Politik
Samstag, 07. August 2010

Mutmaßlicher SS-Lageraufseher: Zeuge vor Anklage

Nach Demjanjuk und Kunz soll ein weiterer mutmaßlicher NS-Kriegsverbrecher zur Rechenschaft gezogen werden. Der in Bayern lebende Karl N. soll an der Erschießung von jüdischen Häftlingen beteiligt gewesen sein.

John Demjanjuk muss sich seit November 2009 für seine Taten verantworten.
John Demjanjuk muss sich seit November 2009 für seine Taten verantworten.(Foto: picture alliance / dpa)

Mehr als 65 Jahre nach Kriegsende nimmt die deutsche Justiz weitere mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher ins Visier. Nach Ex-Wachmann erkennt Demjanjuk und Gericht will Kunz anklagen könnte demnächst mit dem in Bayern lebenden Alex N. ein weiterer mutmaßlicher SS-Lageraufseher angeklagt werden, wie der "Spiegel" berichtet. Zudem wurde die Bundesregierung im Fall des bereits in den Niederlanden verurteilten Klaas Carel Faber aktiv.

Der seit Kriegsende in Landshut lebende N. soll laut "Spiegel" an der Erschießung von jüdischen Häftlingen im Zwangsarbeiterlager Treblinka I im von Deutschland besetzten Polen beteiligt gewesen sein. Über eine Anklage gegen den 1917 in der Ukraine geborenen N., der 1991 eingebürgert wurde, entscheidet offenbar demnächst die Staatsanwaltschaft München.

N. hatte im Februar als Zeuge im Prozess gegen Demjanjuk ausgesagt, der sich bereits seit November 2009 vor dem Münchner Landgericht wegen Beihilfe zum Mord in 27.900 Fällen verantworten muss - Demjanjuk soll 1943 im NS-Vernichtungslager Sobibor KZ-Wächter gewesen sein. Gegen den bei Bonn lebenden Kunz hatte die für NS-Verbrechen zuständige Staatsanwaltschaft Dortmund erst vor wenigen Tagen Anklage unter anderem wegen Beihilfe zum Mord an 430.000 Juden im Konzentrationslager Belzec im damals von Deutschland besetzten Polen erhoben.

Regierung prüft Faber-Fall

Im Fall des seit Jahrzehnten im bayerischen Ingolstadt lebenden mutmaßlichen NS-Kriegsverbrechers Faber setzt sich die Bundesregierung für die Vollstreckung eines rund 60 Jahre alten Urteils der niederländischen Justiz ein. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) bat Bayern nach Angaben eines ihrer Sprecher darum, die "verschiedenen rechtlichen Möglichkeiten" zu prüfen, wie der 88-jährige gebürtige Niederländer zur Verantwortung gezogen werden könne. Dabei solle auch untersucht werden, "ob aus heutiger Sicht eine Übernahme der Strafvollstreckung" des niederländischen Urteils aus den 1940er Jahren in Betracht komme. Eine Antwort aus dem bayerischen Justizministerium lag demnach noch nicht vor.

Faber wird auf der Liste der meistgesuchten NS-Verbrecher des Simon-Wiesenthal-Zentrums geführt. Er gehörte wie der im März vom Aachener Landgericht zu lebenslanger Haft verurteilte Ex-SS-Mann Heinrich Boere im Zweiten Weltkrieg dem SS-Sonderkommando "Silbertanne" an. Die niederländische Justiz verurteilte ihn wegen der Ermordung von 22 Zivilisten zum Tode, das Urteil wurde aber in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt. Opfer der von einem SS-Sonderkommando verübten "Silbertannen-Morde" wurden Niederländer, die von den Nazis als antideutsch gesonnen angesehen wurden.

1952 brach Faber aus einem niederländischen Gefängnis aus und floh nach Deutschland. Die Niederlande bemühten sich mehrfach um eine Auslieferung. Da Faber als Mitglied der SS die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt, lehnte Deutschland dies allerdings immer wieder ab. Nach Angaben israelischer Medien war der israelischen Regierung am Mittwoch eine von 150 Anwälten unterzeichnete Petition übergeben worden, in der diese aufgefordert wird, die Bundesregierung zu juristischen Schritten gegen Faber zu drängen.

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Quelle: n-tv.de

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