Dossier

Krone-Schmalz im Interview "Einer hustet, alle plappern nach"

Lange Jahre war Gabriele Krone-Schmalz die wichtigste Russland-Korrespondentin. Die engagierte Journalistin lieferte stets ein differenziertes Bild aus Moskau, wurde dafür mehrfach ausgezeichnet. Heute schreibt sie Bücher über das Land, das sie "sympathisch" findet. Und kämpft um mehr Verständnis für den Kurs von Wladimir Putin. Im n-tv.de-Interview beschreibt sie den aktuellen Zustand des riesigen Landes aus ihrer Sicht.

n-tv.de: Sie sind als Journalistin und vermutlich auch privat seit Jahrzehnten mit Russland verbunden. Was lieben Sie eigentlich an diesem Land so sehr? Oder ist "Liebe" der falsche Begriff?

Gabriele Krone-Schmalz: "Liebe" ist deshalb der falsche Begriff, weil sie bekanntlich blind macht. Ich hatte das Glück, zur spannendsten Zeit in Moskau Korrespondent zu sein und tief in den Alltag der damaligen Sowjetunion eintauchen zu können. Der Begriff "Sympathie" trifft es vielleicht besser. Es geht nicht darum, alles zu akzeptieren oder schönzureden, sondern zu verstehen, zu begreifen und mich und "meine Gesellschaft" nicht zum Maßstab aller Dinge machen zu wollen.

Im Westen herrscht eine gewisse Verunsicherung, wie man mit Putins Russland umgehen sollte. Leute wie Altkanzler Schröder, die Putin vorbehaltlos unterstützen, lösen eher Argwohn aus. Wie ist Ihre Meinung über Putin?

Ich hätte Putin nie als "lupenreinen Demokraten" bezeichnet – damit hat Schröder ihm keinen Gefallen getan, obwohl er das vermutlich wollte. Aber mit Blick auf Russland hat Gerhard Schröder nach anfänglicher Ladehemmung eine Menge richtig gemacht. Meine Meinung über Putin lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Der russische Präsident hätte von Anfang an verdient, vom Westen mehr unterstützt zu werden. Aber dort hat man nur auf seine Geheimdienstvergangenheit gestarrt und sich nicht mehr die Mühe gemacht, seine politischen Schritte unvoreingenommen zu analysieren. Stattdessen wurden sie von vorneherein entweder nicht ernst genommen oder gleich verurteilt - nach dem Motto: Was kann man von einem KGBler schon erwarten?

Wie beurteilen Sie die Wahrnehmung der deutschen Öffentlichkeit?

Extrem einseitig und ungerecht: Einer hustet und alle plappern nach. Mittlerweile scheint es schick geworden zu sein, auf Russland und vor allem Putin einzuhauen. Das muss man machen, wenn man dazugehören will. "Wir" stehen schließlich auf der "richtigen" Seite. Der in letzter Zeit häufig gebrauchte Begriff "Russlandversteher" reicht aus, um diejenigen zu diskreditieren, die versuchen, Vorgänge in Russland möglichst neutral zu schildern.

Was wäre denn passiert, wenn der Regierungsstil Jelzins weiterverfolgt worden wäre? Wäre der Vielvölkerstaat Russland zerbrochen?

Den Regierungsstil Jelzins, das Laufenlassen von Prozessen, hätte Russland nicht länger verkraften können, ohne dabei zu explodieren. Nur wer Demokratie mit Anarchie verwechselt, kann Jelzin für einen demokratischen Reformer halten. Jelzin hat sicherlich auch seine Verdienste, das will ich nicht bestreiten, aber es war allerhöchste Zeit, ihn abzulösen.

Gab es überhaupt eine Alternative zu Putin?

Mit der Behauptung, es gäbe keine Alternative, bin ich immer sehr vorsichtig. Die gibt es fast immer. Aber Putin war nach Jelzin sicher das Beste, was Russland passieren konnte. Er hat den Menschen Zuversicht und Selbstvertrauen gegeben. Nur so lassen sich die revolutionären Umgestaltungen ertragen, die der Bevölkerung in den letzten 20 Jahren zugemutet wurden und weiter zugemutet werden.

Und heute? Ist die liberale Demokratie eine Perspektive für Russland?

Meines Erachtens ist die wichtigste Perspektive für Russland das Installieren rechtsstaatlicher Strukturen. Denn zuerst braucht man die politischen Instrumente, dann kann man auf ihnen spielen. Es muss nicht überall auf der Welt zugehen wie bei uns - wobei es sich lohnen würde, die liberale Demokratie in unserem Land auf ihre Substanz hin zu überprüfen. Es reicht, wenn verlässliche, rechtstaatliche Regeln und Menschenrechte verankert sind.

