Politik
Donnerstag, 28. September 2006

Der "weiße Wunderläufer": Coe feiert Geburtstag

Er lief in seiner Karriere zwölf Weltrekorde, und eine Stunde lang war er im Besitz sämtlicher Bestmarken auf den Mittelstrecken. Lord Sebastian Coe, der als "weißer Wunderläufer" galt, blieb von 1976 bis 1984 über 1.500 m unbesiegt und war der einzige Leichtathlet, der auf dieser Strecke einen Olympiasieg wiederholte. Doch seinen größten olympischen Triumph errang der am Freitag 50 Jahre alt werdende Brite 2005 in Singapur. Dort gewann er als Bewerbungschef mit London das Rennen um die Sommerspiele 2012.

Sebastian Coe, der 1979 und 1981 zum Weltsportler gewählt wurde, war zusammen mit seinem britischen Rivalen Steve Ovett nicht nur ein Schrittmacher seiner Sportart auf der Bahn, sondern auch in der Kommerzialisierung. Mit dem Weltrekordfieber um Coe und Ovett, die nur bei internationalen Meisterschaften gegeneinander antraten, stiegen Preisgeld und Werbeeinnahmen in zuvor nicht gekannte Höhen.

Der smarte Brite, Anfang der achtziger Jahre mit der alpinen Olympiazweiten Irene Epple liiert und heute zusammen mit der früheren Weltklassereiterin Nicola McIrvine Vater von vier Kindern, war geschäftlich auch außerhalb der Arena erfolgreich. Der Wirtschaftswissenschaftler gründete eine eigene Sportartikelfirma und ist an etlichen Fitnessstudios in ganz England beteiligt.

Zwei Jahre nach seinem Karriereende war Coe 1992 in die Politik gegangen, wurde gleich als Mitglied der konservativen Partei von Margaret Thatcher ins britische Unterhaus gewählt und schon bald als zukünftiger Premierminister gehandelt. Dann verlor er 1997 wieder den Sitz im Unterhaus, blieb jedoch der Politik erhalten: Die Ernennung zum Lord durch Königin Elizabeth II. sicherte ihm im Jahr 2000 automatisch den Sitz im Oberhaus.

Sportliches Talent hatte Sebastian Coe, als Sohn eines Ingenieurs und einer Schauspielerin in London aufgewachsen, früh als Fußballer offenbart. Doch nach Crosslauf-Erfolgen entschied sich der heutige Fan des FC Chelsea 1970 für die Leichtathletik. Er machte schnell Karriere per Trainingsplan (kurze schnelle Läufe, komplexes Krafttraining) von Vater Peter Coe, der als begrenzt erfolgreicher Rad-Amateur lange wenig Ahnung vom Mittelstreckenlauf hatte.

1975 tauchte Seb Coe als Dritter der Junioren-EM über 1500 m erstmals international auf, verpasste aber verletzt Olympia 1976 in Montreal. Monate später trumpfte er als 800-m-Hallen-Europameister groß auf, steigerte sich spektakulär auf 1:44,95 Minuten. Seinem hohen Anfangstempo zollte er bei der EM 1978 in Prag noch Tribut, verlor gegen Olaf Beyer (Potsdam) und Steve Ovett.

1979 startete Coe die Serie seiner Weltrekorde. Nach 1:42,33 Minuten über 800 m, 3:32,03 über 1.500 und 3:48,95 über die Meile war er nach 2:13,40 über 1.000 m am 1. Juli 1980 kurzfristig im Besitz aller vier Bestmarken - bis ihn Ovett über die 1.609 m entthronte.

Bei Olympia 1980 in Moskau verlor Coe überraschend als 800-m-Weltrekordler gegen Ovett, besiegte diesen jedoch über 1.500 m. 1981 folgten zwei Fabelweltrekorde. Seine 1:41,73 Minuten über 800 m wurden erst 16 Jahre später in Köln von Wilson Kipketer (Dänemark/1:41,11) gebrochen, seine 2:12,18 über 1.000 m 18 Jahre danach vom Kenianer Noah Ngeti (2:11,96). Über die Meile steigerte sich Coe auf 3:47,33.

1982 unterlag der Tempoläufer, der kein großer Siegläufer war, bei der EM in Athen über 800 m sensationell dem Ingolstädter Hans-Peter Ferner. Wegen einer Drüsenkrankheit (Toxoplasmose) musste er 1983 auf die WM in Helsinki verzichten, doch 1984 in Los Angeles ließ Coe einer weiteren 800-m-Niederlage (gegen den Brasilianer Joaquim Cruz) den zweiten 1.500-m-Olympiasieg gegen Ovett folgen. 1986 in Stuttgart durfte Coe über 800 m dann endlich auch Europameister werden. Bis zum Karriereende 1990 folgte kein großer Sieg mehr.

In der Woche vor seinem 50. Geburtstag wurde Coe der Chef-Sessel im britischen Leichtathletik-Verband angeboten, doch er lehnte mit Hinweis auf seine Aufgabe für Olympia 2012 ab. Mitte des Monats war er vom Fußball-Weltverband FIFA an die Spitze der im Juni gegründeten Ethik-Kommission berufen worden.

von Gerd Holzbach, sid

Quelle: n-tv.de