Dossier

Die Schiiten Der Imam hat das Wort

Die Schiiten stellen in der islamischen Welt eine Minderheit dar. Ihr Anteil von acht bis neun Prozent steht dem der Sunniten von rund 90 Prozent gegenüber. Im Irak stellen die Schiiten allerdings die Mehrheit der Muslime, er beträgt 54 Prozent. Nur im Nachbarland Iran können Schiiten mit 90 Prozent eine noch größere Mehrheit vorweisen.

Das herausragende Kennzeichen schiitischer Lehre ist der Glaube an den Imam. Er ist der oberste Führer der Gemeinde, ein von Gott auserwählter Leiter und eine Art Vertreter des Propheten. Er interpretiert die Offenbarung des Korans, vor allen Dingen dessen verborgenen Sinn, den die Gläubigen selbst nicht verstehen können. Er fungiert somit als eine Art Mittler zwischen Gott und der Gemeinde. Die Aussprüche der Imame besitzen für Schiiten dieselbe Lehrautorität wie der Koran. Die Sunniten besitzen keine solche unfehlbare Lehrinstitution.

Das Schisma des Islam

Der inner-islamische Bruch ereignete sich in der Frühgeschichte der Religion. Nachdem der Prophet Mohammed unerwartet und ohne Nachfolgeregelung 632 gestorben war, bildeten sich in der jungen muslimischen Gemeinde hierzu unterschiedliche Positionen heraus. Als "Schiiten" traten die Anhänger Alis (shi'at Ali: "Partei" des Ali), des Cousins und Schwiegersohns Mohammeds, in Erscheinung, die als Nachfolger Mohammeds einen direkten Abkömmling des Propheten forderten. Demgegenüber verlangte die sunnitische Mehrheit zwar auch einen Nachfolger aus Mohammeds Stamm, doch gleichzeitig sollte dessen Wahl durch einen Rat und seine öffentliche Huldigung vonstatten gehen.

Ali konnte sich nicht durchsetzen. In seiner Abwesenheit wurde noch 632 Abu Bakr zum ersten Kalifen gewählt. Zu Lebzeiten Alis folgten drei weitere Kalifen, die nach schiitischer Auffassung "unrechtmäßige" Kalifen waren, da sie nicht direkt von Mohammed abstammten. Ihre Wahl stellte somit aus schiitischer Sicht eine schwere Sünde dar.

Schauplatz Kerbela

Nach Alis Ermordung 661 versuchten die Schiiten erneut, die Macht an sich zu reißen. Ohne Erfolg, denn der Prophetenenkel Al-Hassan erklärte seinen Verzicht auf das Kalifat, und Alis zweiter Sohn Al-Hussain fiel im Jahr 680 in der berühmten Schlacht von Kerbela im heutigen Irak, womit alle direkten männlichen Nachfahren Mohammeds ausgelöscht waren.

Al-Hussain wurde zum Prototyp des schiitischen Märtyrers. Im Gedenken an Kerbela begehen die Schiiten am 10. Tag des Monats Muharram (Aschura) umfangreiche Trauerfeierlichkeiten mit Prozessionen und Selbstgeißelungen. Die mächtige Wiederbelebung dieser Tradition vollzog sich Ende April 2003. Nachdem die beiden Prophetenenkel Al-Hassan und Al-Hussain im Kampf um das Kalifat gescheitert waren, verlagerten die Schiiten ihre Hoffnung auf Herrschaft auf eine Endzeit, in der ein Mahdi (ein "Rechtgeleiteter") als Erlöser erscheinen und ein Friedensreich errichten wird.

In Rechtsfragen sind die Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten erstaunlich gering. Im Wortlaut des Gebetsrufs weichen sie von den Sunniten geringfügig ab. Die Schiiten kennen die Institution der Zeitehe - eine vereinfachte Form der Eheschließung von begrenzter Dauer mit Entlohnung der Ehefrau. Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass nach schiitischem Recht Männer und Frauen zu gleichen Teilen erben.

Quelle: n-tv.de