Dossier

Saddam-Urteil Gespaltenes Echo in Nahost

Das Todesurteil für den früheren irakischen Machthaber Saddam Hussein hätte im Nahen Osten kaum ein gespalteneres Echo auslösen können: Genugtuung bei den ehemaligen Kriegsgegnern Kuwait und Iran, Bedauern bei den palästinensischen Freunden und Verstimmung in Syrien oder Ägypten, wo von einem Schauprozess die Rede ist.

Dass die Menschen in Kuwait Saddam für seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit gehängt sehen wollen, kommt wenig überraschend. Das Land musste 1990/91 eine siebenmonatige Besetzung durch den Irak ertragen. Saddam verdiene die Todesstrafe nicht nur für das, was er seinem eigenen Volk angetan habe, sagt etwa der politische Analyst und frühere Öl-Minister Ali al-Baghli. Auch für das Leid, das er über die Nachbarn gebracht habe, müsse er bestraft werden.

Ähnliche Töne kommen aus dem Iran - das Land sah sich 1980 bis 1988 in einen Krieg mit dem Irak unter Saddam verwickelt. Abgesehen von dem Massaker an 148 Schiiten im Ort Dudschail 1982 müsse sich der frühere Machthaber irgendwann hoffentlich auch noch wegen jener Verbrechen verantworten, die während des Iran-Irak-Krieges verübt worden seien, hieß es. Überhaupt sei der Strick noch viel zu harmlos für einen Mann wie Saddam, meint etwa der 38-jährige Ali Farhudi, ein Veteran des Krieges - und spricht damit aus, was viele Iraner denken. Das Außenministerium in Teheran begrüßt das Todesurteil für Saddam zwar. Allerdings dürfe nicht vergessen werden, dass dessen westliche Unterstützer den Weg für die Verbrechen mit geebnet hätten, sagt ein Sprecher.

Unter den Palästinensern macht sich dagegen weitgehend Mitgefühl für Saddam breit. Viele Menschen im Gazastreifen und im Westjordanland bewundern den gestürzten Machthaber noch immer dafür, den USA die Stirn geboten und Israel 1991 mit Raketen beschossen zu haben. Zudem unterstützte Saddam jahrelang Familien von palästinensischen Selbstmordattentätern. Abo Kifah Alkawasmeh, ein 56-jähriger Klinikmanager in Hebron, sprach nach dem Todesurteil von einem "schwarzen Tag" für die Araber. "Saddam Hussein ist ein Symbol der arabischen Würde und ein echter Anführer gegen die Feinde der Araber im Nahen Osten." Ein Sprecher der regierenden radikal-islamischen Hamas bezeichnet das Urteil als politisch motiviert.

Mit dieser Ansicht steht die Gruppe nicht alleine da. "Jeder Prozess, der unter Besetzung abgehalten wird, ist illegitim", antwortet der syrische Informationsminister Muhsin Bilal Journalisten in Damaskus auf die Frage nach der Haltung seines Landes zu dem Urteil. "Wir hätten gefeiert, wenn das Urteil gelautet hätte: Hängt alle amerikanischen Soldaten im Irak", betont der jemenitische Student Jusef Melfi. Mustafa al-Sajjid, Politikwissenschaftler an der Universität Kairo, spricht gar von "Siegerjustiz". "Das Recht, auf dessen Basis der Prozess abgehalten wurde, war kein irakisches, sondern ein ausländisches - auferlegt von den Besatzern." Und der 51-jährige ägyptische Straßenverkäufer Magdi Mohammed Ahmed ist sich sicher: Saddam wird für seine Nation als "Märtyrer" sterben.

(Alistair Lyon, Reuters)

Quelle: n-tv.de