Dossier

Strahlenexperte im Interview Krebs bei Passagieren möglich

Bei den Ermittlungen zum Gifttod des Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko sind in zwei Flugzeugen der British Airways Spuren einer radioaktiven Substanz gefunden worden. n-tv sprach mit dem Strahlenexperten Bernd Ramm der Berliner Charit darüber, wie Polonium 210 in den Körper gelangen kann und was die Flugpassagiere zu befürchten haben.

n-tv: Warum ist Polonium 210 an sich weniger gefährlich, im menschlichen Körper aber hoch giftig?

Bernd Ramm: Polonium 210 ist ein Alpha-Strahler. Alpha-Strahlen dringen in der Regel nur 0,1 bis 0,3 Millimeter in den Körper durch die Haut ein. Man wäre also durch eine Jacke schon ganz gut geschützt. Allerdings ist es ein Höllenzeug, wenn es in den Körper hineingerät. Es löst und verteilt sich dort sehr gut und zerstört Organe von innen. 0,1 Mikrogramm ist für einen Menschen eine absolut tödliche Dosis. Was Sorge macht, ist dass Polonium 210 in den Flugzeugen festgestellt wurde, das heißt, es muss in Pulverform transportiert worden sein und sich in die Umgebung verteilt haben. Der Auffassung von British Airways folge ich nicht so ganz. Wenn es wirklich in Pulverform in den Maschinen war, besteht die Gefahr, dass die Menschen das eingeatmet haben. Da winzigste Mengen genügen, ist die Gefahr, dass die Menschen Gesundheitsschäden davontragen, relativ groß.

Gibt es bei einer Kontaktaufnahme, bei einer Verstrahlung die Chance, dem Tod zu entrinnen?

Es gibt keine Medikamente gegen Polonium 210. Es gibt chemische Substanzen, die man schlucken kann. Diese haben eine bindende Wirkung und der Stoff kann so etwas schneller aus dem Körper entfernt werden. Polonium 210 verbleibt im Körper 30 bis 50 Tage. In dieser Zeit hat sich die tödliche Dosis ausgebreitet. Die Menschen müssen nicht unbedingt sterben. Es reichen allerdings geringere Dosen, die später Krebs zur Folge haben. Der Hinweis von British Airway, man solle zum Arzt gehen, ist Blödsinn. Es ist außerordentlich schwierig Polonium 210 überhaupt nachzuweisen. Im Körper ist dies überhaupt nicht möglich. Lediglich im Urin, worüber rund zehn Prozent, oder in den Fäkalien, wo 90 Prozent ausgeschieden werden, ist ein Nachweis möglich. Es gibt nur ganz wenige Institute, die dazu überhaupt in der Lage wären.

Können Sie sich erklären, wo dieses Polonium herkommt?

Ich komme natürlich nicht aus dem Geheimdienstmilieu. Nach meinen Informationen sind nur 100 Gramm weltweit verfügbar. Es entsteht einmal in den natürlichen Zerfallsreihen durch den Zerfall von Radon. Das sind extrem wenige Mengen. Man nimmt es übrigens auch durch Tabakrauch auf, durch den man verstrahlt wird. Allerdings sind dies extrem geringe Dosen. Es wird in Kernkraftwerken und bei Atombomben als Neutronquelle benutzt. An größere Mengen kommen nur sehr ausgewählte Leute heran; mit Sicherheit keine Kleinterroristen.

Quelle: n-tv.de