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Operation "Blaue Wüstenspringmaus" Frankreich zündete erste Atombombe

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Auch ein Atoll in Französisch-Polynesien war Testgebiet: Zwischen 1966 und 1996 zündete Frankreich auf Mururoa insgesamt 188 Atombomben.

ASSOCIATED PRESS

In der algerischen Sahara zündete Frankreich vor 50 Jahren zum ersten Mal eine Atombombe. Noch heute ist das Gebiet verstrahlt und die Bevölkerung leidet unter den Folgen.

Die Bombe befand sich an der Spitze eines hundert Meter hohen Turmes. Als die französische Armee sie am 13. Februar 1960 zündete, erleuchtete ein gigantischer Blitz den Himmel über der algerischen Sahara. Nach jahrelangen Vorbereitungen rückte die einstige Weltmacht Frankreich damit in den erlesenen Kreis der Atommächte um die USA, Großbritannien und die Sowjetunion auf.

Tausende Techniker und Soldaten hatten die Operation "Gerboise bleue" ("Blaue Wüstenspringmaus") vorbereitet. Direkt nach der Explosion vor 50 Jahren fuhren Trupps in das Explosionsgebiet, um Messgeräte zu bergen. Der Sand dort war geschmolzen und hatte sich in eine glasartige schwarze Schicht verwandelt. "Mir haben sie befohlen, die französische Flagge im Explosionskrater aufzustellen", erinnert sich der heute 71 Jahre alte Gérard Dellac. Zum Schutz trug er damals eine Gasmaske und eine Baumwollmontur mit Klettverschluss.

Frankreich wollte Gegner einen Arm ausreißen

Vier Jahre nach dem Test stand Frankreichs Nuklearstreitmacht, die "force de frappe". Ihr Ziel war nicht die Fähigkeit zur "vollständigen Vernichtung" eines Gegners, denn Frankreich sah sich außer Stande, in den Rüstungswettlauf der USA und der Sowjetunion einzutreten. "Frankreich reicht es aus, in der Lage zu sein, seinem Angreifer einen Arm auszureißen", hatte der Weltkriegsgeneral und spätere Staatschef Charles de Gaulle bereits 1956 gesagt. Nach der dann geltenden französischen Abschreckungsstrategie sollte Paris zumindest die Möglichkeit haben, einem Angreifer einen "nicht hinnehmbaren Schaden" zuzufügen.

Bis heute habe es bei dieser Doktrin zwar "Anpassungen" gegeben, sie sei aber nicht grundlegend verändert worden, sagt Bruno Tertrais von der Pariser Stiftung für strategische Forschung (FRS). Eher überraschend kamen 2006 Äußerungen des damaligen Staatschefs Jacques Chirac, der auch "Staatslenkern, die auf terroristische Mittel gegen uns zurückgreifen", mit der Bombe drohte - etwa wenn die "strategische Versorgung" Frankreichs gefährdet werde.

Atomstreitmacht als "Lebensversicherung"

Chiracs Nachfolger Nicolas Sarkozy hat dies 2008 wieder zurückgenommen und sich auf die traditionelle Linie bezogen, wonach es Aufgabe der Atomstreitmacht bleibe, Frankreich vor Angriffen durch andere Staaten auf das französische Staatsgebiet zu schützen. Die Atomstreitmacht bleibe die "Lebensversicherung" des Landes. Sie besteht heute nach Schätzungen aus 200 bis 300 Sprengköpfen, die von U-Booten und Flugzeugen aus abgeschossen werden können.

Für die Entwicklung ihres Atomarsenals zündeten die Franzosen bis Mitte der 90er Jahre insgesamt 210 Versuchsbomben - anfangs weiter in der Sahara, ab 1966 dann auf Inseln im Südpazifik. Tests für eine neue Sprengkopf-Generation, die in ungefähr 20 Jahren benötigt wird, werden heute ausschließlich in einem Supercomputer simuliert.

Algerisches Gebiet ist verstrahlt

Lange ließ sich Frankreich mit der Entschädigung der Opfer seiner Atomversuche Zeit, an denen insgesamt 150.000 Militärangehörige und zivile Angestellte beteiligt waren - ganz abgesehen von der in den Testgebieten lebenden Zivilbevölkerung. Zahlen darüber, wie viele Menschen an Krebs und anderen Strahlungsfolgen gestorben sind, gibt es nicht. Erst seit diesem Jahr können Überlebende überhaupt Entschädigungsanträge einreichen, zehn Millionen Euro wurden dafür 2010 bereit gestellt.

Das Gebiet um die Explosionsstelle des ersten französischen Atomtests in Algerien ist derweil noch heute im Umkreis von dutzenden Kilometern abgesperrt. Frankreich habe nichts unternommen, um die verstrahlte Umgebung zu reinigen, sagt Mohammed Bendjebbar von der algerischen Opferorganisation AAVEN. Die Bevölkerung in der Umgebung leide bis heute unter den Folgen: Es gebe Fälle von Krebs und Missbildungen bei Neugeborenen. Ein französisch-algerisches Expertenteam soll jetzt ein Gutachten erstellen, auf dessen Basis Paris über mögliche Hilfe entscheiden will.

Quelle: n-tv.de, Martin Trauth, AFP