Dossier

Von "spätrömischer Dekadenz" bis Caligula Historische Vergleiche hinken oft

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Kaiser Caligula regierte von 37 bis 41 - rund ein halbes Jahrtausend vor dem Ende des römischen Reiches.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Vergleiche mit dem alten Rom werden in der deutschen Politik derzeit reichlich bemüht. Dabei ist nicht nur Westerwelles "spätrömische Dekadenz" historisch schief.

Außenminister Guido Westerwelles Vergleich von Hartz-IV-Empfängern mit "spätrömischen Dekadenz" hat bei Politikern der Opposition, aber auch in der Union für Empörung gesorgt. Manchen Kritiker des FDP-Vorsitzenden bemühten ihrerseits Vergleiche mit dem alten Rom. Doch die sind historisch ebenso schief wie jener des Außenministers.

Der ehemalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler verwies darauf, die spätrömische Dekadenz habe darin bestanden, "dass die Reichen nach ihren Fressgelagen sich in Eselsmilch gebadet haben und der Kaiser Caligula einen Esel zum Konsul ernannt hat." Insofern stimme Westerwelles Vergleich, weil vor 100 Tagen "ein Esel Bundesaußenminister geworden" sei. Geißlers historischer Vergleich geht indes daneben. Caligula regierte in Rom von 37 bis 41 und damit rund ein halbes Jahrtausend vor dem Ende des römischen Reiches. Zudem war es nicht ein Esel sondern sein Lieblingspferd Incitatus, das der Pferdesportler zum Konsul machen wollte, um damit die Politiker zu verhöhnen.

Dekadent waren eher die Politiker

Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel Vorwurf, Westerwelle zündele wie "Kaiser Nero" am Staat, ist nicht von fundierter historischer Kenntnis geprägt. Nero war von 54 bis 68 römischer Kaiser und soll der Legende nach im Wahn eigenhändig Rom angezündet haben. Doch bei dem historischen Brand von Rom im Jahr 64 war Nero nachweislich in seinem Sommersitz 50 Kilometer von Rom entfernt. Der beim Volk damals beliebte Kaiser reiste dann nach Rom zurück, öffnete seine Gebäude für Obdachlose und senkte den Getreidepreis für die Bevölkerung.

Westerwelle hatte nach dem Hartz-IV-Urteil des Bundesverfassungsgerichts gesagt: "Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein." Eine "spätrömischer Dekadenz" in dieser Form existierte ebenfalls nicht. Das spätrömische Reich zeichnet sich eher durch eine wachsende Bürokratie und steigenden Steuerdruck auf das Volk aus. Im Jahr 400 zählte etwa die Reichsadministratur mit 30.000 Beamten drei- bis vier Mal so viele Mitarbeiter wie in den Jahrhunderten zuvor. Dekadent war eher die Gier mancher "Politiker". So strich der im Jahr 534 von Kaiser Justinian eingesetzte Präfekt von Afrika ein Viertel des gesamten Jahresetats für sich selbst ein und kassierte damit knapp doppelt so viel wie seine 396 Mitarbeiter zusammen.

Quelle: ntv.de, AFP

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