Dossier

Das lange Sterben von Shiavo In Deutschland undenkbar

Der Fall der verstorbenen amerikanischen Wachkoma-Patientin Terri Schiavo hat auch in Deutschland Emotionen ausgelöst und die Debatte über beabsichtigte juristische Neuregelungen wieder aufleben lassen. Vorweg: Das lange Sterben der Frau wäre so in Deutschland kaum denkbar.

Laut Gesetz kann in Deutschland die Ernährung eines Wachkoma-Patienten nur abgebrochen werden, wenn die Krankheit einen irreversiblen tödlichen Verlauf genommen hat. Dies ist nach Überzeugung der Medizin bei Koma-Patienten nicht der Fall. Terri Schiavo hat 15 Jahre bis zur Entscheidung, die künstliche Ernährung über eine Magensonde einzustellen, gelebt.

Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) hatte einen - inzwischen wieder zurückgezogenen -Gesetzentwurf vorgelegt, der einen Behandlungsabbruch auch bei nicht irreversiblen tödlich verlaufenden Erkrankungen zumindest theoretisch möglich gemacht hätte. Betroffen gewesen wären auch Demenz-Patienten. Dies hätte die Rechtslage in Deutschland gravierend verändert.

Der Deutsche Anwaltverein argumentiert: "Wenn keine Patientenverfügung zum Abbruch der Versorgung vorliegt, hätte ein Arzt keine Chance, Maßnahmen zu ergreifen. Die lebenserhaltenden Maßnahmen müssten fortgesetzt werden." Der Chef des Klinikärzteverbands Marburger Bund, Ulrich Montgomery, ergänzt: Es sei unvorstellbar, dass man hier eine Wachkoma-Patientin durch Entzug der Magensonde verhungern lasse.

In Deutschland dürfte auch ein vom Vormundschaftsgericht bestellter Betreuer, selbst wenn es der Ehemann wäre, nicht die Anweisung zum Entfernen der Magensonde geben. Denn seine Vollmacht würde sich nach gültiger Juristenmeinung von vornherein nicht auf den Bereich "der Selbstbestimmung des Patienten" erstrecken.

Allerdings hat der Bundesgerichtshof (BGH) 2003 die Reichweite der Verfügungen auf Fälle eingeschränkt, "in denen das Grundleiden einen irreversiblen und tödlichen Verlauf genommen hat". Selbst wenn ein Mensch in einer Verfügung für den Wachkoma-Fall den Abbruch der Ernährung angeordnet hat, dürften die Ärzte dem nicht ohne weiteres folgen. Die Union will in jedem Fall ein mündliches Widerspruchsrecht durchsetzen.

In der Patientenverfügung kann ein Mensch schriftlich festlegen, ob und wie er in bestimmten Situationen medizinisch behandelt werden möchte. In der Verfügung kann der Patient auch Wünsche zur Sterbebegleitung äußern. Er kann -so er unheilbar krank ist -ganz auf eine Behandlung verzichten. Möglich ist, schmerzstillende Mittel zu verabreichen, selbst wenn sie einen früheren Tod bewirken.

Nach der Rücknahme des Zypries-Entwurfs soll - möglichst parteiübergreifend - nun eine neue Initiative aus der Mitte des Bundestags kommen.


Quelle: n-tv.de