Dossier

Tränen vor dem Fernseher "Belgien existiert nicht mehr"

Um 20.21 Uhr unterbricht der öffentliche belgische Fernsehsender RTBF sein Programm. Mit ernster Miene erscheint der bekannte Nachrichtensprecher Franois de Brigode auf dem Bildschirm: "Guten Abend zusammen. Dies ist eine schwere Stunde. Entschuldigen Sie diese Unterbrechung", sagt de Brigode und kündigt ein "außerordentliches Ereignis" an: "Flandern wird einseitig seine Unabhängigkeit erklären. Das bedeutet: Belgien als solches hört auf zu existieren." Die Nachricht ist falsch, aber sie schlägt Wellen.

Menschen weinen vor dem Fernseher. "Meine Eltern sind völlig durcheinander", erzählt einer von tausenden Anrufern beim eigens eingerichteten RTBF-Sondertelefon. Dutzende Belgier ziehen mit schwarz-gelb-roten Landesflaggen vor das Brüsseler Königsschloss, um für die Einheit des Landes zu demonstrieren. Sie hören das Gerücht, Albert II. sei in Belgiens ehemalige Kolonie Kongo geflüchtet. "Der König ist weg!", verkündet eine Wirtin ihren Gästen.

Vom Hubschrauber aus zeigt die RTBF Bilder von der Sprachgrenze, die nun Staatsgrenze zwischen dem niederländischsprachigen Flandern und der frankophonen Wallonie werde: Wer Freunde im anderen Landesteil anrufen wolle, müsse künftig für ein Auslandsgespräch zahlen. Die Straßenbahn von Brüssel nach Tervuren wird angehalten: Jenseits der Sprachgrenze gehe es mit einem flämischen Bus weiter. Viele Zuschauer glauben es. Sie haben den Hinweis übersehen, der zu Beginn kurz eingeblendet wurde: "Dies ist eine Fiktion."

Was de Brigode am Mittwochabend verkündete, hielten viele Zuschauer für durchaus möglich: Schon lange betreiben nationalistische Flamen eine Teilung des Landes. "Leider war es nur eine fiktive Sendung", klagt der Chef der flämischen Nationalisten-Partei NV-A, Bart De Wever, am Donnerstag.

Der fremdenfeindliche Vlaams Belang hatte sogar an der heimlichen Vorbereitung des Films mitgewirkt. Die fiktive Sendung habe "die Wallonen mit der Realität konfrontiert", jubelt ihr Fraktionschef im Flamen-Parlament, Filip Dewinter. Ärger äußert indes der Chef der frankophonen Sozialisten, Elio Di Rupo: "Zu einem Zeitpunkt, wo unser Land von separatistischen Bestrebungen erschüttert wird, ist es unverantwortlich und nicht staatstragend, glauben zu machen, dass die Flamen für ihre Unabhängigkeit gestimmt haben."

Die Debatte hat mit der gut getarnten Sondersendung, die an Orson Welles' berühmt-berüchtigte Radiosendung von 1938 in den USA über eine angebliche Invasion vom Mars erinnerte, neue Nahrung erhalten. Und das war auch beabsichtigt, wie RTBF-Fernsehdirektor Alain Gerlache bekräftigt. Der Sender habe zeigen wollen, "dass politische Debatten keine Luftschlösser sind, dass sie konkrete und praktische Folgen für die Bevölkerung haben können".

Den Fernsehchef schert wenig, dass seine Journalisten mit den Reportagen von der Sprachgrenze auf einem schmalen Grat wandelten: Die Sendung sei "spektakulär", weil "nicht allein die Zuschauer des öffentlichen Senders, sondern auch Politiker, ausländische Journalisten, Botschafter und internationale Organisationen" an den Beschluss zur Spaltung Belgiens geglaubt hätten. Der Aufruhr ist voll entbrannt, als die Sendung um 20.50 Uhr mit dem Hinweis endet: "Dies ist eine Fiktion."

(Roland Siegloff, dpa)

Quelle: n-tv.de