Dossier

War Pius "Hitlers Papst"? Juden wollen Archiv-Einsicht

Beim Besuch von Papst Benedikt XVI. in der Kölner Synagoge kam auch ein wunder Punkt in den Beziehungen zwischen dem Vatikan und den Juden zur Sprache - die vatikanischen Archive. Das Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde, Abraham Lehrer, forderte den Papst am Freitag auf, die vatikanischen Archive in Bezug auf die Geschehnisse während des Zweiten Weltkrieges und des Holocausts zu öffnen. "Sie als Oberhaupt der katholischen Kirche tragen eine spezielle Verantwortung auch gegenüber uns Juden", sagte Lehrer.

Jüdische Gruppen gehen davon aus, dass die Akten in den Archiven zeigen, wie viel Papst Pius XII. über den Massenmord der Nazis an den Juden wusste. Sie beschuldigen Pius, zum Holocaust geschwiegen zu haben. Kritiker nennen Pius "Hitlers Papst ". Der Vatikan dagegen erklärt, Pius habe im Verborgenen gegen die Nazis gearbeitet, um Juden zu retten, und den NS-Staat aus Angst vor Vergeltungsaktionen in ganz Europa nicht öffentlich kritisiert.

Lehrer sagte, Benedikt sei zu einer schlimmen Zeit in Deutschland aufgewachsen. "Wir sehen in Ihnen heute nicht nur das Oberhaupt aller Katholiken, sondern auch den gebürtigen Deutschen, der sich seiner geschichtlichen Verantwortung stellt", fügte er hinzu. Als Präfekt der Glaubenskongregation habe Benedikt selbst 1998 die Unterlagen der Nachfolgebehörde der Inquisition der Allgemeinheit zugänglich gemacht.

"Für uns wäre ein vollständiges Öffnen des vatikanstaatlichen Archivs über den Zeitraum des Zweiten Weltkriegs 60 Jahre nach dem Ende der Shoah ein weiterer Hinweis für geschichtsbewusstes Agieren - auch, um Kritiker auf allen Seiten zufrieden zu stellen", betonte Lehrer. Benedikt reagierte später jedoch nicht auf Lehrers Aufforderung.

Kommission durfte nicht alle Akten sehen

Der Vatikan hat seine diplomatischen Archive bis zum Jahr 1939 geöffnet, dem Jahr der Wahl von Pius zum Papst. Die Akten über die Kriegszeit dagegen sollen noch mindestens bis 2009 unter Verschluss bleiben. Pius' Rolle während des Krieges ist eines der umstrittensten Themen zwischen Katholiken und Juden, seit sie 1965 ihren Aussöhnungsprozess begannen. 1999 setzten der Vatikan und jüdische Gruppen eine gemischte Historiker-Kommission ein, die die vatikanischen Archive studieren und den Streit beenden sollte. Die Kommission löste sich jedoch bereits im Jahr darauf auf, weil der Vatikan ihr nicht den vollen Zugriff auf die Akten gestattete.

Nach Angaben von Historikern zeigen die bisher zugänglichen Akten, dass der Vatikan bereits wenige Wochen nach Adolf Hitlers Machtübernahme detaillierte Berichte über dessen antisemitische Politik erhielt. Bisher wurden allerdings lediglich Briefe an den Vatikan und Telegramme der vatikanischen Botschaften in Berlin und München freigegeben. Informationen aus anderen Quellen, etwa Telegramme der vatikanischen Diplomaten in Frankreich oder Polen, sind bisher nicht zugänglich.

Bitte um Eingreifen des Papstes

Um zu beweisen, dass Pius kein Antisemit war, hatte der Vatikan vor zwei Jahren sein Deutschland-Archiv über die Zeit von 1922 bis 1939 geöffnet. Die 640 Akten lieferten jedoch Kritikern ebenso wie Befürwortern Pius' Material. Unter den Dokumenten fand sich unter anderem eine Bitte Edith Steins um eine Intervention des Papstes gegen die Nazis aus dem Jahr 1933. Die Jüdin Stein war zum Katholizismus konvertiert und starb später in einem Konzentrationslager. Sie schrieb, der Vatikan könne nicht schweigen zum Antisemitismus der Nazis: "Alle von uns, die die derzeitige Lage in Deutschland sehen, (...) befürchten das Schlimmste für das Ansehen der Kirche weltweit, wenn dieses Schweigen weiter anhält."

Tom Heneghan, Reuters

Quelle: n-tv.de