Dossier

"Islamisches Empörungs-Kartell" Die Presse zur Papst-Kritik

Die inszenierte Empörung über die Vorlesung des Papstes in Regensburg beschäftigt die Kommentatoren.

Scharfe Worte liest man in der Rhein-Neckar-Zeitung: "War es nicht derselbe Papst, der uns ins Gewissen geredet hat, auch das Heilige der anderen zu achten? Eine deutliche Anspielung auf den Karikaturen-Streit. Doch ähnlich wie damals reagiert das islamische Wut- und Empörungs-Kartell auf seine Vorlesung. Die Flucht in Verschwörungs-Theorien und Paranoia-Zustände dient offenbar dazu, einen Dialog zu verhindern und den Islam, auch mit seinen aktuellen Exzessen, kritikfrei zu stellen. Man kann es auch vorbeugende Einschüchterung nennen. Es gilt: Das Heilige der anderen ist zu achten. Aber das dürfen wir auch für uns beanspruchen, die wir als Ungläubige dauerhaft diffamiert werden. Dagegen wünschte man sich mal einen Aufstand der Anständigen in der islamischen Welt."

Auch der Wiesbadener Kurier springt Benedikt XVI zur Seite: "…dennoch verrät die Kritik aus der islamischen Welt erneut einiges über die Unduldsamkeit vieler Muslime und den Unwillen, sich mit den Ambivalenzen ihrer Religion auseinanderzusetzen. Dass der Koran ein durchaus zweischneidiges Verhältnis zur Gewalt offenbart, hat nicht nur der von den Osmanen bedrohte Byzantiner festgestellt, es zeigt sich auch im Islam der Gegenwart, der doch nicht zufällig eine derart bösartige Mutation wie den Islamismus hervorgebracht hat. Im heiligen Buch der Muslime wird sowohl Friedfertigkeit (Kein Zwang in Glaubensdingen) als auch der sehr wohl kriegerisch gemeinte und praktizierte Dschihad gepredigt. Darauf hat Benedikt, keineswegs aus Unkenntnis sondern kenntnisreich, hingewiesen."

Ähnlich sieht es die Frankfurter Allgemeine: "Schon Papst Johannes Paul II. erkannte in einem Glauben, der solche Taten (11.September) zu rechtfertigen vermag, und in einem Gottesbild, in dem Handlungen wie diese gerechtfertigt sein können, eine Perversion der Religion und verlangte von den Repräsentanten der muslimischen Welt, einer Gewalt im Namen Gottes abzuschwören. Gefruchtet haben die Appelle nicht viel, jedenfalls nicht so viel, dass sich nicht immer wieder Muslime im Namen Allahs aufgefordert sähen, Bomben in Zügen und Untergrundbahnen zu zünden. Vor diesem Hintergrund ist es ein Ereignis von geradezu historischer Dimension, dass sich das Oberhaupt der katholischen Kirche in den vergangenen Tagen gleich in drei großen öffentlichen Ansprachen zu den "Pathologien" der Religion äußerte und im Verhältnis von Glaube und Gewalt einen Scheideweg erkennen will."

Der Kölner "Express" schreibt: "Kaum hat es der Papst gewagt, das heikle Thema Religion und Gewalt anzusprechen, hagelt es wütende Proteste von Muslimen. Und es sind beileibe nicht nur radikale Kräfte, die sich über eine angebliche Beleidigung ihrer Religion ereifern, ohne überhaupt gelesen zu haben, was Benedikt XVI. genau gesagt hat. Auch Politiker und führende Geistliche von Ankara bis Islamabad stimmen ein in den schrillen Chor der Papst-Kritiker. Reflexartig werfen sie dem Pontifex vor, den Konflikt zwischen Muslimen und Christen zu schüren und tun es damit selbst. Natürlich kann man fragen, ob es klug war, dass der Papst auf ein provokantes Zitat aus dem Mittelalter zurückgegriffen hat. Doch sollte man nicht übersehen, worum es ihm geht: jeder Form von religiös motivierter Gewalt eine Absage zu erteilen. Es wäre gut, wenn sich Gläubige aller Religionen konstruktiv an dieser Debatte beteiligen würden."

Die Süddeutsche Zeitung sieht das ganz anders: "Natürlich hat der Papst das Recht, den christlichen Glauben vom Islam abzugrenzen, auch das Recht, die islamistische Gewaltbereitschaft zu kritisieren. Doch gerade ihm muss dies auf eine Weise gelingen, die ihn nicht über die Religion der anderen erhebt. Als Philosoph durfte er in Regensburg so reden, doch als Kirchenmann hätte er besser geschwiegen."

