Dossier

Das KaDeWe wird 100 Luxus und Legende

Wenn sich am Morgen die Türen am Berliner Kaufhaus des Westens öffnen, entströmt er immer wieder aufs Neue: der Hauch von Luxus. Er ist umhüllt von einer zarten Wolke feinsten Parfüms oder er manifestiert sich in den delikaten Düften der größten deutschen Delikatessen-Abteilung. Das ist seit 100 Jahren so. Das Kaufhaus richtet die erste Jubiläums-Feier zum runden Geburtstag ganz nach Berliner Geschmack aus: An diesem Donnerstag wird der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) die Geburtstagstorte anschneiden, sie ist 6,50 Meter hoch und wiegt 1,3 Tonnen. Ein solcher Superlativ mag Balsam sein für die Seelen der rekordsüchtigen Hauptstädter. Sie werden in Scharen kommen und gucken, wie immer, wenn es etwas umsonst gibt.

Schon Kaufhausgründer Adolf Jandorf hat sie sehr genau gekannt, die Vorlieben der Berliner. Als er im März 1907 im Westen der Stadt ein Warenhaus für den gehobenen Bedarf eröffnete, hat ihn so mancher Konkurrent belächelt. Der Westen Berlins, das waren damals die Stadtgemeinden Schöneberg und Charlottenburg, mit Wohnstraßen und gepflegter Bürgerlichkeit. Wer in Berlin investierte, der versuchte es zu dieser Zeit im Osten – am Leipziger- oder am Alexanderplatz. Jandorf aber nannte sein Haus sehr bewusst "Kaufhaus des Westens". Er ahnte, dass aus dieser Gegend nahe dem Kurfürstendamm etwas werden würde. Es wurde ein zweites Stadtzentrum, das lange vor dem eingemauerten West-Berlin die Gunst der Flaneure gewann.

Für die Berliner, die in ihrer temporeichen Stadt gern Worte abkürzen, ob nun S-Bahn oder Alex, war das Kaufhaus schnell das KaDeWe. Mit seinem ausgewählten Sortiment auf fünf Etagen orientierte sich der Konsumtempel an Amerika und an Paris zugleich. Bereits Wertheim hatte in Berlin Maßstäbe gesetzt und den Einkauf von einer notwendigen Tätigkeit zu einer Art Familienausflug erhoben. "Kommen Sie, schauen Sie, staunen Sie" – das war das Motto einer inszenierten Erlebnis-Warenwelt, die bis heute wenig von ihrem Spaßfaktor verloren hat. Das Sehen und Gesehenwerden kam dazu, der Klatsch, der Tratsch, ein erhaschter Blick auf Marlene Dietrich oder Billy Wilder. Das KaDeWe, das war ein Mittelpunkt in der Stadt, ein Mikrokosmos. Berlins Tourismuschef Hanns-Peter Nerger sagt noch heute, dass er nur mit gespitzten Ohren die Rolltreppen des KaDeWe hinauffahren müsse. Er wisse dann, was läuft in Berlin.

Die Historie des KaDeWe ist eine deutsche Geschichte. Gründer Jandorf verkaufte sein Haus 1927 an die jüdische Kaufmannsfamilie Hermann Tietz (Hertie). Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten wurden die Eigentümer aus der Geschäftsleitung verdrängt. 1943 stürzte ein amerikanisches Kriegsflugzeug auf das Gebäude, das KaDeWe begann einen Notverkauf. 1950 eröffnete der Neubau. Der Luxus dieser Zeit war die Grundversorgung -mit Kleidung und Lebensmitteln. Mit dem Kalten Krieg und der Teilung Berlins fiel dem Kaufhaus eine neue Rolle zu: Es wurde zu einem Schaufenster des freien Westens und besann sich bald wieder auf sein Luxussegment.

In den Tagen nach dem 9. November 1989 stürmten tausende von DDR-Bürgern das KaDeWe -es war zur Legende geworden, zum Symbol für eine paradiesische Warenwelt. Dass das Haus zu dieser Zeit eher ein wenig angestaubt wirkte, tat dem Mythos keinen Abbruch.

Mit der Übernahme von Hertie durch die Karstadt AG begann das Kaufhaus sich wieder zu einem Flaggschiff zu mausern, mit gläsernen Aufzügen, Luxus-Boulevard, Beauty-Department, Wellnessbereich - und Kinderbetreuung. Heute sieht sich das Kaufhaus wieder in einer Reihe mit Harrods in London oder den Galeries Lafayette in Paris. 50.000 Besucher kommen jeden Tag, inzwischen sind 40 Prozent von ihnen Touristen. 2000 Mitarbeiter haben 400.000 Artikel auf heute sechs Etagen, vom Knopf bis zum Kaviartöpfchen, für die Kundschaft arrangiert. Über Umsatzzahlen wird hartnäckig geschwiegen.

Doch die neuen Ladenöffnungszeiten, die an der Friedrichstraße im Osten der Stadt die Nacht zum Tag werden lassen, lässt das KaDeWe für sich nicht gelten. Das Haus schließt – Hauptstadtgefühl hin oder her – um 20.00 Uhr, nur am Freitag zwei Stunden später. So viel Luxus muss sein.

Von Ulrike von Leszczynski, dpa

Quelle: ntv.de