Dossier

Blutiges Mittelmeer-Drama Israel droht ein Nachspiel

Mit der blutigen Erstürmung einer Hilfsflotte für den Gazastreifen sorgt Israel weltweit für heftige Empörung. Und die israelische Bevölkerung? Die reagiert großenteils mit Trotz.

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Weltweit protestieren Menschen gegen den Angriff auf eine pro-palästinensische Flottille mit Hilfsgütern für den Gazastreifen.

(Foto: dpa)

Israel steht nach dem tödlichen Angriff auf die internationale Gaza-"Solidaritätsflotte" vor einem diplomatischen Scherbenhaufen. Angesichts der Woge einhelliger weltweiter Verurteilungen sieht sich der jüdische Staat wieder einmal in der Defensive und in der Rolle des Pariah-Staates. "Es ist eine absolute Katastrophe für Israe", sagte Avi Primor, ehemaliger Botschafter in Deutschland. Die im blockierten Gazastreifen herrschende Hamas profitiere hingegen von dem Fiasko auf hoher See. "Sie stehen nun als stolze Verteidiger gegen den israelischen Feind da."

Israel ist nun mit einem diplomatischen Nachbeben konfrontiert, mit möglicherweise weitreichenden politischen Konsequenzen. Die Tatsache, dass noch zwei weitere Hilfsschiffe unterwegs nach Gaza sind, nährt die Sorge vor einer weiteren gefährlichen Konfrontation in den kommenden Tagen. Für politischen Zündstoff sorgt auch die Inhaftierung von mehr als 600 der insgesamt 700 pro-palästinensischen Aktivisten in einem Gefängnis in der Negev-Wüste - eine in dieser Dimension nie dagewesene Aktion.

Prominente Häftlinge

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Muslimische Studenten demonstrieren in Jarkarta, Indonesien.

(Foto: AP)

Unter den Häftlingen ist auch der in Deutschland sehr beliebte schwedische Krimi-Autor Henning Mankell. Binnen 72 Stunden soll entschieden werden, ob die Ausländer angeklagt oder abgeschoben werden. Sobald die Aktivisten öffentlich ihre Version der Vorfälle schildern können, ist mit einer neuen Welle der Verurteilungen aus aller Welt zu rechnen.

In israelischen Medien war das Echo auf den folgenschweren Vorfall am Dienstag geteilt: Einige Kommentatoren beschrieben die Stürmung der sechs Schiffe, die die Gaza-Blockade trotz israelischer Warnungen durchbrechen wollten, als rechtmäßig. Andere verurteilten den Einsatz - noch dazu in internationalen Gewässern - als kurzsichtige militärische und politische Torheit. In Anbetracht der katastrophalen diplomatischen Auswirkungen gab es auch Forderungen an den israelischen Verteidigungsminister Ehud Barak, zurückzutreten. "Kein Besen ist breit genug, um diesen Misserfolg unter den Teppich zu kehren", meinte ein Kommentator der Zeitung "Jediot Achronot".

Unerwartete Gegenwehr

Das Mitleid für die pro-palästinensischen Aktivisten auf der türkischen "Mavi Marmara", von denen mindestens neun getötet wurden, hält sich allerdings in Grenzen. Die meisten Israelis sehen sie als Provokateure und Helfershelfer der radikal-islamischen Hamas, die selbst Schuld an dem Blutvergießen tragen. "Warum hat Israel diesen Schlägertypen genau das gegeben, was sie wollten?", fragte ein Kommentator am Dienstag.

Erwartet hatte die Armee - wie in früheren Fällen - ein bisschen "Schubsen und Drängeln" vonseiten der internationalen Aktivisten, bevor sie sich ergeben. Auf fünf der sechs Schiffe lief die Übernahme auch mehr oder weniger friedlich ab. Auf der türkischen "Mavi Marmara" hatten es die Soldaten jedoch mit einem ganz anderen Kaliber zu tun: Mit Knüppeln und Stühlen schlugen die Aktivisten jeweils in kleinen Gruppen wütend auf Elitekämpfer ein, die sich aus Hubschraubern auf das Deck abseilten. Bilder der israelischen Armee zeigen auch, wie einer der Soldaten kopfüber von einem Oberdeck auf ein mehrere Meter tiefer liegendes Deck geworfen wird.

Wagenburgmentalität in Israel

In Israel entsteht der Eindruck, dass die Soldaten völlig unzureichend vorbereitet und ausgerüstet in eine sehr komplexe Kampfsituation geschickt wurden. "Die Falle", titelte die auflagenstärkste israelische Zeitung "Jediot Achronot" am Dienstag in fetten roten Lettern. "Sie haben uns mit Spielzeugwaffen in den Krieg geschickt", beklagte ein Soldat. Er habe anfangs versucht, sich die Angreifer mit einem Paintball-Gewehr vom Leib zu halten. Erst in Todesgefahr habe er mit seiner Handfeuerwaffe, die er für Notfälle auf den Rücken geschnallt hatte, auf die Aktivisten geschossen. Diese Darstellung Israels wird jedoch von der Organisation Free Gaza bestritten. "Dies sind Zivilisten", sagte Bomse. "Stühle und Schlagstöcke sind nichts im Vergleich zu Gewehren."

Wie häufig bei internationaler Kritik am Vorgehen ihres Staates reagieren viele Israelis, die sich während des jahrelangen Konflikts in der Region eine Wagenburgmentalität angewöhnt haben, mit Trotz. "Die Türken wollen keine Beziehungen mehr mit uns? Sollen sie zur Hölle fahren", meint die 55-jährige Chana Kaduri aus Tel Aviv entrüstet. "Sie sollten einmal versuchen, hier zu leben, dann wüssten sie, wie es sich anfühlt", meint sie, und sagt dann mit einer wegwerfenden Handbewegung: "Es sind doch sowieso alle automatisch gegen uns."

Quelle: ntv.de, Sara Lemel, dpa