Dossier

Niedrige Steuern, teure Kriege Marode US-Infrastruktur

Die USA sind das reichste Land der Welt - aber ihre Straßen sind wie vieles andere in der Infrastruktur in einem erbärmlichen Zustand. Die Katastrophe von Minneapolis hat das den Amerikanern wieder einmal erschreckend klar gemacht - wie schon vor kurzem die gewaltige Explosion einer 83 Jahre alten unterirdischen Dampfleitung mitten in New York oder der Zusammenbruch der viel zu niedrigen Dämme in New Orleans beim Hurrikan "Katrina" 2005. Die US-Regierung und der Kongress wissen seit langem um die Infrastrukturprobleme des Landes. Ein kürzlich verabschiedetes Programm über 256 Milliarden US-Dollar soll in den kommenden sechs Jahren Abhilfe schaffen. Aber der US-Verband der Ingenieure sieht allein für Brücken einen Investitionsbedarf von 188 Milliarden US-Dollar - für die gesamte US-Infrastruktur seien mehr als 1,6 Billionen US-Dollar notwendig.

Das Unglück von Minnesota hat zumindest in diesen Tagen die Aufmerksamkeit der Amerikaner auf möglicherweise lebensgefährliche Brücken gelenkt - immerhin sind die meisten von ihnen 30 bis 60 Jahre alt. Die US-Regierung geht davon aus, dass rund 13 Prozent der etwa 600.000 Brücken im Land dringend Reparaturen benötigen. 2003 stellten die Behörden an jeder vierten US-Brücke Schäden fest. Am schlimmsten sehe es im Bundesstaat Rhode Island aus. Den US-Ingenieuren zufolge sind aber die Brücken insgesamt in einem immerhin noch besseren Zustand als der Rest der Infrastruktur.

Kein Land hat - trotz relativ niedriger Steuern - einen höheren Staatshaushalt als die USA. Aber kein Staat der Welt gibt auch solche enormen Summen für Verteidigung und Sicherheit aus. Allein für die Kriege in Afghanistan und im Irak müssen die US-Steuerzahler zig Milliarden US-Dollar jährlich aufbringen. Gelder, die für die marode Infrastruktur fehlen.

"Eine Brücke mitten in Amerika dürfte nicht einfach ins Wasser fallen", klagte die demokratische Senatorin Amy Klobuchar. "Wir müssen alles tun, damit eine solche unfassbare Katastrophe nie wieder passiert", forderte der republikanische Senator Norm Coleman. Der Fraktionsvorsitzende der Demokraten im Senat, Harry Reid, sprach von dem Unglück als "Weckruf": Im ganzen Land "haben wir eine bröckelnde Infrastruktur, Fernstraßen, Brücken, Dämme, die wir uns wirklich genau anschauen müssen".

Reid kann auch in der US-Hauptstadt täglich die Mängel im Alltag erleben. Denn selbst in unmittelbarer Nähe des Kongresses in Washington sind Straßen in einem miserablen Zustand, voller Schlaglöcher und Risse. Den Amerikanern nützt es im Alltag kaum, dass sie im Land mit den meisten Nobelpreisträgern, den modernsten Computern oder den am meisten gefürchteten Waffensystemen leben. Ihr Verkehrssystem kann mit dem in Westeuropa nur schwer mithalten.

Das gigantische US-Straßennetz - mit bis zu 20-spurigen Autobahnen - ist oft schlecht gewartet. Zwar gibt es tausende von Flughäfen, aber das für Reisende nutzbare Eisenbahnnetz ist dünn. Das staatliche Transportunternehmen Amtrak bietet gerade mal rund 40 Überlandstrecken an - und das in einem Land, das mit mehr als 9,5 Millionen Quadratkilometern fast 27 Mal so groß ist wie Deutschland. Die Züge sind häufig in einem miserablen Zustand, und so soll es auch um das Schienennetz stehen. In vielen Metropolen - wie New York - klagen die Bürger über veraltete und überlastete Nahverkehrszüge und Busse.

Wegen des Unglücks in Minnesota wollen die Demokraten nun im Kongress rasch mit einer Finanzspritze zur Sanierung der Brücken beitragen. "Leider braucht es eine Katastrophe, damit was geschieht", zitierte die "USA Today" den Brückenexperten Sam Maggard von der Universität New Mexico. Der Kolumnist Eugene Robinson hält es aber für wenig realistisch, dass "die Nation die Infrastrukturprobleme nun wirklich ernsthaft angeht". Das Thema sei für die meisten einfach zu langweilig, schrieb er in der "Washington Post".

Von Laszlo Trankovits, dpa

Quelle: n-tv.de