Politik
Montag, 23. Oktober 2006

Vor 50 Jahren: "Befreiung" des Suezkanals

Vor 50 Jahren führte Israel den einzigen Krieg, in dem es im Bündnis mit anderen Armeen gegen ein arabisches Land kämpfte: Mit heimlicher Unterstützung Frankreichs und Großbritanniens begann die israelische Armee am 29. Oktober 1956 den Angriff auf die ägyptische Sinai-Halbinsel.

Casus belli war die Verstaatlichung des strategisch wichtigen Suezkanals durch den ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser. Er erregte damit den Unmut der ehemaligen Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien, die diesen bedeutungsvollen Schifffahrtsweg zuvor kontrolliert hatten. In geheimen Verhandlungen mit Israel wurde vereinbart, den gut 160 Kilometer langen Kanal - ein 1869 eröffneter künstlicher Wasserweg vom Mittelmeer zum Roten Meer - zu "befreien". Er ist einer der wichtigsten Seewege der Welt, weil er die Reiseroute von Europa nach Asien und Ostafrika erheblich verkürzt.

Für Israel war der Krieg die größte Militäroperation seit der Staatsgründung 1948. Er begann mit der Landung israelischer Fallschirmjäger auf dem strategisch wichtigen Mitle-Pass in der Nähe des Suezkanals. Die französischen und britischen Truppen traten unter dem Vorwand, die Ordnung wiederherzustellen, in den Krieg ein. Die geheime Vereinbarung wurde erst später bekannt. Innerhalb von einer Woche eroberte die israelische Armee unter dem Befehl des legendären Mosche Dajan mit der schwarzen Augenklappe den Gazastreifen, die Sinai-Halbinsel bis gut 15 Kilometer östlich des Suez-Kanals sowie die Inseln Tiran und Sinafir an der Südspitze der Halbinsel.

Die Straße von Tiran verbindet den Golf von Akaba mit dem Roten Meer und bietet für Israel den Zugang zum Indischen Ozean. Von dort aus hatte Ägypten Schiffe auf dem Weg nach Israel angehalten und damit eine Blockade über die Küstenstadt Eilat verhängt. Für Israel war so ein Handel mit Asien und Afrika über den Seeweg nicht mehr möglich - auch der Suezkanal war für den jüdischen Staat gesperrt.

Ein weiterer Kriegsgrund waren aus israelischer Sicht häufige Angriffe palästinensischer Fedajin-Kämpfer aus dem damals von Ägypten besetzten Gazastreifen. Schon vor Beginn des Suez-Feldzugs hatte Israel - damals regiert von dem ersten Ministerpräsidenten David Ben Gurion - darauf mehrmals mit Gegenangriffen auf ägyptisches Gebiet reagiert. Im Oktober 1956 schlossen Ägypten, Syrien und Jordanien zudem ein Dreierbündnis, durch das Israel sich existenziell bedroht fühlte.

Israel, Frankreich und Großbritannien siegten. Nach scharfen arabischen Protesten musste Israel im März 1957 die Sinai-Halbinsel jedoch unter Druck der USA und der Sowjetunion wieder räumen. Die Vereinten Nationen entsandten eine Friedenstruppe in die Region, um neue Kämpfe zu verhindern.

Im Gegenzug für den Rückzug erhielt Israel internationale Garantien, dass die Straße von Tiran für den israelischen Seehandel geöffnet bleiben werde. Die Öffnung des Suezkanals für israelische Schiffe lehnte Ägypten jedoch weiter ab. Auf israelischer Seite wurden während des Sinai-Feldzugs, der in Israel "Kadesch-Operation" heißt, mehr als 170 Soldaten getötet, die ägyptischen Verluste waren fast zehn Mal so hoch. Bis zum nächsten Nahostkrieg sollten nur zehn Jahre vergehen: Im Sechstagekrieg 1967 eroberte Israel erneut die Sinai-Halbinsel. Dabei drangen die Truppen bis an den Suezkanal vor.

(Sara Lemel, dpa)

Quelle: n-tv.de