Über die Motive spekuliert die Nürnberger Zeitung: "Am Ende werden wir um die Frage nicht herumkommen, die der Papst in Regensburg gar nicht gestellt hat: Wie kommen wir mit Menschen aus, die bereits auf theologische Gedankengänge mit Hysterie und Gewalt reagieren? Womit nicht gesagt sein soll, dass Moslems aufgrund ihres Glaubens gar nicht anders reagieren können. Ein Großteil der weltweiten Aufregung hat mehr mit Politik als mit Religion zu tun - soweit man in der islamischen Welt diesen Unterschied machen kann. Die pakistanische Regierung könnte beispielsweise versucht sein, den über den US-Kurs ihres Landes empörten Islamisten ein Ventil zu öffnen, indem sie der Wut über den Papst zumindest keine Zügel anlegt. Und der innertürkische Streit um den geplanten Papst-Besuch am Bosporus wird viel darüber aussagen, wie weit der Einfluss der Islamisten auf die Politik Ankaras bereits gediehen ist."

"Frankfurter Rundschau"

Sechs Tage lang ist Benedikt von den bayerischen Katholiken gefeiert worden. Als einer von uns und als gütiger Hirte mit klaren, festen Maßstäben. Vor einem Jahr beim Weltjugendtag in Köln erfuhr er noch eine geborgte Zuwendung der Menschen; Johannes Paul II. hatte den Termin zugesagt, und die Benedetto-Begeisterung galt eher dem Nachfolger als der Person. Anders die Verehrung, die er in Bayern erlebt hat, die nichts übrig ließ von jener Skepsis gegen den gelehrten Hardliner, die ihm nach der Wahl zum Papst noch entgegenstieß. Auch die jetzt Enttäuschten hoffen ja weiter. Um die Kirche zu bewegen, so wissen sie, bedarf es gerade eines solch klugen Konservativen. Und der Geduld. Jahrhunderte der Verkrustung und der Kirchenspaltung lassen sich nicht in sechs Tagen aufbrechen.
"Saarbrücker Zeitung"
Fraglos ist Provokantes aus der Regensburger Universität nach außen gedrungen. Dabei waren es bloß einige Sätze aus einem komplexen religiösen Diskurs des Theologie-Professors Ratzinger, der sich mit der Frage gewaltsamer Glaubensbekehrung beschäftigte. Wovon in Kaschmir oder Batam nurmehr die dürre Botschaft der Propheten-Beleidigung angekommen ist. In der Tat wäre es weitaus wünschenswerter, wenn der breite theologische Dialog über religiöse Gewalt im Islam -statt in Regensburg oder Rom -in Mekka und in Medina, in Ghom und in Nadschaf stattfände. (...) Unangebracht daher auch der Verweis einiger Muslime auf die Kreuzzüge: Denn die Auseinandersetzung der christlichen Welt mit diesem abgrundtief finsteren Kapitel, das vor knapp 600 Jahren endete, hat längst stattgefunden. Nein, eine kritische Betrachtung der Religionen -auch des Islam -darf angesichts mannigfaltiger Formen aggressiver Glaubensausübung bis in unsere Zeit hinein nicht zur Disposition stehen.
"Leipziger Volkszeitung"
Wer den Karikaturenstreit und die völlig irrationalen Reaktionen vieler Muslime verfolgt hat, den kann der Aufschrei nach der Papst-Rede nicht wundern. Diejenigen, die immer die größtmöglichste Toleranz für ihren Glauben und ihre Werte einfordern, zeigen sich am wenigsten tolerant, wenn es um andere Ansichten geht. Dabei war Benedikts Rede der Klarheit in Zeiten zunehmender islamistischer Gewalt notwendig und richtig. Natürlich ist eine Glaubensverbreitung durch Gewalt anzuprangern -weil sie im Widerspruch zu Gottes Wesen steht. Ein Dialog der Kulturen setzt Dialogbereitschaft und Akzeptanz des Gegenüber voraus. Doch davon sind große Teile der islamischen Welt weit entfernt. Die Intoleranz ist leider System.
"Kieler Nachrichten"
