Dossier

Todesurteil für Saddam Der Richter muss schreien

"Steh auf", ruft der Vorsitzende Richter. Doch Saddam Hussein denkt gar nicht daran, der Aufforderung des Kurden Rauf Abdel Rahman Folge zu leisten. Erst als der Richter den Gerichtsdienern befiehlt, den einstigen Gewaltherrscher gegen seinen Willen auf die Füße zu stellen und festzuhalten, steht Saddam auf. Kaum verkündet der Richter das Urteil "Tod durch den Strang", beginnt der frühere Machthaber laut zu rufen. "Gott ist groß", tönt er mit fester Stimme. In der linken Hand schwenkt er den Koran. Der Richter muss gegen ihn anschreien, damit die Urteilsbegründung überhaupt noch zu verstehen ist.

Dass sich Saddam bei der Verkündung des Urteils keine Blöße geben würde, hat die Prozessbeobachter nicht überrascht. Schließlich hatte er seit Beginn des Verfahrens stets die gleiche Linie gefahren: "Ich bin immer noch der rechtmäßige Präsident des Irak." Die Richter, den Staatsanwalt und die neue irakische Regierung bezeichnete er als Lakaien der Amerikaner. Gleichzeitig verhöhnte er die neuen Herrscher in Bagdad, weil sie den Kampf gegen die Aufständischen und Terroristen trotz Unterstützung durch die US-Armee bislang noch nicht gewinnen konnten.

Vom "Chaos", das der einstige Diktator durch seine Kriege und seine brutale Verfolgung Andersdenkender über den Irak gebracht habe, spricht Regierungschef Nuri al-Maliki nach der Verkündung des Todesurteils gegen Saddam. Dabei wird genau dieser Begriff derzeit häufiger als jedes andere Wort gebraucht, um die aktuelle Situation im Irak am Rande des Bürgerkrieges zu charakterisieren.

Saddams Sympathisanten sprechen im Zusammenhang mit dem Sondertribunal für die Verbrechen des alten Regimes gerne von "Siegerjustiz". Doch "Sieger" sehen anders aus als die Mitglieder der irakischen Regierung. Diese leben heute fast alle als Strohwitwer hinter hohen Mauern. Sie haben ihre Familien aus Angst vor Attentaten ins Ausland geschickt und bewegen sich in ihrer Heimat nur noch in Begleitung schwer bewaffneter, teils ausländischer Leibwächter.

Verloren hat der Irak, der in der arabischen Welt einst für den hohen Bildungsstandard seiner Menschen bekannt war, seit dem Sturz des Saddam-Regimes auch den Großteil der intellektuellen und technischen Elite des Landes. Nachdem viele Akademiker wegen politischer Unfreiheit und der wirtschaftlichen Misere durch die UN-Sanktionen in den 90er Jahren schon in der Saddam-Ära ins Exil gegangen waren, hat der Terror der vergangenen zwei Jahre eine weitere Abwanderungswelle ausgelöst. "Die Straßen von Bagdad gehören heute dem Mob und den Milizen", erklärt ein westlicher Beobachter.

(Anne-Beatrice Clasmann, dpa)

Quelle: n-tv.de