Dossier

Schöne Grüße aus Moskau Die Spur der Täter

Die Champions-League-Begegnung zwischen Arsenal London und dem ehemaligen Armeesportclub ZSKA Moskau war ein seltsames Spiel. Das Team des deutschen Nationaltorwarts Jens Lehmann hatte an jenem bitterkalten Abend des 1. November Chancen in Hülle und Fülle. Aber trotz aller Klasse blieb es bei einem 0:0. Um einiges spannender ist aus heutiger Sicht, wer damals alles auf den Zuschauerrängen saß. Denn es gibt immer mehr Hinweise, dass die Mörder des Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko darunter waren.

Inzwischen sucht Scotland Yard eine Gruppe von "fünf Männern und mehr", die damals zusammen mit mehreren hundert anderen russischen Fans des russischen Meisters nach London gekommen waren. Offiziell werden sie noch als Zeugen beschrieben. Aber nach Informationen der Zeitung "The Guardian" könnten sie "den Schlüssel für den Tod des früheren Spions" in den Händen halten. Das angesehene Blatt stützt sich dabei auf die Aussage von hochrangigen britischen Ermittlern.

Immer mehr verdichtet sich der Verdacht, dass der Ex-Geheimagent Litwinenko bei seinem Tod durch die radioaktive Substanz Polonium 210 einem Komplott von ehemaligen Kollegen zum Opfer gefallen ist. Denn anhand der radioaktiven Spuren, die an einem Dutzend verschiedener Orte entdeckt wurden, lassen sich nicht nur die Wege des Opfers nachvollziehen, sondern auch die der mutmaßlichen Täter. Dabei helfen auch die Überwachungskameras, die in London allgegenwärtig sind.

Bei aller Vorsicht, die in diesem Fall dringend anzuraten ist, könnte sich das Geschehen so abgespielt haben: Am Morgen des 25. Oktober wurde die radioaktive Substanz an Bord des British-Airways- Fluges BA 875 von Moskau nach London gebracht. In dieser Maschine mit der Registrierung G-BZHA, in der Litwinenko in den letzten Wochen vor seinem Tod nie gesessen hatte, wurden sowohl auf einigen Sitzen als auch in der Gepäckablage Polonium-Spuren gefunden.

Der Anschlag fand dann vermutlich tatsächlich am 1. November statt. Dabei unterlief den vermeintlichen Geheimdienst-Profis nach Einschätzung der Ermittler ein ziemliches Missgeschick. In einem Zimmer des "Millennium Hotels" im Londoner Nobel-Stadtteil Mayfair soll ihnen Polonium auf dem Boden gefallen sein. Auch an einem Lichtschalter des Zimmers wurden radioaktive Spuren gefunden. Die stärkste Strahlung überhaupt wurde auf einer Hoteltoilette entdeckt.

Möglich ist allerdings auch, dass die Spuren mit Absicht gelegt wurden. Fest steht, dass sich der ehemalige KGB-Mann Litwinenko an jenem Tag im "Millennium Hotel" mit den Russen Andrej Lugovoi und Dimitri Kowtun traf, die allerdings jede Verwicklung in ein Komplott bestreiten. Anschließend ging er einige hundert Meter weiter in das Sushi-Restaurant "Itsu". Die Polonium-Reste, die dort gefunden wurden, waren jedoch viel niedriger als im Hotel. Während sich bei Litwinenko dann am Abend die ersten Symptome der tödlichen Vergiftung bemerkbar machten, verfolgten seine Killer möglicherweise das Unentschieden im Stadion.

Der "Guardian" jedenfalls zitierte bereits einen Ermittler mit den Worten, die Verwicklung von aktiven oder ehemaligen Mitarbeitern des Geheimdienstes FSB - Litwinenkos ehemaligem Arbeitgeber - sei "wahrscheinlich". Ein offizieller Mordauftrag aus dem Kreml gilt als ausgeschlossen. Möglich sei hingegen, dass der Exil-Russe von "Schurkenelementen" aus dem Staatsapparat getötet wurde. Begründet wird dies damit, dass nur Profis Zugang zu russischen Nuklearlabors hätten.

Nach Informationen des "Daily Telegraph" haben die Ermittler sogar schon eine Vermutung, aus welcher russischen Atomanlage das Polonium 210 kommen könnte. Aufschluss erhoffen sie sich nun von der Obduktion des Leichnams im Royal London Hospital. Auch dabei galt wie in diesem gesamten Fall äußerste Vorsicht: Zum Schutz vor einer Verstrahlung mussten die Gerichtsmediziner dicke Westen und Helme anlegen.

Christoph Sator, dpa

Quelle: n-tv.de