Schon im Streit um die Mohammed-Karikaturen war es beschämend, dass die Politik Mäßigung von der Presse verlangte statt vom geifernden Mob in den islamischen Ländern, wo westliche Botschaften in Flammen aufgingen. Auch jetzt erlegt sich die Politik äußerste Zurückhaltung auf. Warum eigentlich? Haben diejenigen in der Türkei etwa Recht mit ihrer wahnwitzigen Verschwörungstheorie, wonach Merkel und Benedikt gemeinsame Sache gegen den Islam machen? Oder gar das pakistanische Parlament, das in den Äußerungen des Papstes einen Verstoß gegen die Menschenrechtskonvention der Vereinten Nationen sieht? Es stimmt ja: Man muss nicht jeden Unsinn kommentieren. Die erhitzten Gemüter werden sich schon wieder abkühlen. Werden sie das? Haben wir das nicht auch nach dem Karikaturenstreit geglaubt? Mit einer Zurückhaltung, die schon an Selbstverleugnung der eigenen Werte grenzt, wird ein konstruktiv-kritischer Dialog mit dem Islam nicht gelingen.
"Wilhelmshavener Zeitung"
Die Schlussfolgerungen, die der Papst gezogen hat, besagen, dass Gewalt ein untaugliches Mittel zur Verbreitung einer Religion ist und dass Christentum ohne Vernunft nicht funktioniert. Das zentrale Thema Benedikts ist die Kritik an der "Enthellenisierung" des christlichen Glaubens gewesen. Islam-Kritik ist das nicht -und schon gar nicht ein Grund für den Papst, sich dafür zu entschuldigen. Wer dem Kirchenvertreter nun unterstellt, damit den Dialog der Religionen torpediert zu haben, begibt sich in Gefahr, entweder als unwissend oder als böswillig dazustehen.
"Main-Post" (Würzburg)
Die Spannungen zwischen Muslimen und Christen werden auf keinen Fall weniger, wenn bei jedem Anlass von beiden Seiten wieder alte Vorurteile herausgekramt werden. Der Papst sagte in seiner Rede, dass es schwer sei, einen Dialog zu führen, wenn beide Seiten von einem völlig unterschiedlichen Modell der Welt ausgehen. Das sollte in der Konsequenz dazu führen, dass über die Grundzüge des Islam sehr viel besser als bislang informiert wird, zum Beispiel in der Schule. Denn wir können diesen Dialog nur führen, wenn wir informiert sind. Die Alternative ist das Pflegen alter Vorurteile, die leicht zu gefährlichen Akzenten in der Politik führen können. Diese Bereitschaft zum Dialog muss es natürlich auch auf Seiten der Muslime geben. Auch ihre Alternative wäre sonst nur ein blinder und von Vorurteilen geprägter Hass. Doch getreu einem Bibelwort sollten wir zunächst den Balken aus unserem eigenen Auge ziehen, bevor wir auf den Splitter im Auge des anderen deuten. Gerade jetzt, wo sich die Stimmung ein weiteres Mal erhitzt.
"Lübecker Nachrichten"
Papst Benedikt hat keinerlei Grund, sich für seine Regensburger Rede zu entschuldigen. Im Gegenteil: Sein vermeintlicher Tabubruch ist längst überfällig gewesen. Und wie sehr er überfällig gewesen ist, zeigen die hysterischen Reaktionen aus der islamischen Welt. Sie geht wieder auf Konfrontationskurs gegen den angeblich so dekadenten Westen und hält sich für verfolgt und verkannt. Das ist sie gewiss nicht. Im Gegenteil: Man muss nur die Realität in den islamischen Staaten betrachten, um zu erkennen, dass das Verhältnis dieser Religion zur Gewalt trotz aller vollmundigen Manifeste längst nicht geklärt ist.
"Mitteldeutsche Zeitung" (Halle)
In angespannten Zeiten sollte der Papst seine Worte wägen. Bei Lektüre der Papst-Rede mutet das Ausmaß der Empörung jedoch grotesk an. Dem Intellektuellen Joseph Ratzinger dient das historische Beispiel, um eine Brücke zu schlagen vom unaufgeklärten Islam zu den Defiziten westlicher Gesellschaften und ihrer Wissenschaft, denen jeder Gottglaube verdächtig ist. Die hysterischen Reaktionen der muslimischen Welt sind leider ein Beleg für die Analyse des Papstes, wonach der Islam nicht ausreichend dialogfähig sei.
"Neue Osnabrücker Zeitung"
Der Vatikan muss schon in eigenem Interesse darauf achten, das Feuer bald zu löschen. Sonst folgen in Pakistan, Ägypten oder Nigeria neue Verfolgungen von Christen und scharfe Unterdrückung. In den Hintergrund gerät angesichts der ganzen Aufregung die Botschaft von Benedikt XVI.: Dass sich der Glaube an Gott niemals mit Gewalt erzwingen lässt. Im Christentum ist das unstrittig. Aber schon ein selbstkritischer Satz, dass es in der Kirchengeschichte durchaus Abweichungen gab, hätte den Sprengsatz entschärft. Und noch eine Kernaussage des Papstes rückt aus dem Blick: Dass die Kluft zwischen den gemäßigten Christen und Muslimen geringer ist als jene zu den Ungläubigen, gerade im Westen, die ausschließlich auf eine kalte "reine Vernunft" ohne den Glauben an Gott setzen.
