Dossier

Mutiger Beck-Vorstoß Konferenz mit Taliban?

Kurt Beck hat sich mit seinem mutigen Vorstoß weiter vorgewagt als andere westliche Spitzenpolitiker bislang: Bei seinem am Montag beendeten Kabul-Besuch sprach der SPD-Chef von einer möglichen neuen Friedenskonferenz für Afghanistan, vielleicht unter Teilnahme moderater Taliban.

Gastgeber könnte nach Becks Vorstellung wieder Deutschland sein. Auf dem Petersberg bei Bonn wurden schon Ende 2001 die Weichen für die Zukunft Afghanistans gestellt. Der damals eingeschlagene Weg hat aber bis heute nicht zum Erfolg geführt - weswegen immer lauter darüber nachgedacht wird, die bislang bekämpften Taliban nun doch einzubinden.

Experten werten es als Fehler, moderate Kräfte unter den heute wieder erstarkten Taliban auf dem Petersberg und bei den Folgekonferenzen ausgegrenzt zu haben. Inzwischen sind in Afghanistan fast 50.000 ausländische Soldaten stationiert, mehr als je zuvor. Trotz des wachsenden internationalen Engagements - am Montag starteten in Jagel deutsche Tornado-Flugzeuge zu ihrem umstrittenen Aufklärungseinsatz am Hindukusch - nimmt die Gewalt in Afghanistan kein Ende.

Ganze Distrikte erobern die Rebellen vorübergehend, einen - Musa Kala - haben sie seit zwei Monaten unter ihrer Kontrolle. Dort gelten die archaischen Regeln der Gotteskrieger. Erst am Sonntag hängten die Taliban in Musa Kala drei Afghanen in aller Öffentlichkeit, denen sie "Spionage" vorwarfen. Besonders unter der paschtunischen Bevölkerungsmehrheit, die im Süden und Osten Afghanistans lebt, unter Militäroperationen internationaler Truppen leidet und bei der Wiederaufbauhilfe vernachlässigt wurde, genießen die Rebellen wieder Sympathien. Verhandlungen mit gemäßigten Taliban erscheinen Experten als vielleicht letzter Ausweg aus der verfahrenen Lage.

Bisherige Versuche der afghanischen Regierung, mit moderaten Rebellen zu reden, seien halbherzig gewesen, sagt ein paschtunischer Professor im pakistanischen Peschawar nahe der Grenze zu Afghanistan. Ernste Verhandlungen könnten die Taliban dagegen spalten. Der Wissenschaftler fordert, mit allen zu sprechen, die bereit dazu sind. Der Rest - die Hardliner um Taliban-Führer Mullah Omar, der Gespräche ablehnt - müsse dann bekämpft und "vernichtet" werden.

"Bankrotterklärung"

Auch ein deutscher Afghanistan-Kenner, der anonym bleiben will, sagt: "Man kann Afghanistan ohne die Beteiligung extrem konservativer Kräfte nicht befrieden. Die gehören nun mal dazu." Nicht jeder Taliban sei ein Verbrecher. Die Geisteshaltung der Taliban möge dem Westen, nicht aber den Paschtunen fremd sein. "Wir werden nicht darum herumkommen, irgendwann auch mit diesen Kräften zu reden." Verhandlungen kämen zwar einer "Bankrotterklärung" der Internationalen Gemeinschaft gleich. Diese habe aber eben in den vergangenen fünf Jahren auch "extrem viele Fehler" gemacht.

Sollte es tatsächlich zu einer neuen Petersberg-Konferenz kommen und moderate Taliban schließlich an der Macht in Kabul beteiligt werden, "wäre die Regierung deutlich fundamentalistischer", sagt der deutsche Experte. "Sie würde aber möglicherweise auch die Mehrheit der Afghanen besser widerspiegeln, was sie jetzt nicht tut." Auch ein westlicher Diplomat in der Region stellt das bisher von der Internationalen Gemeinschaft verfolgte Konzept in Frage. Wer habe eigentlich das Mandat dazu erteilt, so der Diplomat, in Afghanistan einen säkularen demokratischen Staat nach westlichem Vorbild zu schaffen - entgegen den Traditionen des Landes.

(Can Merey, dpa)

Quelle: ntv.de

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