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Profilsuche in Peking Brüderle ringt um eigenen Stil

Brüderle schlägt sich auf seiner ersten Auslandsreise in China gut. Top-Leute der Daxkonzerne sowie deutsche Diplomaten loben den oft kritisierten Wirtschaftsminister.

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Rainer Brüderle (l) ist mit einem ganzen Stab nach China gereist.

(Foto: picture alliance / dpa)

Auf seiner ersten großen Auslandsreise wird Rainer Brüderle richtig gefordert. Der Wirtschaftsminister trifft bei seinem 30-Stunden-Trip in Peking auf beinharte Parteifunktionäre und anspruchsvolle Manager. Dann muss er noch den plötzlichen Tod des liberalen Vordenkers Graf Lambsdorff verdauen.

Brüderle ist gerade beim Handelsminister, als der Anruf auf dem Handy kommt. Parteichef Guido Westerwelle informiert seinen Vize im fernen Peking, dass Otto Graf Lambsdorff tot ist. Brüderle fährt schnell ins Hotel. Die Kameras warten. Der "Marktgraf" und er waren zwar keine Duz-Freunde. Doch wie alle in der FDP ist Brüderle betroffen, dass der große Verfechter der sozialen Marktwirtschaft nicht mehr lebt.

China sendet positives Signal

Auch Brüderle hat den Anspruch, in der neuen schwarz-gelben Regierung für freie Märkte und Wettbewerb zu kämpfen. Sein klares Nein zu Opel-Staatshilfen hat ihm Respekt verschafft. In der Wirtschaft wird der 64-Jährige sowieso geschätzt. Seine über Jahrzehnte aufgebauten Kontakte zahlen sich jetzt aus.

Obwohl die Reise sehr kurzfristig angesetzt wurde, hat Brüderle mehrere Top-Leute von DAX-Konzernen mit dabei. Auch die deutschen Diplomaten sind zufrieden: "Drei Minister und der Vize-Premier als Gesprächspartner. Das ist ein gutes Signal der chinesischen Führung."

Brüderle könnte für Überraschungen sorgen

BASF-Chef Jürgen Hambrecht, der Brüderle als Asien-Experte zur Seite steht, lobt: "Er ist kompetent und verlässlich." Hambrecht ist sauer, dass der Pfälzer, kaum im Amt, bei Opposition ("Problembär") und Medien so einen schweren Stand hat. "Er weiß, wovon er spricht. Der Brüderle wird noch alle überraschen", glaubt der Chef des Chemieriesen aus Ludwigshafen. Er kennt Brüderle schon aus den Zeiten als Mainzer Landesminister.

Für Überraschungen ist der Ökonom Brüderle tatsächlich immer gut. Profunden Analysen zur Weltwirtschaft, zum Protektionismus oder zur Autoindustrie folgen in Peking oft langatmige Monologe. Bei einem Wirtschaftsforum haben lokale Manager deutscher Versicherer ganz konkrete Fragen auf dem Herzen. Sie leiden unter dem kommunistischen Apparat, wollen hören, wie Brüderle ihre Interessen vertritt.

Als abschweifend bekannt

Der Minister schweift schnell ab, landet bei der Wiedervereinigung, referiert über die Probleme in der Schweiz und der EU. Fragesteller lässt er mit Sätzen wie "Das hier ist kein Betriebsausflug", "Ich kenne die Sicht nicht nur vor, sondern auch hinter der Theke" oder "Deutschland bräuchte 2,2 Kinder pro Frau, um - erotikfrei zu sagen - den Bestand zu halten" eher ratlos zurück.

Oft scheint der Staats- mit dem Lebemann in ihm zu ringen. Fragen nach dem Weinbau in China und den besten Rebsorten könnte der Liberale einfach ignorieren, weil sie auf sein Mainzer Image als Freund der Weinköniginnen und Winzer abzielen. Doch Brüderle lässt das nicht aus. Auf einen Vergleich mit seinen beiden CSU-Vorgängern Michael Glos und Superstar Karl-Theodor zu Guttenberg will er sich nicht einlassen. Er sagt nur über sich: "Jeder hat seinen eigenen Stil."

Quelle: ntv.de, Tim Braune, dpa