Dossier

Angriff auf Irans Atomanlagen Eine Räuberpistole

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem

Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres berichtet die Londoner Zeitung "Sunday Times" über israelische Pläne und sogar Übungsflüge bis zum 3200 Kilometer entfernten Gibraltar, um mit taktischen Atomwaffen bei den iranischen Städten Natanz, Isfahan und Arak Atomfabriken zu zerstören. Uzi Mahnaimi schreibt als "Geheimdienstexperte" auch für die israelische Zeitung Haaretz. Da wird sogar ein trainierender Pilot zitiert: "Es kann nicht nur 99 Prozent Erfolg geben. Es müssen 100 Prozent Erfolg sein oder lieber gar nicht."

Ein "Beweis" für die These ist, dass im Nahen Osten Schubladenpläne immer wieder "Wirklichkeit" würden. Die Zeitung erwähnt Ehud Olmerts "rausgerutschte" vermeintliche Bestätigung israelischer Atomwaffen, in einem Fernsehinterview vor seinem Besuch in Berlin, und zitiert einen Geheimdienstoffizier namens Schlomo Mofaz (klingt fast wie ein Namensvetter des ehemaligen Verteidigungsministers Schaul Mofaz), der von der Notwendigkeit redete, mit taktischen Atomwaffen die rund 25 Meter tief unter Felsen vergrabenen iranischen Bunker zu brechen.

Als Begründung für die israelischen Vorbereitungen zu einem Atomschlag gegen Iran werden Sprüche des Holocaustleugners Ahmadinedschad zitiert, Israel zerstören zu wollen und bekannte Details zum iranischen Atomprogramm, so die Einrichtung von Zentrifugen zur Anreicherung von Uran und Herstellung von Plutonium.

In dem Artikel kommen Professoren, Experten, amerikanische Militärs und israelische Politiker zu Wort, die das Für und Wider eines israelischen Alleingangs gegen Iran diskutieren. Einer von ihnen ist Dr. Ephraim Asculai vom Tel Aviver Institut für strategische Studien und vierzig Jahre lang Mitarbeiter der israelischen Atombehörde. "Ja, ich habe mit Uzi Mahnaimi gesprochen. Er fragte mich nur, ob es bei unterirdischen Atomsprengungen radioaktive Verseuchung gebe." Asculai sagte am Telefon: "Es ist doch allgemein bekannt, dass unterirdische Tests mit Atombomben keine Verseuchung verursachen." Als wir ihm aber aus der Sunday Times den Kontext seiner Antwort vorlasen, dass nämlich die israelischen Bomber erst mit einer bunkerbrechenden Bombe ein Loch in den Felsen bohren wollten, um dann durch das Loch eine Atombombe zu werfen, mit der die unterirdischen Anlagen der Iraner zerstört werden sollten, lachte Asculai laut auf: "Wenn er mich so etwas gefragt hätte, hätte ich ihm vermutlich nicht einmal geantwortet. Das ist doch reine Fantasie. Mahnaimi verbreitet science fiction. Das hat mit meiner Antwort nichts zu tun."

Nur mit einem Halbsatz erwähnen die Autoren, dass die israelischen Flugzeuge auch nach Iran gelangen müssten. "Eine Route führt über die Türkei", heißt es in dem Artikel, ohne die anderen Routen zu erwähnen.

Das prüft man am Besten mit einer Weltkarte: Zwischen Iran und Israel liegen der Nato-Partner Türkei, das feindselige Syrien, das befreundete Jordanien und der von den Amerikanern militärisch besetzte Irak. Die Israelis müssten also entweder ihre strategische Allianz mit der Türkei oder den Friedensvertrag mit Jordanien aufs Spiel setzen, wenn sie diese Länder unangemeldet mit Kampfflugzeugen über tausende Kilometer hinweg überfliegen. Syrien dürfte kaum stillhalten. Und ob die Amerikaner so blind sind, Ufos aus Israel in Richtung Iran fliegend nicht zu bemerken, dürfte eher fraglich sein. Und falls die Amerikaner das "sehen" oder gar informiert werden, könnten sie auch selber von ihren Flugzeugträgern aus mit den gleichen Waffen und gleicher Methode die Aktion ausführen, ohne tausende Kilometer weit fliegen zu müssen.

Immerhin hat die "Sunday Times" bei ihrem neuen Artikel über einen vermeintlich geplanten israelischen Schlag gegen Iran ein völlig abstruses Element weggelassen. Damals hieß es, dass Israel per Hubschrauber ganze dreitausend Kilometer weit Bodentruppen schicken werde, um nach dem Bombardement "aufzuräumen". Das entspräche einem Hubschrauberflug von Berlin nach Sizilien ohne Pause, ohne Auftanken und das noch unbemerkt über Feindesland hinweg. Ebenso behauptete die Zeitung damals, dass nur Israel über ausreichend Soldaten verfüge, eine derartige Aktion durchzuführen. Eine kurze Recherche bei einschlägigen strategischen Instituten ergab, dass die Amerikaner etwa genauso viele Militärs im Irak stationiert haben wie es insgesamt Soldaten in der israelischen Armee gibt – Marine, Bodentruppen, Artillerie, Panzerfahrer und Koscher-Inspektoren in den Militärküchen eingeschlossen.

Quelle: n-tv.de