Dossier

Sexy Sixties Die Brit-Chic-Welle rollt

Modisch "in" und zugleich "out" zu sein: Das schafft nur London. Die britische Metropole beweist auch in Sachen Trends Außergewöhnlichkeit. Obwohl ihre Designer momentan eher müde wirken und von den Pariser, Mailänder und New Yorker Kollegen weit abgehängt wurden, boomt dennoch der so genannte "Brit-Chic". Was hier beschworen wird, ist das London der 60er Jahre. Die Sixties feiern ein rasantes Comeback, in Sachen Mode, Musik oder Models.

"London ist schlagartig erblüht. Es swingt, hier ist die Szene", schrieb das "Time"-Magazin 1966 in einer Aufsehen erregenden Titelgeschichte und prägte das Wort vom "Swinging London". Junge Designer und unabhängige kleine Läden machten damals in der britischen Hauptstadt Furore, Mode und Pop-Musik wurden zu ihren bekanntesten Exporten. Die Ideen kamen, und das war neu, gleichsam "von der Straße".

Während in Paris die anspruchsvolle Haute Couture immer altbackener wirkte, entwarfen in London junge Leute Kleidung für ihre Altersgenossen: unkompliziert, sexy und bezahlbar. Verrückte Boutiquen wie "Biba" machten Furore. Models wie die dürre, rehäugige Twiggy prägten ein androgynes Schönheitsideal, das auch den Look von Pop-Stars wie den Beatles bestimmte. Und Mary Quant propagierte den Minirock, der zum ultimativen Trend-Outfit aufstieg.

Genau der Mini ist nun mit Macht wieder da. Möglichst im Stil der 60er wird der neue Mini getragen, als einzelner Rock oder in Form eines Trapezkleides, auch dies ein typisches Teil der Sixties. Trend-Kollektionen wie die von Burberry, Versace, Marni oder Malo in Mailand, von Balenciaga, Lanvin oder Chlo in Paris zeigten viele Ideen der 60er Jahre mit klaren gradlinigen Entwürfen, Schwarz-Weiß-Kontrasten, grafischen Mustern oder metallischen Verzierungen. Vieles erinnert an Mary Quant, aber auch an ihre Pariser Kollegen Andr Courrges oder Paco Rabanne, die in den 60ern schließlich dafür sorgten, dass Paris nicht den Anschluss an die "swingende" Welle verpasste.

Auch die typischen androgynen Frisuren von damals waren auf den Laufstegen zu sehen, Shortcuts wie der knabenhafte "Pixie" oder die kinnlange "Bob"-Frisur. So schaffte es das italienische Topmodel Mariacarla Boscono kürzlich dank eines neuen blond gefärbten Kurzhaarschnitts in diesem Stil zum It-Girl unter den Mannequins zu werden. Auch die britische Mode-Ikone Sienna Miller schnitt sich die Haare kurz -für eine Filmrolle als Warhol-Muse Edie Sedgwick, auch sie ein Idol der 60er.

In der Musik-Szene sind die 60er längst wieder angesagt. Bands wie die britische Gruppe Kaiser Chiefs oder die fünf Schweden von Mando Diao erinnern in ihrem Look an die Mods, die führende Jugendbewegung der Sixties. Jene hörten die Musik von The Who und pflegten einen smarten Auftritt mit Pilzkopffrisuren, schmalen Hemden und taillierten Anzügen. Bei Gustaf Norn, Frontmann von Mando Diao, sieht der Pilzkopf so lässig und gut aus, dass er schon als Titel-Model internationaler Modemagazine zu sehen war.

Die Londoner selbst bieten zum 60er-Trend sogar die passende Ausstellung. Bis zum 25. Februar ist im "Victoria & Albert"-Museum "Sixties Fashion" zu bewundern. Auch Zeitzeugen kommen zu Wort. "Die Teenager wollten nicht mehr aussehen wie ihre Mütter", erklärt etwa die Journalistin Felicity Green in einer Dokumentation. "Sie wollten ihren eigenen Weg gehen, und heraus kamen Kleider nur für diese Generation. Das war eine große Revolution." So gesehen gleicht das heutige 60er-Jahre-Fieber einem Treppenwitz der Modegeschichte. Denn die Töchter der damals auf ihre Unabhängigkeit pochenden Frauen wollen zur Zeit modisch vor allem eins: aussehen wie einst ihre Mütter.

(Stefanie Schütte, dpa)

Quelle: ntv.de