Dossier

"Berlin, wir kommen!" Der Anti-Atom-Treck rollt zur Wahl

Mit Erinnerung an die größte Anti-Atom-Demonstration von 1979 startet 30 Jahre später wieder ein Anti-Atom-Treck Richtung Berlin. Denn "es wird entscheidend von uns abhängen, wie sich die Parteien nach der Bundestagswahl zur Atomenergie verhalten", heißt es im Aufruf der Anti-Atom-Gegner.

Anti-Atom-Treck.jpgAm 31. März 1979 laden Landwirte aus dem Wendland einen tonnenschweren Findling mitten in Hannover ab. Der "Stolperstein" trägt die Aufschrift "Gorleben ist überall - Treck 1979". Er ist Symbol des Widerstands gegen eine Anlage zur Wiederaufarbeitung von Brennstäben und ein Endlager für hoch radioaktiven Müll in Gorleben. Und die Bauern sind mit ihren Traktoren nicht allein: Trotz Dauerregens haben rund 100.000 Kernkraftgegner den Weg nach Hannover gefunden, um gegen die seit 1977 bestehenden Atom-Pläne des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (CDU) zu protestieren. Es wird die bisher größte Demonstration gegen Kernenergie in Deutschland.

An diesen Erfolg wollen die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Danneberg (BI) und die Bäuerliche Notgemeinschaft am 5. September mit einer Großdemonstration in Berlin anknüpfen. Die Veranstaltung kurz vor der Bundestagswahl am 27. September ist dabei keine Nostalgie: Die Kernkraftgegner fürchten, dass die Stromkonzerne nach der Wahl Laufzeitverlängerungen für alte Atomkraftwerke und den Salzstock Gorleben als Endlager durchsetzen könnten. Er wird von Kritikern als unsicher eingeschätzt. "Es wird entscheidend von uns abhängen, wie sich die Parteien nach der Bundestagswahl zur Atomenergie verhalten", heißt es im Aufruf zum Treck, der am 29. August im niedersächsischen Wendland starten soll.

Nichts mehr dem Zufall überlassen

Anti-Atom-Treck_2.jpg1979 erreichte der historische Treck mit dem Motto "Albrecht wir kommen!" Hannover pünktlich zu einem Gorleben-Hearing mit internationalen Wissenschaftlern. Albrecht hatte gehofft, die Öffentlichkeit von der Sicherheit nuklearer Anlagen überzeugen zu können. Doch es kam anders: Am 28. März hatte es in einem Reaktor bei Harrisburg im US-Staat Pennsylvania eine teilweise Kernschmelze gegeben. "Was immer unmöglich schien, war passiert", erinnert sich BI-Vorstand Wolfgang Ehmke, der schon damals in der niedersächsischen Landeshauptstadt mit dabei war. Eine Gänsehaut habe er beim Anblick der Massen bekommen, die angesichts der Unbeherrschbarkeit der Technologie plötzlich auf die Straße drängten.

"Das war damals nicht so organisiert wie heute, wo es Handys gibt", erzählt Cay Malchartzeck, der damals den Findling auf dem Anhänger seines Traktors nach Hannover transportierte. Der Raschplatz der Landeshauptstadt sei spontan als Standort für den riesigen Findling ausgewählt worden. Heute überlassen die Atomkraftgegner dagegen nichts mehr dem Zufall. Die aus BI und Notgemeinschaft bestehende Keimzelle der Bewegung arbeitet mit einem bestens vernetzten Trägerkreis zusammen. Sie setzen auf professionelle Mobilisierung, sammeln Spenden und suchen Sponsoren für Traktoren und bunte Themenwagen. Zahlreiche Sonderzüge und Busse fahren nach Berlin. Auch Radfahrer begleiten den Treck etappenweise. BI-Vorstand Ehmke ist optimistisch: "Ich bin ziemlich sicher, dass es 30.000 Demonstranten und mehr werden. Das ist mein Bauchgefühl."

Quelle: n-tv.de, Dirk Averesch, dpa

Mehr zum Thema