Politik
Samstag, 30. April 2005

Spekulative Demographie: 120 oder 800 Millionen Juden

von Ulrich W. Sahm

Wenn es nicht die Vertreibungen, Verfolgungen und Massenmorde gegeben hätte, dann könnte es heute in der Welt zwischen 500 und 800 Millionen Juden geben. Aber solche Behauptungen seien so sinnvoll wie schnelles Rechnen auf der Rückseite eines gebrauchten Briefumschlags, meint Professor Sergio Della-Pergola, eine Autorität in Sachen jüdische Demographie.

Genau so gut könnte man spekulieren, dass heute in der Welt etwa 120 Millionen Juden leben müssten, wenn die Menschheitsgeschichte einen etwas anderen Verlauf genommen hätte, sagte er der Zeitung "Haaretz". "Aber die Juden sollten sich nicht benachteiligt fühlen, denn viele ebenso nette Völkchen wie die Juden sind von der Erdoberfläche spurlos verschwunden."

Della-Pergola kommentierte eine neue Broschüre der "Jewish Agency", die in jüdischen Schulen in aller Welt verteilt werden soll, in der die demographische Entwicklung des jüdischen Volkes seit 3.000 Jahren nachgezeichnet wird.

Auf dem Höhepunkt des Königreiches Salomos, etwa 1000 vor Christi Geburt, lebten im Lande Israel etwa zwei Millionen Juden. In der Zeit Jesu, unmittelbar vor der Zerstörung Jerusalems durch die Römer, erreichte die Zahl der jüdischen Bewohner die Rekordzahl 4,5 Millionen.

Es dauerte fast 2.000 Jahre, bis es im Lande Israel wieder so viele Einwohner gab, Ende des 19. Jahrhundert.

Während des Mittelalters, vom 6. Jahrhundert bis 17. Jahrhundert, sei die Zahl der Juden weltweit relativ konstant geblieben: bei etwa einer Million. 1939, vor Beginn des Holocaust, gab es eine Rekordzahl: 16,6 Millionen Juden weltweit. 1945 waren nur noch etwa 10 Millionen verblieben. Seit dem Zweiten Weltkrieg stieg die Zahl der Juden wieder und bleibt seit Jahrzehnten konstant bei etwa 13 Millionen weltweit. Die demographische Vermehrung der Juden in Israel gleiche den Rückgang der im Rest der Welt lebenden Juden aus.

Della-Pergola sagt, dass die Zahlen für das Altertum unzuverlässige Schätzungen aufgrund schriftlicher Quellen seien. Die Bibel und römische Autoren, deren Zuverlässigkeit angezweifelt werden müssten, dienten ihm als Grundlage. So habe es vielleicht 600.000 Juden vor König Solomon, in der Zeit des Auszugs aus Ägypten gegeben. Das berichtet die Bibel. Aber manche Wissenschaftler zweifeln, ob es überhaupt jenen Exodus unter Moses gab.

Obgleich manche biblische Geschichten ins Reich der Mythen gehören, so Della-Pergola, weise die Bibel insgesamt eine "innere statistische Logik" auf. Della-Pergola erwähnt als Beispiel die Geschichte des Jakob, der zusammen mit 70 Männern nach Ägypten zog. 430 Jahre später seien nach Angaben der Bibel 600.000 Männer aus Ägypten ausgezogen. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 40 Jahren und sechs Kindern pro Ehepaar sei die Zahl in sich logisch.

Aus der Zeit Jesu gebe es eine Fülle von Informationen, etwa durch den Historiker Josephus Flavius und dank der römischen Volkszählungen. Im Mittelalter habe die Verbreitung von Juden der Ausbreitung des Islam entsprochen, vom heutigen Irak und bis zur Iberischen Halbinsel. Erst ab dem 12. Jahrhundert hätten sich Juden über Frankreich bis nach Deutschland ausgebreitet. Zwischen dem 16. und dem 20. Jahrhundert sei Osteuropa das größte jüdische Ballungsgebiet gewesen. Die Juden seien von Deutschland ("Aschkenas") und über den Balkan nach Osteuropa gelangt und hätten sich "mit erstaunlicher Geschwindigkeit natürlich vermehrt".

Nach dem Zweiten Weltkrieg sei Israel zunehmend das demographische Zentrum der Juden in der Welt geworden. Neuere Untersuchungen ergaben, dass es in den USA mit 5,2 Millionen eine halbe Million weniger Juden gebe, als ursprünglich erwartet. Als Grund für den Rückgang des jüdischen Bevölkerungsanteils in den USA gibt Della-Pergola "geringe Fruchtbarkeit und fast 50 Prozent Mischehen" an.

Andererseits könnte man aber auch von 9 Millionen Juden in den USA reden, wenn man alle Personen mitrechnet, die in Haushalten mit mindestens einem Juden leben. Diese Zahl sei "minimalistisch", wenn man versuche, die Zahl der zur Einwanderung nach Israel berechtigten Amerikaner zu ermitteln. Gemäß dem "Rückkehrgesetz" können auch nichtjüdische Ehepartner und deren Kinder nach Israel einwandern.

So war das bei der Million russischer Juden, die seit 1991 nach Israel gekommen waren. Fast ein Drittel waren Nicht-Juden. Doch auch die wollen sich letztlich in Israel gesellschaftlich integrieren. Tausende konvertieren deshalb mit Schnellkursen vor allem während des Militärdienstes zum Judentum.

Quelle: n-tv.de