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n-tv.de Interview Woran erkennt man eine gute Schule?

Mehr als 20 Prozent der Schüler in Deutschland haben Probleme beim richtigen Verständnis von Texten. Das ist das Ergebnis der Pisa-Studie. Unter den 32 Industriestaaten, in denen die Studie durchgeführt wurde, liegt Deutschland auf Platz 25. Wir sprachen mit Cornelia Stern, Projektleiterin "Internationales Netzwerk Innovativer Schulsysteme" bei der Bertelsmann-Stiftung, über die Qualität der Schulen in Deutschland.

Hat Sie das sehr schlechte Abschneiden der deutschen Schüler in der Pisa-Studie überrascht?

Nein, das hat mich nicht überrascht. Schon bei der Timss-Studie, bei der mathematische und naturwissenschaftliche Leistungen getestet wurden, ist deutlich geworden, dass in dem Testverfahren Inhalte abgefragt wurden, die für deutsche Schulen und die deutsche Bildungstradition zum Teil recht neu sind. Dazu gehört vor allem der Bereich des problemlösenden Lernens. Die Länder haben nun einmal unterschiedliche Lernstrategien.

Was sagt das Pisa-Ergebnis dann über die deutschen Schulen aus?

Ich persönlich würde die Pisa-Studie zumindest in einer Hinsicht relativieren: Die Reformbewegung, die es in Deutschland gibt, ist in dieser Studie überhaupt nicht enthalten. In Deutschland gibt es aber sehr viele innovative Schulen, die versuchen, neue Lernstrategien im Unterricht einzusetzen. Das lässt sich aber nicht von heute auf morgen auf andere Schulen übertragen. Dafür müssen sich Lehrer sehr intensiv qualifizieren, dafür muss Unterricht inhaltlich verändert werden.

Laut Pisa-Studie schaffen es die deutschen Schulen kaum, herkunftsbedingte Benachteiligungen auszugleichen. Aber selbst die besten deutschen Schüler sind im internationalen Vergleich nur Durchschnitt. Woran liegt das?

Wir stellen immer wieder fest, dass Lehrer in anderen Ländern sehr viel stärker schüler-individuelle Lernstrategien zum Zuge kommen lassen. Sie unterrichten also nicht im Gleichmaß, sondern nehmen sehr viel Rücksicht auf unterschiedliche Lerntypen und Lerngeschwindigkeiten. Diese Differenzierung innerhalb des Klassenzimmers ist in anderen Ländern notwendige pädagogische Strategie, weil man dort die äußere Differenzierung nicht hat.

Ein Plädoyer für die Gesamtschule?

Nein, ein Plädoyer dafür, dass Unterrichten sehr viel stärker von den einzelnen Lernbedürfnissen und Lernstrategien der Schüler ausgehen sollte. Die Frage: "Wie lernt der Mensch?", ist etwas, das bei der Lehrerausbildung und -fortbildung in Deutschland viel zu kurz kommt. In anderen Ländern steht genau dies im Mittelpunkt der Aus- und Fortbildung.

Bei der Suche nach den Ursachen würden Sie den Schwerpunkt auf die Lehrerausbildung legen?

Ja, auf die Aus- und Fortbildung, denn man kann ja nicht auf Vorrat lernen. Wichtig wäre auch, dass Lehrer verstärkt im Team arbeiten. Problemlösendes Lehren kann ein Einzellehrer an seiner Schule nicht umsetzen. Das ist ein Konzept, das bereits in den untersten Klassen aufgebaut und dann weiter verfolgt werden muss. Die Absprachen, die dafür notwendig sind, setzen voraus, dass Lehrer Gelegenheit haben, in Teams zu arbeiten und Unterricht gemeinsam vorzubereiten. Dafür haben wir in Deutschland häufig nicht die notwendigen Strukturen.

In den Ländern, die bei der Pisa-Studie am besten abschneiden, findet Schule ganztägig statt.

Ganztagsschulen sind ein sehr starkes Argument. Wenn Sie einen ganzen Tag zur Verfügung haben, um Inhalte und Methoden an den Schüler und an die Schülerin zu bringen, dann ist das eine ganz andere Ausgangsbasis, als wenn Sie nur zwischen acht und 13 Uhr versuchen, ihren Lehrauftrag geregelt zu bekommen.

Die bildungspolitischen Diskussionen in Deutschland sind meist ziemlich ideologisch überfrachtet. Ist das in anderen Ländern eigentlich auch so?

Nach meinem Eindruck ist Deutschland da ein Ausnahmefall.

Was raten Sie Eltern, die nicht warten können, bis die deutschen Schulen reformiert sind?

Eine echte Wahl haben Eltern ja ohnehin nur beim Einstieg in die Sekundarstufe I. Es lohnt sich aber zu schauen, ob die Schulen ein Schulprogramm haben, ob sie Auskunft darüber geben können, welche Lehrmethoden eingesetzt werden, und ob sie sich überhaupt intensiv mit den Eltern auseinandersetzen, um zu überlegen, wie die Schüler am besten unterstützt werden können. Das bekommt man als Elternteil in einem Gespräch sehr schnell heraus. Natürlich kann man auch auf der Website der Bertelsmann-Stiftung nachschauen, wie sich innovative Schulen in Deutschland darstellen und worauf sie Wert legen. Denn häufig weiß man als Elternteil ja gar nicht, wie Schule heute sein könnte.

(Die Fragen stellte Hubertus Volmer.)

Quelle: ntv.de