Dossier

33 Tage Martyrium Die Reemtsma-Entführung

Die Entführer wollten ihm einen Finger abschneiden, doch das "hat mich nicht besonders erschreckt", sagte Jan Philipp Reemtsma später. Dass für ihn eine solche Drohung kaum noch zählte, verdeutlicht das Martyrium, das der Hamburger Multi-Millionär vor zehn Jahren durchlitt.

33 Tage lang hielten ihn die Kidnapper in einem Kellerverlies in der Nähe von Bremen fest - ohnmächtig war Reemtsma seinen Peinigern ausgeliefert, ständig fürchtete der heute 53-Jährige um sein Leben. Am 26. April 1996 kam er schließlich gegen Zahlung einer Rekordlösegeldsumme von umgerechnet 15 Mio. Euro frei. Der Löwenanteil des Geldes ist auch zehn Jahre nach der Tat unauffindbar.

Zähes Ringen um Bestrafung der Täter

"Auf den Tod kann man sich vorbereiten, aber das Leben in dieser Ungewissheit wird zur vorherrschenden Qual", beschrieb Reemtsma seine Leiden im Prozess gegen den Drahtzieher der Entführung, Thomas Drach. Dieser wurde im März 2001 wegen erpresserischen Menschenraubs zu vierzehneinhalb Jahren Haft verurteilt. Drei Komplizen erhielten Haftstrafen zwischen fünf und zehneinhalb Jahren.

Das zähe Ringen um die Bestrafung der Täter hatte immer wieder für großes Aufsehen gesorgt. So wurde beispielsweise Thomas Drach im März 1998 in Argentinien gefasst, doch erst im Juli 2000 kam es zur Auslieferung nach Deutschland.

Unendliche Suche nach dem Lösegeld

Der spektakuläre Entführungsfall beschäftigt die Justiz noch heute: Vor dem Landgericht Aachen endete gerade der Prozess gegen Drachs Bruder Lutz mit einem Urteil. Er soll sechseinhalb Jahre hinter Gitter. Lutz Drach hatte 3,9 Mio. Euro Lösegeld beiseite geschafft und war dafür zunächst zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Der Bundesgerichtshof hatte das Urteil aufgehoben.

Die Suche nach dem Lösegeld endet möglicherweise nie. Bisher sind nur eine Mio. Euro wieder aufgetaucht. Reemtsma hatte im Gerichtssaal vorgerechnet, Haupttäter Thomas Drach mache selbst bei der Höchststrafe von 15 Jahren "einen Gewinn von zwei Millionen Mark pro Haftjahr".

Dass sich Drach nach seiner Haftentlassung mit den fremden Millionen ein schönes Leben machen kann, ist jedoch nicht zu erwarten. Reemtsma hat eine Detektei mit der Suche nach dem Lösegeld beauftragt, und auch die Ermittlungsbehörden dürften sich für den Verbleib des Geldes nach wie vor interessieren, obgleich sie sich diesbezüglich mit öffentlichen Äußerungen zurückhalten.

"Dann kann man nicht vernünftig leben"

Auch Reemtsma möchte derzeit nichts zu seiner Geiselhaft sagen. In der Öffentlichkeit stand der Literatur- und Sozialwissenschaftler zuletzt vor allem wegen seines gesellschaftspolitischen Engagements. So initiierte das von Reemtsma gegründete Institut für Sozialforschung in Hamburg von 1995 bis 2004 Ausstellungen zu den Verbrechen der Wehrmacht, die immer wieder heftigen Angriffen von Rechtsextremen ausgesetzt waren.

Über die Qualen seiner Entführung hatte der 53-Jährige in dem Buch "Im Keller" geschrieben. Als die Kidnapper nach 33 Tagen das Lösegeld erhalten hatten, fuhren sie Reemtsma in ein Waldstück. Noch einmal quälte ihn Todesangst, doch er wurde freigelassen.

Jahrelang litten er, seine Frau und sein Sohn unter den Erinnerungen an die Tat. Der Prozess gegen Drahtzieher Thomas Drach war für das Opfer auch ein Mittel, die grausamen Erfahrungen zu überwinden. Als Nebenkläger sagte Reemtsma vor Gericht: "Man kann sich nicht dauernd in dieser Opferrolle sehen, dann kann man nicht vernünftig leben."

Stefan Waschatz, dpa

Quelle: ntv.de