirierendes Land.

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Bei der weltweiten Coca-Cola-Kampagne werden Vornamen auf die roten Dosen gedruckt. Im Libanon kommt das sehr gut an. Könnte man gar mit dem Strohhalm über einen neuen Präsidenten abstimmen?

(Foto: Nora Schareika)

Interessiert es denn da draußen jemanden, wenn eine bestimmte Schicht im Libanon sich nur noch im Internet über die Probleme des Landes auskotzt?

Es hat schon einmal funktioniert. Kurz vor den Olympischen Winterspielen hatte unsere Skirennfahrerin Jackie Chamoun Probleme mit der Regierung, weil drei Jahre alte Nacktfotos von ihr ausgegraben worden waren. Es hieß, sie würde den Ruf des Landes beschädigen, ihr Start in Sotschi stand deswegen sogar auf dem Spiel. Die sozialen Medien im Libanon sind heißgelaufen, es gab eine große Solidaritätskampagne für sie. Am Ende hat der Sportminister die Vorwürfe gegen sie fallenlassen.

Ein großes Problem der jungen Leute ist das langsame Internet im Libanon, das auch gerne mal komplett ausfällt. Warum kriegt es niemand hin, dass solche Dinge mal richtig funktionieren?

Ich habe bis vor einigen Monaten mit dem ehemaligen Telekommunikationsminister, Nicolas Sehnaoui, zusammengearbeitet. Man kann sagen, dass er der einzige Politiker im Libanon ist, den die junge Generation einigermaßen respektiert. Was ich beobachtet habe, ist folgendes: Es geht alles, wenn die richtigen Leute in der richtigen Position sind. Innerhalb kürzester Zeit gab es Highspeed-Internet für Smartphones.

Sie wünschen sich also mehr Politiker vom Kaliber dieses Sehnaoui?

Das würde noch nicht reichen. Das politische System hier kann sich nicht mehr selbst reparieren. Zu viele Menschen haben schon die Hoffnung verloren, dass sich jemals etwas ändert. Wir brauchen einen Wandel von innen. Das Volk muss wieder Mut finden und die politische Kaste muss endlich erkennen, dass sie ihren Stil komplett ändern muss.

Sie haben auf Ihrem Blog auch vorgeschlagen, die aktuelle Coca-Cola-Kampagne für eine Präsidentenwahl zu nutzen. Die Namen von Kandidaten könnten auf die Dosen gedruckt werden und der meistgekaufte Kandidat würde gewinnen. Ist das Demokratie à la Libanon?

Ich wollte damit zweierlei zeigen: Das libanesische Volk darf seinen eigenen Präsidenten nicht wählen, dabei könnte es so einfach sein. Das Parlament wählt ihn und bekommt Druck aus dem Ausland. Der Vorschlag ist natürlich nur ein Gag, aber ganz im Ernst: Ich glaube, es könnte bei uns so funktionieren.

Wie sieht der Libanon Ihrer Träume aus?

Auf jeden Fall wäre es ein glücklicheres Land. Es hat einmal einer bei Facebook oder so geschrieben, man solle den Libanon doch einfach ins Mittelmeer stoßen, damit er eine Insel wird. Mir gefällt der Gedanke. Gerade wir Christen hier haben eine verdammte Angst vor dem, was aus Syrien zu uns herüberwehen könnte. Der Islamische Staat ist eine Bedrohung, bei der es mehr denn je um Leben oder Tod für uns geht. Wir haben uns immer als Teil des Nahen Ostens gefühlt. Doch dieses Gefühl lässt nach.

Mit Ralph Aoun sprach Nora Schareika

Quelle: n-tv.de

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