"Nürnberger Nachrichten"
Der Westen muss nicht den Fehler machen, sich künftig immer dann schon vorsorglich selbst zu zensieren, wenn Proteste von Muslimen zu befürchten sind. Das freie Wort, leider gelegentlich auch das unpassende und geschmacklose, stellt in der demokratischen Kultur einen fundamentalen Wert dar. Ihn aufzugeben, hieße unsere rechtsstaatlichen Errungenschaften aufzugeben.
"Fränkischer Tag" (Bamberg)
Offenbar ist dieselbe Maschinerie angelaufen, die ein paar mittelprächtige Karikaturen zum Anlass für eine beispiellose Volksverhetzung nahm. Wenn sich das Oberhaupt der katholischen Kirche so eindeutig zu einer Kultur des Friedens und der Nächstenliebe bekennt, wie Papst Benedikt XVI. es getan hat, dann besteht schwerlich ein Grund für islamistische Erregung.
"Augsburger Allgemeine"
Da vom Papst eine Entschuldigung gefordert wird, stellt sich doch die Gegenfrage: Wie stehen diejenigen, die sich jetzt so aufregen, eigentlich zum Christentum? Wo fehlt es an Toleranz und Glaubensvielfalt hier bei uns oder dort? Wo ist die Verachtung anderer Lebensweisen mit Händen zu greifen und oft formuliert worden? Wird sie nicht sogar hier, in manchen unserer Moscheen gepredigt? Das ist das große Problem auf dem Westöstlichen Diwan: Fanatische Anhänger des Propheten betreiben die Beleidigung westlicher und christlicher Lebensart geradezu berufsmäßig. Von uns aber verlangen sie exaktestes Wohlverhalten und gehen beim ersten Ansatz von Kritik auf die Palme. So kann man doch keinen Dialog führen.
"Frankfurter Neue Presse"
Jetzt die päpstliche Kritik an der Gewaltbereitschaft des Islam und zuvor Kritik des Vatikan an Karikaturen, die jene islamistische Gewalt thematisierten. Was zunächst als Widerspruch erscheint, ist es in den Augen des Papstes offenbar nicht. Mohammed-Karikaturen im Westen und islamistische Selbstmord-Attentate sind für ihn beide Ausdruck einer Selbstvergötzung des Menschen, die sich von der göttlichen Vernunft gelöst hat. Der Papst verlangt von den Muslimen ihr Verhältnis zur Gewalt zu klären. In dieser Absicht aber ausgerechnet ein Zitat aus dem Mittelalter zu wählen, in dem sich auch das Christentum noch im Stadium dogmatischer Rechtgläubigkeit befand, zeugt nicht von einem Übermaß an Diplomatie.
"Kölnische Rundschau"
Wusste der Papst, was er mit seiner Regensburger Vorlesung über Glaube und Vernunft auslösen würde? Dass sein Sprecher Federico Lombardi gestern versuchte, protestierende Muslime zu beschwichtigen, lässt zumindest einen Schluss zu: Benedikt XVI. wusste es nicht. Er hat wohl nicht damit gerechnet, dass ein Zitat des byzantinischen Kaisers Manuel über die "Inhumanität des Islam, mit dessen Vertretern er im Krieg lag, aus dem Zusammenhang gerissen und von Indien bis Ägypten zum Anlass von Massendemonstrationen genommen würde. Demonstrationen, die gefährlicher werden können als die im Karikaturenstreit": Bisher war der Papst für die islamistischen Agitatoren tabu. Das hat sich geändert, und dieser Umschwung könnte die Christen in vielen islamischen Ländern übel treffen.
"Westfälische Anzeiger"
Rein rational besehen, war eindeutig, wem die Zitate aus einer anderen Zeit als päpstliche Mahnung in heutiger Zeit galten: Vertretern eines radikalen Islamismus, die der Verunsicherung beider Seiten zuarbeiten. Jenseits dieser Rationalität aber bleibt wieder einmal Spielraum für gezielte Falsch-Interpretation, für einen erneuten Aufschrei zum Gegeneinander und für entlarvenden Rückfall in die Unkultur des Aufrechnens, in der ein kritischer Dialog auch heute nach wie vor keinen Platz haben soll. Denn im Zentrum der Papst-Worte stand die Absage an jede Form religiös motivierter Gewalt. Eigentlich unmissverständlich: für jene, die guten Willens sind.

Quelle: n-tv.de