Was tut Putin, um Russland demokratiefähig zu machen? Gibt es Demokratie für Russland nur ohne Putin?

Putin ist seit Beginn seiner Amtszeit damit beschäftigt, diese Strukturen zu schaffen und seitens der Regierung die institutionellen Voraussetzungen bereitzustellen. So etwas funktioniert ja nicht im luftleeren Raum. Westliche Beobachter sind in der Regel viel zu ungeduldig und erwarten, dass Russland mal eben auf Knopfdruck umschaltet. Die Richtung stimmt, die Geschwindigkeit auf diesem Weg war schon mal schneller. Aber das Tempo müssen schon diejenigen bestimmen, die fahren, und nicht die, die zugucken.

Putin will offenbar selbst Regierungschef werden, vielleicht mit einem schwachen Präsidenten über sich. Was ist sein persönlicher Antrieb? Hält er sich für unverzichtbar?

In Zeiten wie diesen, in denen die Strukturen noch nicht optimal einsatzfähig sind, kommt Personen eine besondere Bedeutung zu. Die Mehrheit der russischen Bevölkerung vertraut Putin und misstraut Einrichtungen wie dem Parlament. Putin erfüllt eine Funktion. Auch wenn der Vergleich aus vielen Gründen hinkt, haben sich Gorbatschow und Putin jeder auf seine Weise für ihr Land eingesetzt, ohne auf ihre eigene Person Rücksicht zu nehmen. Das kann man nicht von vielen Politikern sagen. Alle, die Putin tumbe Machtverliebtheit vorwerfen, sollten sich vor Augen führen, um welche Arbeit und welche Herkulesaufgabe es sich handelt. Traumjobs sehen anders aus.

Der Innenpolitik-Chef der "Süddeutschen Zeitung", Heribert Prantl, sagte einmal: "Die Meinungsfreiheit in Russland ist die Freiheit, Putin zu lieben." Wie beurteilen Sie die Meinungs- und Pressefreiheit?

Dieter Hildebrand hat einmal gesagt: "Wenn ich will, was ich muss, bin ich frei." Das gefällt mir besser, weil es den grundsätzlichen Mechanismus beschreibt und nicht schon wieder eine russische Besonderheit daraus macht. Es fällt mir ganz besonders schwer, diese Frage kurz und dennoch präzise zu beantworten, weil die Situation so vielfältig und widersprüchlich ist. Das fängt schon damit an, dass es sicherlich in den letzten Jahren unter Gorbatschow das höchste Maß an Pressefreiheit gab - beflügelt von einer beispiellosen Aufbruchsstimmung und getragen von hoch motivierten, ethisch denkenden Journalisten – obwohl die Gesetzeslage diesbezüglich katastrophal war.

Inwiefern katastrophal?

Damals existierte sogar noch die Zensurbehörde Glawlit, die vom Zentralkomitee der Kommunistischen Partei kontrolliert und erst 1991 aufgelöst wurde. Doch in der Praxis regierten die Ideen von Perestroika und Glasnost. Die gesellschaftliche Realität hatte den engen, gesetzlichen Rahmen längst gesprengt.

Wie entwickelte sich Situation nach dem Umbruch?

Unter Jelzin verkam die Pressefreiheit, die seit 1993 ausdrücklich in der russischen Verfassung steht, zur ungezügelten Schlammschlacht. Funktionierende Pressefreiheit sieht anders aus, denn Freiheit setzt die Anerkennung von Regeln voraus.

Und heute?

Es ist alles sehr widersprüchlich. Das Fernsehen hat in der Regel einen patriotischen Grundton, der Kritik - bis auf wenige Ausnahmen - nur sehr vorsichtig zum Ausdruck bringt. Allerdings findet man in den Zeitungen die gesamte Bandbreite von Meinungen, inklusive scharfer Kritik an der Regierungspolitik. Und ausgerechnet der kritischste Radiosender "Echo Moskwy" gehört Gasprom, dem entscheidenden Machtfaktor in Russland.

Was hat Russland Putin zu verdanken? Sozial? Gesellschaftlich? Wirtschaftlich?

Alles, beispielsweise steigenden Wohlstand. Auch wenn die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinandergeht – nennen Sie mir ein Land, wo das anders ist -, leben jetzt weit weniger Menschen unterhalb der Armutsgrenze als unter seinem Vorgänger. Russland verdankt Putin außerdem Anerkennung im Ausland als ernstzunehmende, politische Größe und nicht zuletzt auch Selbstwertgefühl.

Was sind die drei größten innenpolitischen Herausforderungen für ihn?

