Politik
Samstag, 15. Juli 2006

Überraschung für Israel: Die C802-Rakete

Das israelische Raketenboot vom Typ Saar 5 mit etwa 80 Besatzungsmitgliedern an Bord erhielt mit einer C-802 Rakete einen Volltreffer vor der Küste des Libanon. Israelische Militärs äußerten sich irritiert über den Treffer dieser Rakete, da das Kriegsschiff mit modernsten Spürgeräten ausgestattet sei, die derartigen Raketenbeschuss bemerken und abwenden könnten. Das Schiff wurde an der Kommandobrücke getroffen. Es brach ein Brand aus. Munition an Bord explodierte. Vier Besatzungsmitglieder wurden vermisst. Man wusste nicht, ob sie durch den Einschlag der Rakete ins Meer geschleudert wurden, oder ob sie in den glühenden und deshalb unzugänglichen Räumen an Bord waren. Am Samstagmorgen wurde offiziell mitgeteilt, dass die Leiche eines Vermissten gefunden worden sei.

Die von der Hisbollah eingesetzte C802 Rakete stamme aus iranischen Beständen und wurde mit chinesischer Technologie konstruiert. Es handelt sich um die Land zu See Version der See zu See Rakete vom Typ C801. Nach Angaben amerikanischer Militärexperten setze die iranische Marine im persischen Golf Patrouillenboote ein, mit jeweils vier C801 See zu See Raketen bestückt. Diese Raketen mit einem Turbojet-Motor haben eine Reichweite von 120 Kilometern, fliegen in fünf Metern Höhe über der See und erreichen beim Einschlag in das Ziel eine Geschwindigkeit von 1.013 Stundenkilometern. Der amerikanische Experte Harold C. Hutchison behauptet, dass iranische Patrouillenboote mit diesen Raketen für die hochgerüsteten amerikanischen Kriegsschiffe "wohl eher sitzende Enten" seien. Der Volltreffer auf das israelische Boot, das mit ähnlich guter Elektronik ausgerüstet sein dürfte, wie die amerikanischen Schiffe im persischen Golf vor der Küste des Iran, wird auch die Amerikaner aufschrecken.

Bei einer Pressekonferenz erklärte der Oberbefehlshaber an der Nordfront, General Gadi Eisenkott, dass Israel nichts von diesen hochentwickelten Raketen in den Händen der Hisbollah wusste und deshalb von dem Beschuss des Kriegsschiffs überrascht worden sei. Weiter sagte er, dass diese Raketen radargesteuert seien. Ohne die Hilfe der Radaranlagen Anlagen der libanesischen Armee hätte die Hisbollah sie nicht abschießen können. Deshalb habe Israel alle Radaranlagen der libanesischen Armee entlang der Küste zerstört. "Wir haben dennoch nicht die Absicht, die libanesische Armee anzugreifen oder sie der Kooperation mit der Hisbollah zu beschuldigen." Israelische Kommentatoren meinten, dass diese Affäre sehr bedenklich sei. Es stelle sich heraus, dass Iran eine hochentwickelte Rakete mit großer Treffsicherheit an "Terroristen" weitergegeben habe. Sowie Iran im Besitz einer Atombombe sei, könne ein solches Land genauso gut auch Terroristen wie der Hisbollah eine Atombombe ausliefern, etwa zum Einsatz gegen Israel.

Es stellt sich heraus, dass die Hisbollah zwei Raketen abgeschossen hat. Eine traf das israelische Kriegsschiff, etwa 16 Kilometer von der Küste entfernt, aber die zweite Rakete traf und versenkte ein ägyptisches Frachtschiff. Die Seeleute seien von einem vorbeikommenden Schiff gerettet und nach Syrien oder in die Türkei gebracht worden. Das war einer der Gründe, weshalb die arabischen Außenminister sich bei ihrer Notsitzung in Kairo nicht auf eine Abschlusserklärung einigen konnten. Saudi Arabien hatte gefordert, die Hisbollah zu verurteilen, weil sie gegen die Interessen der libanesischen Regierung eigenwillig einen Krieg gegen Israel angezettelt habe, was jetzt zur Zerstörung des Libanon führe. Der ermordete Regierungschef des Libanon, Rafik Hariri, der mit Milliardensummen, die er in Saudi Arabien verdient hatte, den Libanon wieder aufgebaut hat, stand dem Regime in Riadh aber auch Frankreich sehr nahe. Das alles kann erklären, weshalb die arabische Welt gespalten ist und nicht einhellig die militärischen "Erfolge" der Hisbollah gegen Israel begrüßt. Saudi Arabien befürchtet zudem einen zunehmenden Einfluss des Iran und der Schiiten über die Hisbollah.

