Dossier

Mysteriöse Vergiftungen Litwinenko kein Einzelfall

Mit Schaudern verfolgt die Welt den Krimi um den Strahlentod des russischen Ex-Agenten Alexander Litwinenko. Auch die Erkrankung des früheren Regierungschefs Jegor Gajdar gibt Rätsel auf - war es eine Vergiftung? Der Einsatz von Gift mag manchem wie eine antiquierte Geheimdienstwaffe aus den Zeiten des Kalten Krieges vorkommen. Die jüngste russische Geschichte ist jedoch voll von mysteriösen Vergiftungsfällen, die häufig mit dem Tod des Opfers endeten. Auch ein Bekannter von Präsident Wladimir Putin soll auf diese Weise umgebracht worden sein.

In einem Land ohne unabhängige Gutachter und Gerichte ist es so gut wie unmöglich, einen heimlichen Giftanschlag mit möglichem Geheimdiensthintergrund beweiskräftig aufzuklären. Derartige Ermittlungen stoßen schnell an unsichtbare Grenzen, wie im Fall des unbequemen Duma-Abgeordneten Juri Schtschekotschichin, der im Juli 2003 überraschend starb. Offizielle Todesursache war ein Hirnödem. Parteifreunde des liberalen Politikers sind bis heute davon überzeugt, dass der Allergiker Schtschekotschichin mit einem starken Allergen vergiftet wurde. Der Journalist von der Zeitung "Nowaja Gaseta" recherchierte in vielen Korruptionsfällen. Eine Untersuchung blieb ohne Ergebnis.

Hauptziel Oppositionelle

Häufig traf es in den vergangenen Jahren Personen, die auf irgendeine Weise in Opposition zum System standen. Auch die im Oktober von Unbekannten erschossene Anna Politkowskaja soll nach Medienberichten vor zwei Jahren vergiftet worden sein. Die regierungskritische Journalistin der "Nowaja Gaseta" war nach eigenen Angaben auf dem Weg nach Beslan, wo die Geiseltragödie mit mehr als 330 Toten endete, mit einer unbekannten Chemikalie für Tage außer Gefecht gesetzt worden.

Während des Geiseldramas im September 2004 soll auch eine georgische Kollegin von Politkowskaja vor Ort in Beslan vergiftet worden sein. Das schreibt die "Nowaja Gaseta" in einer Auflistung von höchst verdächtigen Erkrankungen und Todesfällen. Die Fernsehjournalistin Nana Leschawa habe in ihrer Berichterstattung das Vorgehen der Sicherheitskräfte in Beslan scharf kritisiert und sei daraufhin von Geheimdienstleuten festgenommen worden. In Untersuchungshaft erkrankte die Georgierin schwer. In ihrem Blut seien später Spuren hoch dosierter Antidepressiva entdeckt worden, die bei der Journalistin Hirnschäden verursachten.

Ein vergifteter Brief

Bis heute ranken sich Gerüchte um den plötzlichen Tod von Roman Zepow in Putins Heimatstadt St. Petersburg. Der Geschäftsmann, einst Leibwächter der Putin-Familie, starb im Herbst 2004 an einer starken Verstrahlung am Rückenmark. Die Diagnosen: radioaktive Isotope, ein unbekanntes Gift oder Schwermetallsalze. Motiv soll eine Abrechnung im kriminellen Milieu gewesen sein. Zepow galt als Pate der Petersburger Unterwelt. Ebenfalls im Herbst 2004 verlor der damalige ukrainische Präsidentschaftskandidat Viktor Juschtschenko durch einen Dioxin-Giftanschlag fast sein Leben.

Der russische Geheimdienstexperte Andrej Soldatow glaubt bei der Vielzahl von Verdachtsfällen nicht an Zufälle. "In Russland gibt es eine Menge Leute, die über reichlich 'Kampferfahrung' verfügen und die schnelle Lösungen für ihre Probleme bevorzugen", sagt der Herausgeber des Internet-Journals "agentura.ru". In Tschetschenien kommandiere jede Geheimdienstabteilung eine eigene Gruppe von Auftragskillern. Zu deren Repertoire gehöre auch der Einsatz von Gift wie beim Tod des Rebellenführers Chattab. Der aus Jordanien stammende Terrorist starb im Frühjahr 2002, nachdem er einen vergifteten Brief aus der Hand eines offenbar vom FSB angeworbenen Vertrauten empfangen hatte.

Quelle: n-tv.de