Putin muss sich erstens um die Sozialgesetzgebung kümmern. Wie auch bei uns müssen beispielsweise Rentenfragen geklärt werden. Zweitens muss er die Kontrolle über wertvolle Ressourcen behalten, ohne in Staatsdirigismus zu verfallen. Und drittens gilt es, der politischen Opposition einen Platz einräumen, ohne ferngesteuerten Querulanten ein Forum zu bieten. Hier steht er also vor der Aufgabe, nicht mehr und nicht weniger als eine parlamentarisch-demokratische Kultur zu installieren.

Wie groß ist der Einfluss der Oligarchen auf seine Politik?

Nach meinem Geschmack immer noch zu groß. Unter Jelzin entstanden, fuhrwerken sie noch immer zu sehr in der Politik herum. Außerdem verstehen es einige von ihnen sehr gut, auf der Klaviatur westlicher Denkweisen zu spielen, wenn sie unter dem Deckmantel, "unsere Werte" zu vertreten, lediglich ihre eigenen Interessen im Blick haben. Beresowskij ist doch nur deshalb so schlecht auf Putin zu sprechen, weil der ihm die Geschäfte versaut hat. Ansonsten darf man bitte nicht so tun, als sei in anderen Ländern der Einfluss von Wirtschaftsmagnaten sehr viel geringer. Da hat sich der Umgang miteinander und der Einfluss auf politische Entscheidungen nur besser eingespielt und ist nicht ganz so offensichtlich.

Wie verstehen Sie die aktuelle Aufrüstungsstrategie bzw. die Drohung, die KSE-Verträge zu kippen?

Als das, was es ist, nämlich eine Reaktion auf die vorhergehende amerikanische Politik. Man sollte nicht Ursache und Wirkung verwechseln. In der allgemeinen Aufregung empfiehlt sich ein Blick auf die Fakten. Die NATO-Staaten ihrerseits haben den KSE-Vertrag nie ratifiziert, im Wesentlichen auf Druck der USA. Dieser angeblich so wichtige Vertrag lässt völlig außer Acht, dass ehemalige Sowjetrepubliken mittlerweile der NATO angehören. Die ganze Zählerei von Waffen stimmt also nicht mehr. Und offenbar vergessen die meisten, dass es die USA waren, die 2002 mit der einseitigen Kündigung des ABM-Vertrages begannen, um freie Hand für ihre Raketenabwehrprogramme zu haben. Etwas mehr Gelassenheit wäre also angebracht.

Sie sind selbst Journalistin: Was denken Sie über den Tod von Anna Politkowskaja?


Denken kommt später. Ich fühle eine Mischung aus Trauer und Empörung. Als Mensch und als Journalist empört mich darüber hinaus die Vorverurteilung Putins unmittelbar danach. Anna Politkowskaja war ja noch nicht einmal beerdigt, als man ihm direkt oder indirekt einen Auftragsmord unterstellt hat. Kalter-Krieg-Szenarien mit Auftragsmorden durch sowjetische Geheimdienste lassen sich eben schnell aktivieren. Ob diejenigen, die das tun, mal darüber nachgedacht haben, wie die russische Bevölkerung dieses feindselige Verhalten findet?

Wo steht Russland in - sagen wir - 20 Jahren?

Keine Ahnung. Ich vermute, wenn man Russland seinen Weg gehen lässt – denn die dort lebenden Menschen müssen den gehen, nicht die komfortabel lebenden Zaungäste im Westen – dann stimmt die Richtung: Wohlstand und rechtsstaatliche Verlässlichkeit. Die Geschwindigkeit müssen die Menschen dort selbst bestimmen.

Wie sollten westliche Länder Russland auf diesem Weg begleiten?

Auch wenn mir viele Dinge in Russland ganz und gar nicht gefallen, weigere ich mich, in der angesagten Manier über ein Land und seine politische Führung herzufallen. Ich sehe Russland als ein Land, das mit allergrößten Mühen dabei ist, sich zu stabilisieren und seinen Bewohnern ein angstfreies und auskömmliches Leben zu ermöglichen. Ich würde mir wünschen, dass diejenigen, die besonders vollmundig urteilen, ab und zu die letzten 20 Jahre in der Geschichte Russlands Revue passieren lassen. Wer Gegenwärtiges verstehen will, der muss Vergangenes kennen. Dabei hat Verstehen nichts mit Akzeptieren zu tun, lediglich mit Begreifen. Das scheint mir die Grundvoraussetzung für Entscheidungen, Urteile und nicht zuletzt für ein friedliches Miteinander zu sein.

Mit Gabriele Krone-Schmalz sprach Jochen Müter

Das aktuelle Buch von Gabriele Krone-Schmalz: Was passiert in Russland? Herbig, 250 Seiten.

Quelle: n-tv.de