Der Einsatz dieser Rakete durch die Hisbollah im Libanon ist nur ein weiterer Beweis für israelische Behauptungen seit Jahren, wonach Iran die Hisbollah mit über 10.000 Raketen modernster Bauweise ausgestattet habe, um mit Hilfe dieser libanesischen Miliz und Terrororganisation jeden Punkt in Israel treffen zu können. Eine Mittelstreckenrakete auf Haifa war ein erster Beweis für die Existenz von Raketen mit größerer Reichweite. Israel redet von einer Fähigkeit der Hisbollah, mit Fadscher-Raketen Ziele in Israel bis zu 70 Kilometer südlich der Grenze treffen zu können. Bisher konnten Katjuscharaketen, so genannte Stalinorgeln, mit einer maximalen Reichweite von 40 Kilometern nur Naharija, Saffed und am Samstag sogar auf Tiberias am See Genezareth erreichen. Weil die Hisbollah, wie sich jetzt herausstellt, auch Raketen besitzt, die Tel Aviv treffen könnten und offenbar den Willen hat, sie einzusetzen, stellte Israel am Samstag erstmals seit dem Golfkrieg von 1991, als insgesamt etwa 26 irakische Scudraketen in Israel niedergingen, Patriotraketen als Abwehrwaffe gegen anfliegende feindliche Raketen auf.

Der Treffer in Haifa kündigte eine strategische Wende an, da nun auch die petrochemische Industrie Israels in der Bucht von Akko gefährdet sei. Der Schaden durch Raketen auf dieses Gebiet hätte nicht nur wirtschaftliche und militärstrategische Bedeutung. Wegen der dort produzierten und eingelagerten hochgiftigen, brennbaren und teilweise auch hochexplosiven Chemikalien, könnten Brände und Explosionen in diesem Industriegebiet enorme menschliche Verluste im Großraum Haifa verursachen und Umweltschaden in ganz Galiläa.

Der Abschuss der Rakete auf Haifa war wahrscheinlich eine Panne. Die Hisbollah "dementierte", überhaupt auf Haifa gezielt zu haben. Ein örtlicher Kommandeur der Hisbollah könnte einen Wink seines Chefs Hassan Nasrallah falsch verstanden haben. Der hatte Israel angedroht, Haifa beschießen zu wollen, falls Israel die schiitischen Viertel im Süden von Beirut angreifen sollte, wo inzwischen die Wohnung und das Büro von Nasrallah in Schutt und Asche gelegt worden ist. Doch zu dem Zeitpunkt brannten nur die Benzintanks am Flughafen von Beirut, in der Nähe dieser Viertel. Die Hisbollah beeilte sich mit dem Dementi, weil sie offenbar zu diesem Punkt noch nicht ihre militärischen Fähigkeiten bloßlegen wollten. So aber verloren sie vorzeitig die Möglichkeit, Israel noch zu überraschen. In Beirut wird behauptet, dass nicht die Hisbollah, sondern die palästinensische Gruppe um Ahmed Dschibril die Rakete auf Haifa abgeschossen habe. Sie stamme aus Beständen der syrischen Armee und seien vor dem syrischen Rückzug aus Libanon den Palästinensern überlassen worden.

Wie der Bürgermeister von Haifa, Jona Jahav, verriet, war der Sprengkopf der Raketen mit winzigen Metallkugeln durchsetzt. Eine der Kugeln, die auch aus einem Kugellager stammen könnte, hatte der Bürgermeister an der Einschlagsstelle aufgesammelt und in die Tasche gesteckt. Ähnlich wie Muttern und Schrauben in Sprengjacken palästinensischer Selbstmordattentäter, sollen die Kugeln die tödliche Wirkung der Explosion erhöhen. Es ist anzunehmen, dass der Einsatz von derartiger Streumunition international geächtet ist, ganz besonders beim Einsatz mitten in ziviler Umgebung wie einer Großstadt. Wegen der Gefahr, von solchen Metallkugeln getroffen zu werden, wurden die Menschen im Norden Israels ab Haifa aufgefordert sich möglichst in geschützten Räumen und nicht im Freien aufzuhalten.

Von n-tv Nahost-Korrespondent Ulrich W. Sahm, Jerusalem

Quelle: n-tv.de