Dossier

Querdenker und Schlichter Heiner Geißler wird 80

CDU und Attac - passt das zusammen? Geißler beweist, dass es geht. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und prangert Ungerechtigkeiten an. Das soll sich auch in Zukunft nicht ändern.

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Geißler will sich auch weiterhin in aktuellen Fragen zu Wort melden.

(Foto: dpa)

Heiner Geißler gilt als prominentester Querdenker der CDU. Der frühere CDU-Generalsekretär gehört heute der globalisierungskritischen Organisation Attac an. Scharfzüngig setzt er sich für ein gerechteres Wirtschaftssystem ein. Er ist weiterhin CDU-Mitglied, hat aber auch viele Anhänger in linken Kreisen. Aufsehen hat jüngst sein Vergleich von FDP-Chef Guido Westerwelle mit einem Esel erregt. Auch als Schlichter in Tarifkonflikten etwa am Bau oder bei der Bahn hat sich Geißler einen Namen gemacht. Am 3. März wird er 80 Jahre alt - genau einen Monat vor seinem langjährigen Weggefährten und späteren Widersacher Helmut Kohl.

"Ich nehme weiterhin Stellung zu wichtigen politischen Fragen", sagt der Politiker. Geißler hält Vorträge, meldet sich in den Medien zu Wort, ist häufiger Gast in Talkshows und schreibt Bücher. Derzeit arbeitet er an einer Geschichte der Sozialstationen für ambulante Kranken- und Altenpflege. "Die habe ich einmal als Minister in Rheinland-Pfalz ins Leben gerufen." Geißler Wunsch für die eigene Zukunft? "Ich will fit bleiben, um weiter in den Bergen klettern zu können." Für den Sommerurlaub in den Bergen trainiert er wieder "in einem der schönsten Kletterparadiese Deutschlands", dem Dahner Felsenland vor seiner Haustür im südpfälzischen Gleisweiler.

Geißler attackiert scharf

Der promovierte Jurist mit den markanten Gesichtszügen war vorübergehend Mitglied des Jesuitenordens, dann Amtsrichter und Sozialminister in Rheinland-Pfalz unter den Ministerpräsidenten Peter Altmeier und Kohl (beide CDU). 1977 wurde Geißler CDU-Generalsekretär. Der passionierte Gleitschirmflieger, der 1992 einen Absturz schwer verletzt überlebte, attackierte SPD und Grüne scharf. In der Nachrüstungsdebatte erregte er Aufsehen mit der Aussage, "ohne den Pazifismus der 30er Jahre wäre Auschwitz nicht möglich gewesen".

Nach Kohls Wahlsieg 1982 wird Geißler Bundesfamilienminister. Der Sozialexperte arbeitet an einem neuen Image der CDU als moderne Programmpartei. Die fast gleichaltrigen Geißler und Kohl sind beide Machtmenschen, mehr und mehr kommt es zu Spannungen. Beim Bremer Parteitag 1989 muss der Verfechter eines klaren "Kurses der Mitte" sein Amt des Generalsekretärs abgeben. Geißler nennt den "Personenkult" um Kohl ein "Erzübel" der Partei. Bis 1998 ist er Fraktionsvize im Bundestag, von 1994 an Mitglied im CDU-Bundesvorstand. 2002 zieht er sich aus dem politischen Tagesgeschäft zurück.

"Es gibt Geld wie Heu auf der Welt ..."

Seit langem treibt Geißler die sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich um. "Wir brauchen eine neue Einheit der Wirtschafts- und Sozialpolitik." Sonst führe die "totale Ökonomisierung" der Gesellschaft zu einer "völligen Umkehrung der Werte". Zu wenig Geld für Soziales? Unsinn, meint das Attac-Mitglied: "Es gibt Geld wie Heu auf der Welt, es ist nur falsch verteilt." Helfen könne eine Börsenumsatzsteuer. Immerhin würden jeden Tag zwei Billionen Euro an den Börsen bewegt.

Zu seinem Vergleich von FDP-Chef Westerwelle mit einem Esel nach dessen Äußerungen über "spätrömische Dekadenz" im deutschen Sozialstaat meint Geißler: "Caligula hat in Wirklichkeit ein Pferd ernannt, das wusste ich schon, aber ein Esel hat besser gepasst und gehört ja auch zur Gattung der Pferde." Zur Sache meint Geißler: "Westerwelles Äußerung ist unerträglich. Nur zwei bis drei Prozent der Hartz-IV-Empfänger beziehen missbräuchlich Leistungen. Man kann nicht 97 Prozent dermaßen demütigen, das stört das soziale Klima einer zivilen Gesellschaft."

Jesuitenschüler bezieht Stellung

Auch im Skandal um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche bezog der Jesuitenschüler klar Stellung. Diese müsse die Pflicht zum Zölibat für ihre Priester aufheben, wenn sie nicht die Verbindung zu den Menschen verlieren wolle. "Dieser Zwang entspringt einer falschen Auffassung über den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit."

Seinen Geburtstag feiert der Vater von drei Söhnen und Großvater von fünf Enkeln am 2. März mit einem Symposium in Berlin: Geißler diskutiert mit dem Philosophen Peter Sloterdijk über die "Grundlagen der humanen Gesellschaft". Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hält eine Rede. Am 6. März folgt dann ein Schlachtfest für 400 Freunde und Bekannte im südpfälzischen Pleisweiler-Oberhofen.

Quelle: n-tv.de, Jens Albes, dpa

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