Dossier

Litauens "Eiserne Lady" Grybauskaite erringt Wahlsieg

Sie redet frei von der Leber weg, und wenn ihr etwas nicht passt, dann haut sie auch mal auf den Tisch: Die neue litauische Präsidentin Dalia Grybauskaite, bislang EU-Haushaltskommissarin, hat schon vor ihrem triumphalen Wahlsieg in ihrer Heimat den Ruf einer Eisernen Lady genossen - ihre Vergangenheit als karategestählte Sportlerin tut ein Übriges. Vergangenes Jahr hielt Grybauskaite der damaligen Regierung in Vilnius vor, "in Zeiten der Cholera ein Festgelage" abzuhalten, anstatt die Inflation zu bekämpfen. Vor der Wahl versprach die derzeitige EU-Kommissarin ihren Landsleuten, im höchsten Staatsamt gründlich mit den Missständen in Litauens Politik und Wirtschaftsleben aufzuräumen.

"Ich bin sehr direkt, manchmal vielleicht zu direkt", sagt Grybauskaite. "Ich sage, was ich denke - und das gefällt nicht jedem." Mit Grybauskaite, der ersten Frau im Präsidentenamt, dürfte ein völlig neuer Stil in den Präsidentenpalast einziehen. "Sie tritt mit einer klaren Botschaft für den Wandel an", sagt der konservative Regierungschef Andrius Kubilius, der die Kandidatur der 53-Jährigen unterstützte.

Vor Ort etwas tun

Grybauskaite, eine Leseratte, die Englisch, Russisch, Polnisch und Französisch spricht, blickt auf eine steile Karriere zurück: An der Universität Leningrad studierte sie zu Sowjet-Zeiten politische Ökonomie, nebenher arbeitete sie in einer Pelzfabrik. Später unterrichtete die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin an einer Hochschule der Kommunistischen Partei in Vilnius. Nach der Unabhängigkeit ihres Landes wurde sie nach Brüssel, später an die litauische Botschaft in den USA gesandt. Es folgten Stationen als Vize-Finanzministerin und Vize-Außenministerin, bevor sie 2001 zur Finanzministerin ernannt wurde. Als Litauen der Europäischen Union beigetreten war, wurde Grybauskaite die erste EU-Kommissarin ihres Landes.

Sie hat das Amt der EU-Kommissarin für Haushalt und Finanzplanung seit 2004 inne - und bekam dafür gute Noten. 2005 wurde sie sogar zur Kommissarin des Jahres ausgerufen. Zuletzt aber wollte sie in Brüssel nicht mehr bleiben: Im Februar gab sie ihre Kandidatur als Staatschefin bekannt, weil "ich wegen meines Gewissens als Bürgerin nicht mehr in Brüssel bleiben kann". Zu groß sind ihrer Ansicht nach die Probleme der Menschen in Litauen - die sich im Winter mit wütenden Protesten vor dem Parlament Luft machten. "Ich habe von Brüssel aus getan, was ich konnte, kritisiert und kommentiert, aber das war nicht effizient genug", sagt Grybauskaite. Es sei einer der Hauptbeweggründe für ihre Kandidatur gewesen, dass sie vor Ort einfach mehr für Litauen tun könne.

Gandhi zum Vorbild

Vor allem die wirtschaftlichen Probleme machen den gut 3,3 Millionen Litauern Sorge. In den ersten drei Monaten dieses Jahres stürzte das Bruttoinlandsprodukt nach vorläufigen Angaben um mehr als zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ab. Und inzwischen hat die EU-Kommission ein Defizitverfahren gegen Litauen auf den Weg gebracht, weil die Neuverschuldung im vergangenen Jahr die zulässige Höchstmarke überstieg.

Über Grybauskaites Privatleben drang nicht viel an die Öffentlichkeit. Sie ist ledig und hat keine Kinder. Als eines ihrer Vorbilder nennt die neue litauische Präsidentin den Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, Mahatma Gandhi, - wegen seines selbstlosen Einsatzes für andere. Aber sie sieht sich auch in der Tradition der britischen Premierministerin Margaret Thatcher, die wegen ihres resoluten Auftretens als "Eiserne Lady" in die Geschichte einging.

Quelle: ntv.de, Marielle Vitureau, AFP