Dossier

Hans-Olaf Henkel über die Krise Die bösen Gutmenschen

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Hans-Olaf Henkel will mit seinem neuen Buch aufklären: über seine Sicht auf die Ursachen der Krise.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Hans-Olaf Henkel, einst Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie und nimmermüder Querdenker, hat wieder ein Buch geschrieben. Sein drittes. Nun hat er es im Haus der Bundespressekonferenz in Gegenwart von Prof. Hans Sinn, Chef des Münchner Ifo-Instituts, vorgestellt und vermittelt darin eine völlig neue Sicht auf Krise und Auswege.

Manfred Bleskin: Herr Henkel, Bücher hatten früher manchmal politische Sprengkraft. Was erhoffen Sie sich von Ihrem Buch?

Hans-Olaf Henkel: Ich will aufklären. Dies ist bei der Krise in diesem Land dringend notwendig. Wir wurden in den letzten 12 bis 24 Monaten vor allem von der Politik, aber auch von vielen Leuten in den Medien, nicht richtig über die Ursachen der Krise aufgeklärt. Wenn man die Ursachen nicht kennt, wird man auch die falsche Therapie verschreiben.

Sie nennen als Verursacher der Krise "Gutmenschen" wie die US-Präsidenten Jimmy Carter und Bill Clinton. Aber ging es den beiden nicht wie einem umgekehrten Mephisto, der stets das Gute will und stets das Böse schafft?

Das habe ich ja auch nachgezeichnet, aufgrund meiner eigenen Erfahrungen als jemand, der in Amerika ein Haus gekauft und dann verkauft hat. Ich war gerade in den Vereinigten Staaten, als Carter gewählt wurde. Einer der Hauptpunkte seines Wahlprogramms war: "Jeder Amerikaner muss unter seinem eigenen Dach wohnen." Man hat dann aus politischen Gründen Leuten, die sich das eigentlich gar nicht hätten leisten können, Kredite gegeben. Bill Clinton sorgte dann für einen großen Sprung im Häusermarkt. Er hat durch Gesetze und die Schaffung der großen Immobilienhäuser Fanny Mae sowie Freddy Mac Leute ohne Job in die Lage versetzt, Häuser zu kaufen. Dann stieg der Wert dieser Häuser aufgrund der steigenden Nachfrage. In der Folge der Wertsteigerung konnte man dann plötzlich Kredite aufnehmen, um sich damit eine Weltreise oder ein neues Auto zu finanzieren. So ist diese Blase entstanden. Nicht aus Gier, sondern aus Gutmenschentum. Die Politiker waren gierig nach Wählerstimmen.

Aber waren nicht auch die immer undurchsichtigeren Finanzprodukte, die, wie Sie ja auch sagen, gar keine richtigen Produkte waren und sich metastasenartig verbreiteten, eine weitere wesentliche Ursache? Nicht nur das Gutmenschentum, sondern auch das Bösmenschentum?

Ja, zunächst ist die Immobilienblase entstanden. Dann wurden die Immobilienkredite um- und neuverpackt, zu sogenannten Produkten hochstilisiert und ins Ausland verschoben. Hier kann man in der Tat von Gier einer kleinen Schicht von Investmentbankern sprechen, die gemerkt haben, dass man durch den Verkauf dieser recht gut verzinslichen Papiere Geld machen konnte. In der dritten Phase, und damit wären wir bei uns, das habe ich nachgezeichnet, war gerade Deutschland von diesen Papieren betroffen. Ich habe bewiesen, dass dies in Deutschland vor allem an der Politik liegt. Mehr als 70 Prozent dieser Papiere sind in staatlich kontrollierte Banken gewandert, nicht etwa in Privatbanken. Das ist der deutschen Öffentlichkeit gar nicht bekannt. Deshalb ist es unredlich zu sagen, die Bankenkrise zeige, dass der Staat mehr zu sagen haben soll. Zumindest für Deutschland gilt das Gegenteil. Politiker in den Kontrollgremien staatlich kontrollierter Banken haben es verbockt. Die haben sich diese Papiere aufschwatzen lassen, die uns jetzt fast versenken.

Sie sagen in Ihrem Buch, der "Neosozialismus" greift in Deutschland wieder um sich. Brauchen wir nicht mehr "Neosozialismus"? Sie haben es selbst angesprochen: bis hin zu einer möglichen Verstaatlichung, nicht des gesamten Bankwesens, aber eines Großteils, um eine Kontrolle zu gewährleisten? Bei der Commerzbank beispielsweise hat der Staat an die 5,7 Milliarden Euro, wenn ich die Zahl recht behalten habe, hineingesteckt. Davon waren 3,7 Milliarden für den Kauf der Dresdner Bank von der Allianz bestimmt, und nur der Rest war Krisenverlust. Hat sich der Staat da nicht "neosozialistische" Möglichkeiten entgehen lassen?

Der Staat spielt völlig zu recht eine große Rolle in der Bankwirtschaft, das beschreibe ich ja in meinem Buch. Er muss Regeln setzen. Die letzten beiden G-20-Gipfel haben gezeigt, dass es versäumt wurde, genügend Regeln für den internationalen Finanzverkehr zu setzen. Und es gab keine Aufsichtsbehörden wie in Europa oder in Deutschland. Dieses Vakuum haben sich einige zu Nutze gemacht. Hier ist der Staat gefordert, mehr Regeln zu setzen und die Regeln auch zu beaufsichtigen. Wenn es zu Regelverstößen kommt, muss er auch Sanktionen ergreifen. Es war richtig, dass der Staat in Deutschland das Bankensystem gerettet hat, denn sonst wäre das ganze Bankensystem kaputt gegangen. Aber wie Professor Sinn bin ich der Meinung, dass sich der Staat, wenn nötig, auch als Eigentümer von Banken etablieren sollte. Ich kann mir durchaus, rein theoretisch, eine wunderbar funktionierende Volkswirtschaft vorstellen, in welcher der Bankensektor sogar völlig in der Hand des Staates ist. Da heißt aber nicht, dass die Realwirtschaft in der Hand des Staates sein sollte. Opel, z.B., in staatlicher Hand zu halten, wäre völlig verfehlt.

Werden Sie das Buch mit einer Widmung an die Bundeskanzlerin, den Wirtschafts- und den Finanzminister schicken mit der Bitte, die darin enthaltenen Empfehlungen zu berücksichtigen?

Das habe ich vor. Wolfgang Schäuble hat mein zweites Buch sogar der Presse vorgestellt. Ich schätze ihn sehr und hoffe, dass er sich die eine oder andere Empfehlung dieses Buches zu Herzen nimmt.

Und die Kanzlerin und der Wirtschaftsminister?

Ja (seufzt), was da drinsteht, weiß der Wirtschaftsminister natürlich selbst viel besser. Ich wünsche ihm jetzt eine starke, glückliche Hand bei Opel. Wenn er hier weich wird, dann hat er nicht nur einen holprigen Start, sondern einen Fehlstart.

Und die Kanzlerin bekommt kein Buch?

Die bekommt selbstverständlich auch ein Buch, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie die Zeit hat, es zu lesen.

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Quelle: n-tv.de, Mit Hans-Olaf Henkel sprach Manfred Bleskin