Dossier

Entwicklungshilfe in der Kritik Afrika hilft sich selbst

Unermüdlich tourt Bono um die Welt. Seine Bühne ist Afrika: Der U2-Frontmann fordert, dass die Reichen und Mächtigen ihr Versprechen halten und die Entwicklungshilfe verdoppeln. Über den irischen Rockstar mit der rosa Brille kann James Shikwati nur den Kopf schütteln. "Wir müssen die Entwicklungshilfe sofort und komplett stoppen", fordert der kenianische Ökonom. "Wir können uns selbst helfen." 2001 hat der 37-Jährige deshalb in Kenias Hauptstadt Nairobi die Denkfabrik "Inter Region Economic Network" (IREN) gegründet. Entwicklungshilfe, so lautet seine Argumentation, hat Afrika ärmer und korrupter gemacht und Bürokratie und Abhängigkeit gefördert.

Auch wenn nicht jeder so radikale Forderungen stellt: Die Stimmen mehren sich, die Entwicklungshilfe einen Bärendienst für Afrika nennen. Mehr als 100 Milliarden Dollar flossen nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) allein im Jahr 2006 aus den reichen in die armen Länder - davon ein gutes Zehntel aus der deutschen Staatskasse. In den vergangenen vier Jahrzehnten hat Afrika insgesamt mehr als 500 Milliarden Dollar erhalten - etwa das Doppelte eines Bundeshaushalts. Doch der Erfolg lässt angesichts von Krieg, Krankheit und Hunger auf sich warten. Jeder dritte Afrikaner lebt Schätzungen zufolge unterhalb der Armutsgrenze.

Hilfe nicht ohne Hintergedanken

"Daran sind wir in erster Linie selbst schuld", meint Shikwati. Aber die gewaltigen Finanzströme hätten Fehler wie Verstaatlichungen oder Machtmissbrauch noch verstärkt. Den Geldgebern gehe es auch nicht um Mildtätigkeit. "Sie zahlen aus strategischen Gründen, das war schon im Kalten Krieg so", sagt er. "Heute geht es nicht mehr um Ideologie, sondern um den Zugang zu Märkten und Rohstoffen und um Vorherrschaft." Den Nichtregierungsorganisationen (NGO) wirft Shikwati Eigennutz vor. "Das ist ein richtiges Geschäft", sagt er. "Sie sammeln für sich selbst Gelder ein, wir aber treten auf der Stelle." Statt zu helfen, schrecken die Hilfsorganisationen Touristen und Investoren mit ab, indem sie ein negatives Bild Afrikas vermitteln, so Shikwati.

Besonders im Visier der Kritiker ist die Nahrungsmittelhilfe. "Damit zerstörst du die Menschen, denen du helfen willst", sagt George Odo von der Hilfsorganisation CARE International, die jüngst Aufsehen erregte, als sie eine Nahrungsmittellieferung aus den USA zurückwies. "Oft wird genau das Korn oder Pflanzenöl, das man ins Land bringt, dort selbst angebaut. Und wir entmutigen die Farmer, weil sie mit den subventionierten Produkten nicht mithalten können." Nur bei Hungersnöten sei Nahrungsmittelhilfe richtig. "Sie sollte nicht der US-Regierung helfen, ihre subventionierten Produkte in Dritte-Welt-Länder zu bringen."

Nicht nur der amerikanische, auch der europäische Steuerzahler greift für Subventionen seiner Landwirte tief in die Tasche. Der Agrarhaushalt ist der größte der EU-Fördertöpfe: 54 Milliarden Euro waren 2006 für die Landwirtschaft insgesamt eingestellt, mehr als 100 Euro pro Bürger und Jahr. Was zu viel produziert wird, wird exportiert - zum Beispiel nach Afrika, wo die Kleinbauern mit der hochgerüsteten Konkurrenz samt entsprechend niedrigeren Preisen kaum mithalten können. "Subventionen sind nie gut", sagt Odo. "Afrikanische Regierungen können ihre Bauern schließlich nicht unterstützen." Ein Teufelskreis, und der europäische Steuerzahler muss neben der Agrar- auch für Entwicklungshilfe zahlen - wieder etwa 100 Euro pro Bürger.

In Brüssel will man derlei Argumentationen nicht gelten lassen. "Wir teilen die Kritik von Shikwati nicht", betont ein Sprecher der EU-Kommission. Gut gehandhabte Entwicklungshilfe nutze den Empfängern sehr, aber auch der sogenannten guten Regierungsführung - sprich, der Vermeidung von Korruption. Bei der Nahrungsmittelhilfe halte sich die EU-Kommission an strenge Auflagen, etwa, dass die Nahrung - wenn möglich - am Ort oder so nah wie möglich gekauft werden müsse. Auch George Odo glaubt: "Entwicklungshilfe kann noch nicht ganz gestoppt werden, aber das muss das Ziel sein."

Von Dorothe Junkers, dpa

Quelle: ntv.de